Zeitung Heute : Luxus in Guantanamo

Von Martin Kilian

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In Washington brüllt der Sommer. Luftfeuchtigkeit wie in Lagos, Temperaturen wie im Inneren eines Vulkans. Nichts wie weg, denke ich. Aber wohin? Nichts will mir einfallen – doch dann gewahre ich den Kongressabgeordneten Duncan Hunter, als Vorsitzender des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus ein mächtiger Politico und unbedingter Fan des Pentagons. Aber was macht der Abgeordnete Hunter denn da in der Pressegalerie des Repräsentantenhauses? Er bückt sich nach einem mit Essen beladenen Teller.

Hmm, sieht das aber lecker aus! Ein Menu aus Guantanamo alias Gitmo präsentiert der Abgeordnete Hunter. Er will zeigen, wie dort geschlemmt wird. Karibik! Palmen am Strand! Trockene Luft! Kuba! Lauschige Abende! Der Abgeordnete Hunter deutet auf den Teller. „Dies ist das Hauptgericht mit gebratenem Hühnchen, dazu Brokkoli, Erbsen, Reis, Pitabrot und zwei Sorten Obst“, sagt er. Mir läuft das Wasser bereits aus dem Mund. Gitmo für Gourmets!

Die Leute dort, sagt Vizepräsident Dick Cheney, seien „angemessen untergebracht und angemessen verpflegt“. Angemessen? Angemessen ist rein nichts dagegen! Luxus wird dort geboten! Ich will auch! Mambo in Gitmo! Ach was, Rumba! Und jeden Tag ein Menu vom Allerfeinsten. Drei Sterne! Dazu höchst abwechslungsreich, wie der Abgeordnete Hunter soeben informiert. Hier, bitteschön, sagt er und hebt zum Beweis einen zweiten Teller, darauf ein garniertes Gericht, in die Linsen der TV-Kameras.

Welch eine Präsentation! Welch eine kulinarische Sternstunde! Und mitten in Washington! „Das ist, was Osama bin Ladens Leibwächter mehrmals pro Woche essen – Huhn in Zitronensauce, Reis, Brokkoli, Karotten, Brot und zwei Sorten Obst.“ Ob ich statt des Brokkolis vielleicht Zucchini haben könnte? Ich bin etwas eigen mit Legumes.

Nicht nur das Essen aber ist ein Traum in Gitmo. Die musikalischen Darbietungen sind von allerhöchster Qualität. Ein in Gitmo urlaubender Saudi namens Mohammed al-Kahtani durfte sogar der heißen Chanteuse Christina Aguilera lauschen! Damit er ja nicht einschlief, sondern munter plauderte. „What a girl wants“ hauchte Christina unter Palmen. Leider stehe ich mehr auf Schwermetall. Vielleicht weiß der Abgeordnete Hunter, ob in Gitmo Heavy Metal verfügbar ist. Vielleicht im Rahmen eines Wunschkonzerts? Für mich bitte Angus Young und die Schwermetaller von AC/DC! „Highway to Hell!“ Und zum Einschlafen Perry Como oder Doris Day. Au ja! Doris Day!

Der Abgeordnete Hunter beschäftigt sich noch immer mit der Speisekarte. Er sollte sich lieber über die Matratzen in Gitmo auslassen. Ist das Paradies gut gefedert? Rückenschonend? Aber nein, der Abgeordnete Hunter schwelgt in Viktualien und deren Zubereitung. Die diversen Hühnergerichte seien „nicht Höhepunkte des Speiseplans“, sagt er. „Die Killer essen das jeden Tag.“ Was? Jeden Tag Huhn? Wie wäre es – dann und wann! – mit einem Duo von welkem Blattspinat und sautiertem Wirsing? Oder Lachs?

Aber ich will nicht kritteln. Der Abgeordnete Hunter versichert nämlich, die Gäste in Gitmo würden „sehr gut behandelt“. Und „nur ein paar Fälle illegalen Berührens“ hätten sich „in den vergangenen Jahren“ ereignet. Illegale Berührungen? Urlaubt Michael Jackson in Gitmo? Er wurde doch gerade freigesprochen. Ein schwieriges Terrain, diese Ferien in der Karibik. Die Gitmo-Gäste, weiß der Abgeordnete Hunter, hätten es „niemals zuvor in ihrem Leben so komfortabel“ gehabt. Lasst mich dorthin! Komfort für mich!

Aber, Moment mal. Wie soll ich nach Gitmo kommen? Das verdammte Embargo gegen Castro verbietet Flüge nach Kuba. Und überhaupt ist es in den Vereinigten Staaten streng untersagt, nach Kuba zu reisen. Das ist mal wieder typisch für den Spätkapitalismus: Man wedelt vor meiner Nase mit einem Ferienparadies herum, um es mir sodann zu verwehren. Es ist zum Ausrasten, nicht wahr?

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