Zeitung Heute : Mädchen sein

Heike Jahberg

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Wenn man bei Google nach „Mädchen“ sucht, bekommt man folgende Angebote: eine Zeitschrift gleichen Namens, in der es vor allem um Mode, Stars und Sex geht, einen Netzdoktor, der über Selbstbefriedigung informiert und eine Vorschau auf den nächsten Girls’ Day, bei dem Mädchen in die Betriebe gehen und schrauben dürfen. Der Girls’ Day ist gesponsert von der Bundesregierung, die anderen Links nicht. Das heißt also: Wenn man sie lässt, interessieren sich Mädchen für Sex und Schminke. Wenn man sie zwingt, auch für Feilen und Fräsen.

Linda wird man wohl zu nichts zwingen müssen – außer vielleicht zum Mädchen-Sein. Von Geburt an sind ihr nämlich alle typischen Mädchen-Passionen schnuppe. Puppen fliegen in die Ecke, ihre Barbie hat sie verschenkt – an einen Kindergartenfreund. Während Friedrich jetzt hingebungsvoll die langen Haare kämmt und seiner Barbie verschiedene Schuhmodelle überstreift, rennt Linda mit gezücktem Schwert durch den Kindergarten, um zu kämpfen. Statt Blümchen- oder Pony-Unterwäsche trägt sie Spiderman-Tops. Ballettstunden können wir uns schenken, stattdessen suchen wir nach einem Fußballverein, in dem auch kleine Spielerinnen trainieren können. Auch im Kino steht Linda eher auf Handfestes: „Lauras Stern“ findet sie langweilig, „Die Unglaublichen“ dagegen super – kein Wunder, Superhelden halten zusammen.

Nur in zwei Dingen ist auch Linda ein typisches Mädchen. Sie hasst es, für einen Jungen gehalten zu werden. Und sie will endlich lange Haare haben. In der Tat: Wie ein Junge schaut sie inzwischen auch wirklich nicht mehr aus. Außerdem trägt sie Hüte. Doch das scheint zur Geschlechter-Zuordnung nicht zu reichen. Neulich fuhren wir U-Bahn, und Linda dachte sich allerlei Schimpfwörter für ihren großen Bruder aus. Sehr zum Entzücken zweier älterer Russen, die versuchten, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Zehn Stationen fuhren wir zusammen, dann verabschiedeten sie sich, nicht ohne zu fragen: „Skolko jemu ljet? Wie alt ist er?“ „Nix er“, sagte ich, „sie“ – „djewotschka, Mädchen“. „Mädchen hat Herz wie Mann“, sagten die beiden und stiegen aus.

Der nächste Girls’ Day findet am 28. April statt. „Die Unglaublichen“ laufen noch im Kino.

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