Zeitung Heute : Männer am surrenden Spinnrad

SANDRA LUZINA

Alles zweifach: Jo Fabians "Unverhofftes Wiedersehen" im Berliner Hebbel-TheaterSANDRA LUZINAMit seinem Patenkind Jo Fabian startet das Hebbel-Theater in das neue Jahr.Von dem ungemein produktiven Künstler sind zwei Inszenierungen zu sehen, die im letzten Jahr in Frankfurt / Oder und in Jena aufgeführt wurden."Unverhofftes Wiedersehen" bildete den Abschluß eines dreiteiligen Romantik-Projektes im Theaterhaus Jena und wurde nun erstmals in Berlin gezeigt.Die Aufführung basiert auf der berühmten Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel.Fabians Inszenierung ist ein szenischer Kommentar zu Hebel, zudem eine Reflexion über die Zeit und das Warten. Aus ironischer Distanz nimmt er die romantische Lebenshaltung - oder das, was man dafür hält - ins Visier.Zwei Männer lehnen am Fenster und blicken hinaus ins Dunkel.Die Männer mit den Bowler-Hüten und den schwarzen Anzügen scheinen den Bildern René Magrittes entsprungen - Fabians vertraute Kunstfiguren sind komische Käuze, philosophische Clowns, die über die kleinen Absurditäten der Existenz stolpern.Die Bühne ist in perfekter Symmetrie gestaltet: das Geschehen, das eher einer Zustandsbeschreibung gleicht, spielt sich vor einer Wand ab, die zwei Fenster und zwei winzige Türen zu ebener Erde aufweist.Zwei Stühle, zwei Uhren, zwei Lampen, zwei Spinnräder - alles findet sich zweifach.Mit theatralen Doubles und Verdoppelungen treibt Fabian sein hintersinniges Spiel.Laut Roland Barthes wird historisch betrachtet der Diskurs der Abwesenheit von der Frau gehalten.Bei Barthes findet sich auch der Verweis auf die Spinnerinnen. Jo Fabian läßt nun zunächst die Männer am surrenden Spinnrad sitzen, die gleichförmigen Bewegungen machen das Verstreichen der Zeit augenfällig.Das Bild ist von untergründiger Komik.Ausgehend vom Vertrauten macht Fabian kleine Verschiebungen und Verkehrungen sichtbar.Den Blick lenkt er auf das unscheinbare Detail, das nun wie unter dem Vergrößerungsglas erscheint.Aus alltäglichen, wie beiläufigen Gesten entstehen beredte Tänze, die von den Schauspielern überaus präzise ausgeführt werden.Nichts geschieht - doch diese Ereignislosigkeit ist dicht und kunstvoll gestaltet, punktiert von Verlegenheits-Floskeln.Endlich zeigt sich das lang Erwartete und doch Unverhoffte.Zwei Frauen mit Blumenstrauß und Regenschirm flanieren am Fenster vorbei.Eine Erscheinung, zu schön, um wahr zu sein.Ein Phantom in Rot, verlockend und ungreifbar.Jenseits der Wand dann, im Reich der Frauen: das gleiche Interieur, der gleiche Zustand des Wartens.Doch bei Fabian - anders als bei Hebel - ist das Warten wohl vergeblich.Männer und Frauen können nicht zueinander kommen, doch die Liebe ist auch nicht stärker als der Tod.Dem Sich-Verfehlen gewinnt Fabian eine leise Komik ab; er geriert sich nicht als letzter Romantiker, und doch verrät er die Sehnsucht nicht.Ein Abend von heiterer Melancholie.

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