Männerfreundschaften : Wieder beste Freunde

02.09.2012 00:00 UhrVon Lydia Brakebusch
Der Film „Ziemlich beste Freunde“ erzählt von einer engen Freundschaft, die es selten gibt: Männer pflegen meist oberflächlichere Kontakte. Foto: dpa Bildfunk
Der Film „Ziemlich beste Freunde“ erzählt von einer engen Freundschaft, die es selten gibt: Männer pflegen meist oberflächlichere Kontakte. - Foto: dpa Bildfunk

Zwischen Freunden kann es so heftig krachen wie bei Paaren. Besonders Männer haben Probleme, damit umzugehen. Und was dann? Ein Therapeut kann helfen. Oder ein überraschender Brief an den Kumpel.

Plötzlich war alles anders. Plötzlich sagte er nicht mehr: „Welches Restaurant? Das kannst Du entscheiden“. Plötzlich sagte er: „Darauf habe ich keine Lust, ich will was anderes machen!“ Er wollte stark sein, seinem besten Freund nicht mehr die Bestimmerrolle überlassen. So vieles hatten sie gemeinsam durchgestanden: schwere Krankheiten, schmerzhafte Trennungen von Partnerinnen, berufliche Stressphasen. Freud und Leid hatten sie immer geteilt, seit damals, seit der Studienzeit. Andreas Kaiser*, 47, und Jens Schumann*, 53, konnten 30 Jahre lang immer auf den anderen zählen. Sie waren fast wie ein Ehepaar. Und irgendwann kam, was auch bei Ehepaaren irgendwann kommt: der ganz große Krach.

Wolfgang Krüger ist Experte für solche Situationen. Der Berliner Psychotherapeut hat eine Praxis in Moabit. Mit seiner sonoren Stimme könnte er auch Hörbücher lesen. Sitzt er an seinem meterbreiten Arbeitstisch, im Rücken Bücherregale bis unter die Decke, und erzählt von seinem besten Freund, mit dem er sich regelmäßig verkracht und ihm dabei immer näherkommt, muss er breit lächeln. Krüger ist Freundschaftstherapeut.

In jahrelanger Arbeit mit Patienten hat er festgestellt: Oft hängen psychische oder psychosomatische Beschwerden mit Konflikten innerhalb des – wie Psychologen sagen – „sozialen Dorfs“ zusammen. Zum sozialen Dorf, dem Fundament aus stabilen Beziehungen, das uns im Leben Halt gibt, gehören nach Krügers Einschätzung drei gute Freunde und zirka zehn mittlere. Und in diesem Dorf liegt oft einiges im Argen. „Die meisten Leute kommen nicht zu mir, weil sie eine Freundschaftstherapie machen wollen“, sagt der 64-Jährige. „Sie kommen mit Kopfschmerzen, Depressionen oder Schlafstörungen.“ Oft stellt sich heraus, dass bei diesen Patienten Freundschaften ganz fehlen oder nicht zufriedenstellend sind. Krüger gibt dann Anleitung, wie man lernt, Freunde zu finden. Oder er analysiert die Ursachen von Streitigkeiten. Entweder mit einem der Beteiligten oder in einer gemeinsamen Therapie, ähnlich der Paartherapie.

60 Prozent aller Menschen, die mit jemandem befreundet sind, halten diese Freundschaft für verbesserungswürdig. Und nur zwei Drittel aller Frauen und ein Drittel aller Männer, sagt Krüger, haben überhaupt einen wahren Freund – einen, dem man ausnahmslos alles anvertrauen, auf den man sich immer verlassen kann. „Aber wir brauchen Freunde für die innere Stabilisierung, die innere Sicherheit“, sagt der Therapeut. Denn die innere Sicherheit hält fit. Eine australische Langzeitstudie mit 1500 Über-70-Jährigen ergab: Enge Freundschaften können die Lebenserwartung um 22 Prozent erhöhen und haben demnach weit mehr heilende Wirkung als das familiäre Umfeld.

Dennoch neigen wir dazu, Freundschaften zu vernachlässigen oder sie, je nach Lebenslage, auszutauschen: Ein neuer Job bringt einen neuen Bekanntenkreis, die Geburt eines Kindes die Spielplatzfreundschaften, die Trennung vom Partner bedeutet oft auch die von seinem Freundeskreis. Oder eine ungeklärte Krise sorgt für den Bruch. Auch Schauspieler Andreas Kaiser und Manager Jens Schumann sahen sich immer seltener und entschieden sich deshalb für die Therapie. Die beiden wollen ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie – wie viele der Patienten, die Krüger in seiner Praxis empfängt – prominent sind. Womöglich bekommen Prominente den Unterschied zwischen tiefer Freundschaft und oberflächlicher Bekanntschaft besonders schmerzlich zu spüren: „Die Freunde, die man um vier Uhr nachts anrufen kann, die zählen“, hat Marlene Dietrich gesagt. Oder aber sie können sich die Therapie schlicht leisten.

Da eine Freundschaftskrise häufig mit psychosomatischen Symptomen wie ständiger Unruhe oder Depressionen verbunden ist, zahlt jedoch oft die Krankenkasse. Ansonsten kostet eine Beratungsstunde 80 Euro, bei geringen Einkünften wird der Preis an das Einkommen angepasst.

Freundschaften werden immer wichtiger, gerade in einer Stadt wie Berlin, der Hochburg der sogenannten LAT-Beziehungen. LAT – Living apart together – steht für das immer beliebtere Konzept der autonomen Liebesbeziehung: Getrennt wohnen, sich dreimal die Woche treffen und den Rest der Zeit in Freundschaften investieren. Doch selbst dann fehlt die Zeit für intensiven Austausch, der Facebook-Chat ersetzt oft den Kaffeeklatsch. Alle sieben Jahre verlieren wir 50 Prozent unserer Freundschaften und ersetzen sie durch neue. Die alten Vertrautheiten sterben dabei einen „leisen Tod“, sagt Wolfgang Krüger. Selten endet eine Freundschaft mit einem lauten Knall, wie es in Beziehungen oft der Fall ist. Sie schläft einfach ein: Die Anrufe werden seltener, es kommen keine Treffen mehr zustande.

Um das zu vermeiden, rät Krüger, mindestens ein oder zwei Stunden in der Woche für Freundschaften zu reservieren. 70 Prozent aller Frauen aber vernachlässigen zu Beginn einer Beziehung sogar ihre beste Freundin. Während sie sich nach einigen Monaten meist wieder auf ihr soziales Umfeld besinnen, sind vor allem Männer gefährdet, sich zu sehr in der Beziehung einzuigeln. „Die meisten Männer sind in einer erheblichen Weise von Frauen abhängig, suchen sich zu wenig Rückhalt außerhalb der Beziehung“, sagt Wolfgang Krüger. Das hat fatale Folgen. Nach einer Trennung ist die Selbstmordrate unter Männern siebenmal so hoch wie bei Frauen. Und 60 Prozent aller Trennungen gehen von Frauen aus.

Generell sieht der Therapeut noch immer große Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfreundschaften. Während Frauen dazu neigen, sich gegenseitig ihr Leid zu klagen – Ärger im Job, Zoff mit dem Freund – und so ein Gefühl der Solidarität zu entwickeln, seien Männer häufig in oberflächlichen Freizeitfreundschaften verbunden. Und die seien geprägt von der gegenteiligen Tendenz: Man erzählt sich, was alles gut läuft – was habe ich geschafft, was hast du geschafft? Das birgt die Gefahr des Konkurrenzdenkens. Eine Entwicklung zu tiefergehenden Männerfreundschaften sei erkennbar. Aber das brauche noch Zeit. Der französische Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“ ist für ihn sinnbildlich: „Warum lieben die Menschen diesen Film so sehr? Weil sie eben doch noch etwas Besonderes ist, eine so tiefe Freundschaft zwischen zwei Männern.“

Andreas und Jens sind mehr als ziemlich beste Freunde. Sie haben eine Männerfreundschaft, die es mit jeder Frauenfreundschaft locker aufnehmen kann. Sie haben sie gepflegt, egal, wie die Lebenssituation gerade war, haben regelmäßig telefoniert, sich an den Wochenenden getroffen, etwas gemeinsam unternommen. Und dann? Im Grunde war ja nichts Schlimmes geschehen: Der Schauspieler, der auf der Bühne immer selbstbewusst, im Leben aber zurückhaltend war, hatte gelernt, öfter seine Meinung zu sagen. Wo er sich früher unterordnete, wollte er plötzlich mitbestimmen. Und stieß damit sein gesamtes Umfeld vor den Kopf. Je weniger sich Andreas, der sich über seine eigene Entwicklung freute, verstanden fühlte, desto mehr schaltete er auf Angriff. Doch Jens verstand die Welt nicht mehr, erkannte seinen Freund nicht wieder, reagierte abwehrend. Funkstille.

Sieben Therapiestunden brauchte Wolfgang Krüger für die Klärung des Konflikts. Zunächst wird herausgearbeitet, was die beiden aneinander schätzen, was die Basis der Freundschaft ist. Der nächste Schritt ist die Analyse der Ungleichheit. Jede Freundschaft, wie auch jede Beziehung, ist von Ungleichheiten geprägt: Der eine ist stärker, der andere fordert mehr Nähe ein. Der eine ist impulsiv, der andere zuverlässiger. Das ist normal. Wichtig ist die Einsicht: Warum sind die Rollen so verteilt, wie sie verteilt sind? In den Gesprächen mit dem Freundschaftstherapeuten stellte sich heraus: Andreas, Sohn einer dominanten Mutter, hatte eher gelernt, zuzuhören. Jens hingegen hatte als Ältester in der Familie schon früh das Sagen. Doch – das war Teil der folgenden Empfindlichkeitsanalyse – als er einen Bruder bekam, fühlte er sich zurückgesetzt. Ein Gefühl, das auch später bei ähnlichen Veränderungen zu einem irrationalen Verlustgefühl und massiver Überreaktion führte.

In der Therapie konnte dieser alte Ballast ans Licht geholt und bearbeitet werden. So wurde das Schweigen zwischen Andreas und Jens gebrochen. Wolfgang Krüger erklärte den beiden, dass eine Freundschaft nach einem solchen Konflikt Luft zum Atmen, zur Veränderung braucht. Er riet ihnen, sich weiter zu treffen, aber soziale Puffer einzubauen – sich mehr im Freundeskreis zu sehen, gemeinsam mit anderen ins Theater zu gehen.

In der Paartherapie liegt Wolfgang Krügers Erfolgsquote zwischen 30 und 35 Prozent, in der Freundschaftstherapie bei über 80 Prozent. „Das emotionale Hochbrezeln ist geringer als bei Paaren, weil auch die Abhängigkeiten geringer sind. So erkennt man viel klarer, was passiert ist. Bei Paaren blickt man oft erst gar nicht durch, weil so viele Dinge zusammenspielen.“ Wichtig sei es deshalb, Konflikte früh und geschickt anzusprechen, ohne den anderen zu verletzen.

Wie zwischen Partnern gilt in einer engen Herzensfreundschaft: Wer fünfmal gelobt hat, darf einmal kritisieren, sonst übersäuert die Beziehung. Krüger rät, ähnlich wie in der Liebe, an der Freundschaft zu arbeiten, damit sie nicht einfach so dahindümpelt. Warum nicht den Jahrestag einer Freundschaft feiern? Warum nicht dem besten Kumpel statt eines Liebesbriefs einen Freundesbrief schreiben? Erzählen, warum er einem wichtig ist, was man an ihm schätzt. Und, wenn nötig, in diesem Rahmen auch Dinge einbauen, die man gerne ändern würde. „Eine meiner Kernerkenntnisse ist: So gut wie alle Menschen sind superempfindlich“, sagt Krüger. „Und die Zweite: Fast alle reagieren unheimlich positiv auf wirkliche Anerkennung.“ Deshalb die Idee mit dem Brief. Wird die Freundschaft auf diese Art gehegt, kann ihr auch ein Konflikt nichts anhaben. Er kann sogar förderlich sein – ihr neue Tiefe geben. Andreas Kaiser und Jens Schumann entscheiden jetzt im Wechsel, in welches Restaurant sie gehen und welchen Film sie im Kino schauen. Sie sind noch immer Herzensfreunde.

Und wie finden Menschen so einen Herzensfreund? Da muss Wolfgang Krüger wieder schmunzeln. „Das kann ganz schnell gehen.“ Er selbst meldet sich regelmäßig alleine zu Fahrradtouren des Deutschen Fahrradclubs an, da komme man schnell ins Plaudern. „Zack. Nach zehn Minuten ist das Gespräch beim Beruf, nach zwanzig Minuten bei der Mutterbeziehung.“ So sind sie, die Therapeuten.

* Namen geändert

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