Zeitung Heute : Märchenflöte

ECKART SCHWINGER

Kornelia Brandkamp, Gerd Albrecht und das DSOECKART SCHWINGERWie bekommt man den schwierigen Sinfoniker Schumann am ehesten in den Griff? Der Schumannschen "Zweiten" versuchten kürzlich Daniel Barenboim und die Philharmoniker nach Art musizierender Himmelsstürmer beizukommen.Gerd Albrecht lag weniger an solch sportlicher Feuerprobe.Er setzte bei der Sinfonie Nr.2 in C-Dur op.61 von Robert Schumann mit dem vielschichtigen Beziehungsgeflecht, mit den vielen disparaten Elementen und den tragischen, wohl nie ganz zu entschlüsselnden autobiographischen Momenten auf ein geistiges Abenteuer.Und das bereitete nunmehr in der Philharmonie ein Vergnügen für sich.Zumal das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit einem ganz entschlackten, klaren Klangstil, hellhöriger Deklamation und technischer Delikatesse in Aktion trat. Gerd Albrecht, der vornehme, entdeckungsfreudige, klug disponierende Mann am Pult, mied auch dabei alle ausgetretenen Pfade und dirigierte ohne den verzweifelten Kampf, gerade bei diesem Schumann das Äußerste erreichen zu müssen.Und dennoch gelang es ihm scheinbar mühelos, die Bach-, Mozart- und Mendelssohn-Reverenzen, die in dieser Schumann-Sinfonie zu finden sind, überhaupt all die widerstreitenden Elemente zu einem fesselnden Ganzen von kontrastvoller, geradezu zeitnaher Expressivität zu verbinden. Ohne über die hintersinnigen Bach-Bezüge hinwegzugehen, förderte er die bislang wenig beleuchtete Mozart-Nähe des Werkes auf ungewöhnlich schöne, filigrane und lichtdurchlässige Weise zutage.Das oft zu Tode gehetzte und neuerdings auch gern dämonisierte Scherzo verlor zwar nicht seine Ambivalenz, kam aber in ganz unforcierter Pointierung beziehungsweise funkelnder Eleganz daher.Und das schmerzdurchdrungene Adagio hat man selten einmal in solch moderner Transparenz erlebt.Die großen, freilich nie ganz ungebrochenen Glanzpunkte sparte sich Albrecht für das Finale auf. Einen komödiantisch lockeren und zugleich nachdenklich stimmenden Auftakt in diesem Konzert des DSO unter Gerd Albrecht in der Philharmonie gab es mit Viktor Ullmanns Ouvertüre zu der Oper "Der zerbrochene Krug" op.36.Die 1942 im Schatten des nahenden KZ-Todes geschriebene, anspringend lebendige, pikant gemixte, sogar leicht jazzige Ouvertüre läßt trotz einiger elegischer Töne so gar nichts von Todesangst ahnen.Dazu paßte das so brillant quirlige wie charmante Flötenkonzert von Jacques Ibert aus dem Jahr 1934.Die DSO-Soloflötistin Kornelia Brandkamp musizierte es mit märchenhaft leichter Musikalität, glitzernder Technik, einem pastellfarbenen Ton und schier unendlichem Atem.Und zudem mit einer einschmeichelnden Kantabilität und so gewitzten wie wirkungssicheren Artistik, die das Publikum beeindruckten.Zumal Albrecht und das Orchester in puncto Clarté, die den Franzosen so viel bedeutet, ebenfalls nichts zu wünschen ließen.

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