Zeitung Heute : Märchenland Dänemark!?

Betrachtungen über ein Land und eine Stadt, die uns näher sind, als wir glauben

Christoph Stroschein

Es war einmal vor drei Jahren, da wurde ein Sohn in eine dänische Stiftung berufen. Viele Flüge zwischen Berlin und Kopenhagen waren die Folge, und es waren Flüge wie zwischen zwei Welten. Er flog in ein Land, in dem reiche Männer dem Staat Opernhäuser schenkten, wo Metrozüge fuhren ohne Fahrer, wo die längsten Brücken in Europa gebaut und geplant wurden und die ganze Nation der Königin liebsten Hund suchte, als er ihr verloren ging. Des Dänen Tag begann mit einer Kerze auf dem Frühstückstisch, was den ganzen Tag dann so ähnlich weiterging, nämlich hyggelig – gemütlich –, weswegen sie dann auch noch die weltweit höchste Kerzenproduktion pro Einwohner hatten.

Erfahrung und Erinnerung konditionieren die Menschen fürs Leben. Schwer, da ein Bild wieder aufzubrechen. Im konkreten Fall ist Sohn in einem gut bürgerlichen Berliner Elternhaus aufgewachsen, Eltern Architekten, demnach war das ganze Haus ziemlich design-bewusst eingerichtet. Was chic aussah, kam aus Skandinavien und wurde während der sommerlichen Strandurlaube dort eingekauft. Sohn lud nun zu Weihnachten Eltern nach Kopenhagen ein wie zum Beweis, dass das stimmt, was er da die ganze Zeit in den letzten Jahren erzählt hatte, nämlich dass Dänemark ein Wunder ist, das man sich in Berlin gar nicht mehr vorstellen könne.

Eltern bestiegen also das Flugzeug in der festen Überzeugung, man wird sich schon zurechtfinden zwischen dem Alt-Bekanntem und dem – nun ja – paar Neuigkeiten. Nach drei Tagen gab es dann das finale Abendessen in Kopenhagen. Sohn lud ein, aber es änderte nichts daran, dass Eltern Eltern bleiben. Warum ich nicht mit Familie nach Kopenhagen ziehe? Warum ich nicht früher gesagt hätte, wie großartig und modern dieses Land geworden ist ? Warum das keiner in Berlin weiß, wie die hier alles gelöst hätten – jedes Detail sei ein Erlebnis! Sie meinten den mit edlem Holzfußboden ausgestatteten und im Service perfekten Flughafen, die Hafenumgestaltung, die vielen kleinen Geschäfte, die unglaublich netten Menschen, die Mode – kurz den Spirit.

Zwei Beispiele einer ehemals engen Verflechtung zwischen Kopenhagen und Berlin: An jedem Freitag bestieg das feine Kopenhagener Publikum das Schiff von Kopenhagen nach Stettin, um dann mit dem Zug von Stettin in eines der Berliner Theater zu fahren. Dafür ließ Preußen seine Militärs auch in Kopenhagen ausbilden. Ein Herr Moltke war auch dabei.

Nur fünf Flugpaare verbinden heute Berlin mit Kopenhagen und der Øresundregion . Mit der Schaffung der Øresundregion wollen die Südschweden und die Ostdänen erreichen, im wirtschaftlichen Wettbewerb sowohl in Europa als auch auf der Welt führend zu sein.

Was ihnen gelingt: Die Øresundregion ist der erfolgreichste grenzübergreifende Zusammenschluss einer Region in Europa. Sie zählt zu den 20 wichtigsten Technologieregionen auf der Welt. Die schwedischen und die dänischen Studenten können nicht nur alle Bibliotheken gemeinsam benutzen, sondern in der Region auch ihren ganz individuellen Studienplan zusammenstellen. Berlin und Brandenburg haben es noch nicht einmal geschafft, dass ein Brandenburger Student sich in Berlin ein Buch ausleihen kann.

Und was immer passiert, wenn zwei sich zusammenschließen und trotzdem im Wettbewerb stehen: Die Kultur profitiert am meisten davon. Es wird anspruchsvoller gebaut als je zuvor und eine neue frische und lebendige Szene von Modemachern, Musikern und Künstlern entwickelt sich. Der Ostseeraum wird laut EU der prosperierende neue Wirtschaftsraum der EU werden. Es sind Zuwachsraten von 250 Prozent für die nächsten 15 Jahre prognostiziert.

Und Berlin? Berlins historisches Tor zur Ostsee war einst das nur 120 Kilometer entfernt liegende Stettin. Berlin war Ostsee. Und Berlin hat dies vergessen. Erst Pisaschock und die Entwicklung von vorbildlichen Arbeitsmärkten hat den Norden und somit Dänemark wieder ein wenig in unser Bewusstsein gerückt, dass jenseits der Klischee-Bilder des dänischen Strandes und des skandinavischen Designs liegen.

Dabei kann Berlin gerade von Kopenhagen viel lernen, mit Zielstrebigkeit, analytischer Klugheit, kreativer Orginalität und strategischer Weitsicht Lösungen zu finden, die zukunftsfähig machen. Denn die Stadt lag vor 15 Jahren noch vollkommen danieder. Zeit für Berlin, den Norden neu zu denken und zu erfahren.

Der Autor ist Professor für Stadtplanung an der TU Cottbus.

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