Zeitung Heute : „Märkische Behörden haben schleichende Giftgefahr vertuscht“

26.03.2002 00:00 UhrVon Der Tagesspiegel

Noch vor einem Jahr haben im dioxinverseuchten und erst jetzt gesperrten Tümpel unmittelbar am Ortsrand von Diepensee bei Schönefeld womöglich Kinder gebadet: Dabei ist die jetzt gemessene Dioxinkonzentration sogar mehr als doppelt so hoch wie im Umfeld des Chemiewerks Seveso nach der Katastrophe von 1976. Mit 34 000 Nanogramm Dioxin je Kilogramm sei der zulässige Grenzwert um das 350-fache überschritten, teilte der Bürgerverein Brandenburg Berlin (BVBB) gestern mit. Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen märkische Behörden und präsentierte Beweis-Unterlagen: Danach war ihnen bereits seit 1992 bekannt, dass von der nahen Kläranlage Diepensee Dioxingefahren ausgehen – trotzdem schritten sie nach BVBB-Ansicht nur ungenügend ein.

Nach den amtlichen Dokumenten lagern in der stillgelegten Kläranlage schon seit Jahren 800 Tonnen Klärschlamm. Davon sind 200 Tonnen hochgradig dioxinverseucht – mit einer Belastung über dem Grenzwert von 10 000 Nanogramm je Kilo, ab dem eine Giftmüllentsorgung zwingend vorgeschrieben ist. Dass die Entsorgung als Sondermüll bislang unterblieb, könne man „als Umweltkriminalität bezeichnen“, sagt Professor Heinz Hötzl, Grundwasser- und Altlastenexperte an der Universität Karlsruhe.

In einem Schreiben des Landratsamtes vom Januar 2002 heißt es: „Unstrittig ist, dass diese Lagerung gesetzlichen Anforderungen nicht entspricht.“ Was das Landratsamt und das Umweltministerium bestreiten: Nach Einschätzung von Wissenschaftlern ist nicht ausgeschlossen, dass über Bodenerosion und Grundwasser das Gift in die Umgebung getragen wird. So sagt der Toxikologe Professor Rainer Frentzel-Beyme von der Universität Bremen: Zwar könne der Fall Schönefeld nicht direkt mit der Seveso-Wolke verglichen werden, weil es hier um eine „schleichende Gefahr“ gehe. „Aber die Dimension der Einwirkung ist genau so stark.“ Frentzel-Beyme fordert eine gesundheitliche Untersuchung der Bevölkerung in den umliegenden Orten.

Das Fazit von Ferdi Breidbach vom Bürgerverein: Grobe Versäumnisse, der Öffentlichkeit vorenthaltene Informationen, eine Vertuschungsarie, um das Flughafenprojekt nicht zu gefährden. Den Brandenburger Behörden ist das Dioxin-Problem von Diepensee schon seit 1992 bekannt: So vermerkte das Landesumweltamt 1996, dass man „eine Gefährdung des Grundwassers rund um den Flughafen nicht ausschließen“ könne. Es registrierte „havarieartige Zustände“ in der maroden Kläranlage, eine „Dioxinbelastung des anfallenden Schlamms“, eine „Gefahr der Grundwasserkontamination“. Und, so der damalige Vermerk: „Stellen einer Strafanzeige gegen Unbekannt sollte erwogen werden.“ Die untere Wasserbehörde des Landratsamtes stellte im August 1996 fest, dass die Dioxine „Konzentrationen in besorgniserregender Höhe“ erreichen, dass das Gift auch „in umliegende Fluter gelangt sein könnte“. Nach einem Gutachten von 1996 hatte die Kläranlage Diepensee im Vergleich aller 6000 Kläranlagen der Bundesrepublik die höchste Dioxinkonzentration. Und das Umweltministerium, damals geführt von Matthias Platzeck stellte fest: „Es besteht der dringende Verdacht kriminellen Handelns bei der Ableitung von Dioxinen im Abwasser.“ Hinzu kommt, so ein Vermerk, dass bis 1990 Klärschlamm mittels Tankfahrzeugen ausgebracht wurde. „In den Wald.“ Mitte der 90er Jahre wurde ein Teil der Giftschlämme verbrannt, bis dem Abwasserverband das Geld ausging.Thorsten Metzner

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