Zeitung Heute : Magere Zeiten

Grenzenloses Wachstum, Konsum auf Kredit – amerikanische Glaubenssätze geraten ins Wanken. Wie verändert die Finanz- und Wirtschaftskrise den Alltag der Vereinigten Staaten?

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Fotos: Promo, Mike Wolff; Montage: Thomas Mika

Mit dem Beginn des neuen Jahres hat sich das Bild in den Supermärkten der US-Hauptstadt und auf den Parkplätzen verwandelt. Bis Silvester verließen die Kunden die Kassenbereiche mit Unmengen von Plastiktüten. Neuerdings schleppen immer mehr Menschen Jutetaschen und Weidenkörbe zu ihren Autos.

Seit Neujahr verlangt die Stadt Washington DC, dass die Geschäfte, die Lebensmittel und Alkohol verkaufen, ihren Kunden für jede Plastiktüte eine Strafgebühr von fünf Cent abziehen und an die Stadtkasse abführen. Die treibende Kraft dabei war nicht der Umweltschutz, sondern die Budgetnot, die sich durch die Wirtschaftskrise erheblich verschärft hat. Seit Monaten haben sich auch die Parkgebühren in der Innenstadt verdoppelt, auf zwei Dollar pro Stunde; sie werden nun zudem bis 22.30 Uhr erhoben.

Die „bag tax“ (Tüten-Steuer) ist nur ein Beispiel von vielen, wie sich Amerikas Gesellschaft im Zuge der Krise verändert. In den Medien dominiert die Terrorgefahr. Im Vergleich dazu bleiben unscheinbare Veränderungen wie der Gebrauch von Einkaufstasche statt Plastiktüte nahezu unbemerkt.

Ähnliches gilt für die Zunahme der Frauen im Arbeitsleben. In wenigen Wochen wird ihr Anteil in den USA höher sein als der der Männer. Es ist unschwer vorherzusehen, dass solche ökonomischen Dynamiken den Alltag und die Lebensgewohnheiten der Bürger sowie den Umgang der Geschlechter miteinander auf Dauer tiefgreifender verändern werden als die Bedrohung durch Extremisten. Krisen bringen Leid über viele Menschen. Sie beschleunigen aber auch überfällige Anpassungen an die Realität.

Drittes Beispiel: Für die Vermögensverhältnisse durchschnittlicher Amerikaner war die Dekade 2000 bis 2009 ein verlorenes Jahrzehnt. Zum ersten Mal seit Beginn systematischer Erhebungen in den 1940er Jahren hatte die Masse der Haushalte am Ende des Jahrzehnts weniger verfügbares Einkommen als zu dessen Beginn; auch der „net worth“ – die Nettosumme aus Immobilienwert, Altersvorsorge und anderen Rücklagen minus aufgenommene Schulden – war gefallen.

Dieser Nettovermögenswert war (inflationsbereinigt) im Lauf der 90er Jahre noch um 58 Prozent gestiegen, in den 80ern um 42, in den 70ern um 28 und in den 60ern um 44 Prozent. So entstand der Glaube, dass es mit Lebensstandard, Konsum und Wohnkomfort nur weiter aufwärtsgehen könne. Es dauerte Jahre, ehe diese Gewissheit Risse bekam. Als zu Beginn des jüngsten Jahrzehnts erst die IT-Blase platzte und die Börsenkurse stürzen ließ, als der Terroranschlag von 9/11 folgte und den Wirtschaftseinbruch verlängerte, hatten die USA zunächst mit ihrer typischen Zuversicht reagiert. Wie die Geschäfte nahmen auch Privatleute einfach mehr Schulden auf, die sie in besseren Zeiten abzutragen hofften. Konsum auf Kredit galt nahezu als patriotisch, da dies der Wirtschaft wieder auf die Beine half. Erst jetzt am Ende des Jahrzehnts ist der Glaube an grenzenloses Wachstum ernsthaft erschüttert. Was im Laufe der jüngsten Dekade an schuldenfinanziertem Wirtschaftswachstum geschaffen wurde, ist an deren Ende jedenfalls für den Normalbürger wieder verloren gegangen.

Die anhaltende, hohe Arbeitslosigkeit von zehn Prozent macht selbst chronisch optimistische Amerikaner skeptisch. In den 90ern und 80ern war die Zahl der Arbeitsplätze um je ein Fünftel gestiegen, in den 70ern um 27 Prozent, in den 60ern um 31 Prozent. Im Vergleich des Jahres 2009 mit 2000 gab es null Prozent Jobzuwachs, doch die Einwohnerzahl wuchs durch Geburt und Einwanderung um 25,6 Millionen Menschen, von 281,4 auf 307 Millionen. Verlierer der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sind vor allem Männer, deren Ausbildung unzureichend ist oder deren Effizienz im Vergleich zu den Lohnkosten unattraktiv erscheint. Das ist die Kehrseite des Aufholens der Frauen, die jetzt 49,9 Prozent der Jobs innehaben und die Männer bald überholen werden. Ihr relativer Anteil am Arbeitsmarkt wächst, weil viele Männer ihre Jobs verlieren – und nicht, weil viel mehr Frauen eine Arbeit gefunden haben. Die Beschäftigungsquote amerikanischer Frauen ist in den jüngsten Jahren sogar gefallen, von 67 Prozent im Jahr 2000 auf jetzt 65 Prozent. Die der Männer sank jedoch noch stärker. Der „Economist“ feierte kürzlich vor allem den emanzipatorischen Aspekt der Veränderung in der Einkommensmacht der Geschlechter. Natürlich wächst der Einfluss der Frauen mit dem Anteil ihres Beitrags zum Familieneinkommen. Wahr ist aber auch: In manchen Fällen hat erst die familiäre Finanznot Frauen zur Arbeitssuche gezwungen. Jede sechste Familie ist inzwischen auf staatliche Lebensmittel- Gutscheine angewiesen, wenn die Kinder nicht hungern sollen. Frauen werden zudem schlechter bezahlt; das ist ihr Anstellungsvorteil in der Krise.

Die Rezession zwingt die Amerikaner, weniger zu konsumieren und mehr zu sparen. Sie verschiebt den Arbeitsmarkt zugunsten der Frauen. Da sie die Kommunen in Finanznöte stürzt, beseitigt sie eine weitere Hürde, die vor kurzem noch unüberwindbar erschien: Gewählte Volksvertreter machen den Bürgern Verhaltensvorschriften. Das hatten viele Kommunen in den USA schon früher versucht, zumeist vergeblich. Plastiktütengebühren waren immer wieder gescheitert, am Protest der Bürger, die dem Staat vorhalten, es sei nicht seine Aufgabe, Menschen zu erziehen. Und an der Lobbyarbeit der Tütenindustrie. Ohne Finanzkrise hätte es im Stadtrat von Washington wohl nicht so leicht eine Mehrheit für die „bag tax“ gegeben.

Am Ende wird dieser Versuch, dem Bürger in die Tasche zu greifen, vermutlich der Umwelt dann doch stärker nützen als der Stadtkasse. Das Programm enthält neben der Strafgebühr auch finanzielle Anreize zum Umsteigen. Wer die eigene Tasche mitbringt, entgeht nicht nur der „bag tax“, sondern bekommt fünf Cent geschenkt. Alle Läden, die dabei mitmachen, dürfen von jeden fünf Cent Strafe, die sie für die Stadt kassieren, einen Cent behalten. Große Supermarktketten verschenkten in den ersten Tagen des neuen Jahres auf eigene Kosten wiederverwendbare Einkaufstaschen.

Washington erwartet 2010 dennoch 3,6 Millionen Dollar Einnahmen aus dem Programm. Daraus will es den Anteil der Stadt am Wasserschutzfonds für den Potomac und die Chesapeake Bay finanzieren. Mit der Zeit werden freilich die meisten Bürger eigene Einkaufstaschen verwenden und diese Einnahmequelle austrocknen. Und wem der ganze Ansatz nicht passt, kann im angrenzenden Maryland oder Virginia einkaufen, ohne „bag tax“. Der Stadt bleiben die höheren Parkgebühren. Aufs Autofahren verzichten die Amerikaner nicht so schnell wie auf die Plastiktüte.

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