Zeitung Heute : Magie des Rituals

SANDRA LUZINA

Elsa Wolliaston und Koffi Koko im Haus der Kulturen der WeltSANDRA LUZINAEin Kreis aus Kerzen, ein magischer Zirkel.Die afrikanische Tänzerin Elsa Wolliaston und ihr Perkussionist Bruno Besnainou betreten den abgezirkelten Raum, der zum Schauplatz einer nicht-alltäglichen Erfahrung werden soll."Rituel" ist in aller Abstraktion die Essenz dessen, wovon ein Ritual handelt.Es zeigt eine Grenzerfahrung: die Schwelle zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird ausgelotet.Dem Ritual in Kult und Kunst hat das Haus der Kulturen der Welt seine Veranstaltungsreihe "Dialog mit den Göttern" gewidmet.Viele Theaterreformer dieses Jahrhunderts haben sich des Rituals besonnen, es in ein ästhetisches Ereignis transformiert, in eine moderne Theatersprache übersetzt - daran wurde in informativen Vorträgen erinnert. In den Tanzperformances der afrikanischen Künstler Koffik Koko und Elsa Wolliastonn, die beide seit langer Zeit in Paris leben, zeigt sich ein unterschiedlicher Umgang mit der Tradition.Heilige Handlungen wurden nicht vollzogen.Die Tänzer agieren zudem nicht in einem Kollektiv, wo alle dieselben Glaubensvorstellungen teilen, sondern vor Zuschauern, Zuschauern einer anderen Kultur zudem.Um Beschwörung, um Anrufung von höherer Mächten ging es gleichwohl.Denjenigen, die mit dem Pantheon von Vodoo-Gottheiten nicht vertraut waren, läßt sich eine Übersetzungshilfe anbieten.Das Freisetzen und Verwandeln von vitalen Kräften wird hier vollzogen.Zelebriert wurde ein Vitalismus, der viel Publikum anzog. Im Mittelpunkt der Performances steht der Körper als Medium einer sinnlichen sowie spirituellen Erfahrung.Elsa Wolliaston versetzt sich im Dialog mit dem Perkussionisten in einen Zustand der Trance.Aus rhythmischem Schreiten wirft sich ihr mächtiger Leib plötzlich vor und zurück, wahrnehmbar ist der Verlust von Kontrolle und Gleichgewicht, doch die Tänzerin wirkt auf paradoxe Weise stabil in ihrem labilen Zustand.Aber immer wieder beruhigen sich die Bewegungen, sie entsprechen so gar nicht dem, was man sich unter einem "wilden" Tanz oder einer "primitiven" Äußerung vorstellt.Fremde Mächte scheinen von diesem Körper Besitz zu ergreifen - Ergriffenheit stellt sich bei den Zuschauern freilich nicht ein. Koffi Koko, der in Paris lebt, ist Vodoo-Priester.In jungen Jahren wurde er in die animistischen Riten der Nago im heutigen Benin eingeweiht.Seine Performance "Passage" verweist auf die Rites de passages, die Initiationsrituale.Hier wird der Schritt von der Welt der Lebenden ins Reich der Toten vollzogen.In einer Prozession betreten der hochgewachsene Tänzer und drei Musiker die Bühne, auf dem Kopf balanciert Koffi Koko ein Tongefäß.Der westafrikanische Performer ist eine imposante Gestalt, eindrucksvoll in seiner Konzentration.Zudem ist er ein hervorragender Tänzer, die typisch afrikanischen Bewegungen, ein rhythmisches Pulsieren, Stampfen und Vibrieren, werden äußerst nuanciert dargeboten.Den Körper weiß gepudert, betritt Koffi Koko dann wie ein Geist die Bühne.In majestätischer Pose pflanzt er sich auf, halb drohend, halb scherzend richtet dieser bleiche Gevatter Tod den Zeigefinger ins Publikum.Zeremonieller Ernst wechselt mit grotesken Possen.Der Tod ist kein Anlaß für ein Lamento.Der Tanz besitzt die Kraft gestischer Vergegenwärtigung.Das Ritual läßt sich als symbolische Transformation von Erfahrung begreifen - hier ist es nun nicht zuletzt dank eines wunderbaren Zusammenspiels zwischen Performer und Musikern gelungen, an gemeinsame Erfahrungen zu appellieren.Das war keine Aufführung nur für Eingeweihte. 

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