Zeitung Heute : Mahl-Zeiten

Erdbeeren im Winter – für Christina Häring fast ein Wunder. Sie ist 105 und erlebte den Wandel der Jahre gerade am Essen.

Roland Schulz

Manchmal noch schleicht sich der Geschmack auf ihre Zunge, dann sitzt sie sofort wieder auf dem Fahrrad, der Vater lenkt, und sie hockt auf dem Gepäckträger, sie fahren in den Wald. Beeren sammeln. Blaubeeren. Sie hatten extra einen Rechen dafür, jeder hatte das in jener Zeit. Man schwang den Blaubeerrechen durch die Sträucher, kämmte die Beeren von den Stängeln, sammelte sie in einem kleinen Trog hinter dem Rechen. Die Beeren waren prall und voll, ihr Geschmack ein Wunder, manchmal hat sie ihn heute noch auf der Zunge, nach 100 Jahren. „Das war ein Aroma!“, ruft sie. Süß. Würzig. Stark. Selten habe sie so etwas danach wieder erlebt, sagt Christina Häring, erst recht nicht in den vergangenen zehn, 20 Jahren. „Die Früchte, die man heute um teures Geld kauft, haben keinen Geschmack mehr“, sagt sie. Viel habe sich da geändert.

Der Wandel ist die große Konstante in Christina Härings Leben. Gelegentlich, wenn sie in ihrer kleinen Küche im Münchner Stadtteil Harlaching sitzt, und da sitzt sie eigentlich den ganzen Tag, kommt es ihr wie ein Wahnsinn vor, wie sich das Leben in ihrer Zeit geändert hat. Christina Häring ist 105 Jahre alt, sie hat fünf Währungen erlebt, einen Kaiser, einen Führer, zwei Dutzend Kanzler, und wenn sie vom Krieg spricht, dann meint sie im Gegensatz zu anderen alten Menschen nicht den Zweiten, sondern den Ersten Weltkrieg – aber darum geht es ihr nicht, wenn sie sich über den Wandel wundert. Ihr geht es um die einfachen Dinge, um das Leben selbst.

„Man kann sich das ja gar nicht mehr alles wegdenken“, sagt sie. Sie lacht. Es geht natürlich schon, das Wegdenken, nur schwer ist es, weil dann alles verschwindet, was heute Alltag ist. Die Flugzeuge verschwinden, die die Welt heute so klein machen, danach die Autos, die U-Bahnen, selbst die Trambahnen. Die Computer verschwinden, das Fernsehen, in Farbe wie in Schwarz-Weiß, das Kino und selbst das Radio, alles weg. Christina Häring hätte in ihrer Küche keinen elektrischen Ofen stehen, es gäbe keine Heizung und schon gar keinen Kühlschrank, auch den praktischen Wasserkocher vergisst sie nicht wegzudenken, mit dem sie sich am Morgen ihren Kräutertee bereitet. „Das gab es alles nicht“, sagt sie. Wenn Christina Häring sich alles wegdenkt, was sie an Wandel und Neuerungen erlebt hat, dann endet ihre Erinnerung an jenem Tag vor einem Jahrhundert, an dem die kleine Christina, gerade fünf, vielleicht auch schon sechs, mit ihrem Vater in die Beeren fuhr.

Christina Häring ist ein schmaler Mensch. Sie ist Zeit ihres Lebens rank gewesen, aber erst jetzt, im Alter, ist sie dürr geworden. Ihr graues Haar trägt sie zu einem strengen Zopf geflochten und hochgesteckt, doch ansonsten verrät nur das Spinnennetz kleiner Runzeln, das ihre Lider umgibt, ihr hohes Alter. Christina Häring hat sich wohl gehalten. Jeden Morgen liest sie sorgfältig ihre Zeitung, das ist ihr ein geliebtes Ritual, bis hin zur Seite mit dem täglichen Kreuzworträtsel, das sie am Nachmittag löst. Vor drei Jahren erst hat sie das Schwimmen aufgegeben, da war sie der Trambahn hinterhergelaufen, mit der sie einmal die Woche ins Schwimmbad fuhr, stürzte dabei, brach sich den Oberschenkelhals. Damals war sie das erste Mal in ihrem Leben im Krankenhaus. Seitdem merkt sie die Zeit stärker, jedes Jahr läuft es ein bisschen weniger gut, „körperlich“, sagt sie, „geistig geht es“. Nur die Erinnerung verschwimmt ihr jetzt öfter als früher, dann verwechselt sie manchmal Jahre oder Namen, vor allem bei den späteren Jahren. Die Erinnerung an Kindheit und Jugend ist scharf. Sie erinnert sich gerne an diese Zeit.

Damals, vor dem Ersten Weltkrieg, hat sie ihren Tee am Morgen umständlicher zubereiten müssen. „Damals musste man ein Wasserkrandl nehmen“, sagt sie. Krandl hießen die kleinen Kesselchen, in denen man auf dem Kanonenofen warmes Wasser vorhielt, eigentlich zum Spülen, aber für Tee ging es auch. Wenn ihre Eltern oder sie morgens den Ofen einschürten, erlebte Christina Häring stets dasselbe Spiel: Das Feuer brach aus der alten Glut, plötzliche Hitze wallte durch die kalte Küche und vor dem Ofen erwachten die Asseln, zwischen den Scheiten des dort bereitgehaltenen Brennholzes. „Die ganzen Viecher sind sofort lebendig geworden.“ Dann gab es einen Tee oder einen Kaffee. Keinen echten allerdings. „Bohnenkaffee war eine Kostbarkeit“, sagt Christina Häring. „Bei uns hat es Muckefuck gegeben.“ Richtig geschmeckt hat ihr der Kaffeeersatz aus Korn nie, aber um Geschmack ging es bei Essen und Trinken damals auch nicht. Christina Häring ist in einer Zeit aufgewachsen, in der Essen vor allem eines sein sollte: ausreichend. „Das Essen war immer einfach“, sagt sie. Fleisch gab es selten, die Mutter lehrte Christina Häring besonders Mehlspeisen, „Pfannkuchen, Kaiserschmarrn, alle diese Scherze habe ich absolviert“, sagt sie. „Mir war Essen aber nie das Wichtigste. Ich war nicht die klassische Hausfrau. Ich war schließlich berufstätig.“

Ihre Arbeit betrachtet Christina Häring bis heute mit Stolz. Als junges Mädchen hatte sie eine Ausbildung als Sekretärin bei der Stadt München begonnen. Sie arbeitete im Rathaus, Jahr auf Jahr, am Ende war sie beamtete Chefsekretärin im Büro des Oberbürgermeisters und kannte das Rathaus wie keine zweite. Das war 1965. Da ging sie in Rente. Leider, sagt sie, gerne hätte sie weitergemacht. Die Arbeit war Christina Härings Lebensinhalt. Sie hat keine Kinder. Sie hat darauf verzichtet, denn als sie jung war, mussten Frauen aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden, wenn sie heirateten, und das wollte sie nicht. Ihren Mann Hans, den sie 1929 kennen gelernt hatte, hat Christina Häring erst 1943 geheiratet, als diese Regel nicht mehr galt. Da war sie für Kinder schon zu alt. Sie reut es nicht. Sie hat enge Verwandtschaft, seit Jahren wohnt sie in einem Haus mit der Tochter ihrer Nichte, die vor kurzem erst ein Baby bekam – jetzt lebt oben unter dem Dach das Alter, 105 Jahre, und unten im Erdgeschoss die Kindheit, drei Wochen. Außerdem hat sie ihre Arbeit geliebt. Jeden Februar lädt sie der Münchner Oberbürgermeister zu ihrem Geburtstag ins Rathaus ein, das nimmt Christina Häring eher als Beweis für die Anerkennung ihrer Arbeit als ihres Alters. „Ich bin ja nicht die älteste Münchnerin“, sagt sie kokett.

Was Christina Häring am meisten am Wandel wundert, den sie erlebt hat, ist seine Schliche. Es lief immer ähnlich: Etwas änderte sich, zuerst unmerklich, dann war plötzlich alles anders und das Staunen groß – und kurz darauf war das Neue schon wieder Alltag. Sie hat das so oft erlebt, im Großen wie im Kleinen und gerade beim Essen. Früher weckte jeder ein, anders ging es gar nicht, dann gab es plötzlich Obst und Gemüse auch im Winter, eine Sensation, dann kamen plötzlich Kühlschränke, noch eine größere Sensation – und schließlich schien es jedem normal, auch im Winter Erdbeeren zu essen, tiefgefroren oder eingeflogen. „Früher hat’s halt keine Erdbeeren im Winter gegeben“, sagt sie. Oder zum Beispiel das Bier. Christina Häring kannte nur, dass man sein Bier im eigenen Krug vom Straßenausschank holte, genau drei Quartel, „dann haben wir immer gesagt: Aber gut einschenken! So kam man auf eine Maß, selbst wenn man sich nur drei Viertel leisten konnte.“ Diese Münchner Eigenart verschwand langsam, irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann war sie auf einmal ganz weg. Man staunte kurz, dass es kaum mehr Straßenschänken gab. Dann waren die drei Quartel schnell vergessen. Christina Häring kennt Dutzende solcher kleinen Beispiele. Von den Lebensmittelläden, die erst immer voller, dann immer größer, dann immer billiger wurden. Jetzt heißen sie Superdiscounter und sitzen in ihrem Viertel Harlaching am gleichen Eck, an dem früher der Kramer war, der einfach nur Munz hieß. Von den Restaurants, die erst italienisch, dann griechisch, dann Fastfood und schließlich alles Mögliche wurden, während Christina Häring sich noch erinnert, wann sie das erste Mal von Spaghetti hörte. Das war im Krieg. Im zweiten. Alle diese Beispiele zusammengenommen ergeben den Wandel, den das Leben in ihrer Zeit gemacht hat. „Wenn man sich das alles wegdenkt“, sagt sie, „ist es schon ein Wahnsinn.“

Christina Häring ist aber keine, die sich über den Wandel aufregt. Sie findet ihn eher staunenswert, immer noch und immer wieder. Als sie das erste Mal Essen auf Rädern bekam, hat sie gelacht, weil alles püriert war, sogar das Fleisch. Sie kannte das nicht. Sie hat gestaunt und es dann sofort wieder abbestellt. Da hat sie sich lieber selbst ein Hähnchen gebraten.

Jetzt bekommt sie es wieder, weil sie zunehmen muss. „Ich bin ja nur noch Haut und Knochen“, sagt sie und kneift sich wie zum Beweis in den Unterarm. Die Ärztin hat Christina Häring aufgetragen, sie müsse tüchtig essen. Sie bemüht sich. Doch es ist nicht einfach. „Im hohen Alter kann man nicht mehr so genießen“, sagt sie. Die Verdauung macht ihr zu schaffen, auch kann sie nicht mehr alles beißen, auf die Äpfel, die sie so liebt, muss sie verzichten. „Man wird sehr bescheiden“, sagt sie. Sie freut sich jetzt schon auf einfache Sachen wie einen Pichelsteiner Eintopf, den hat sie sich für nächste Woche bestellt. Auf die Süßigkeiten, die ihr Neffe ihr bringt, Lebkuchen und Magenbrot. Und immer im Sommer, natürlich, auf Blaubeeren.

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