Zeitung Heute : Malen nach dem Zahlen

Das Nemo-Bildchen für 29 Euro 95 – Die Dialer-Branche versucht nun bei Kindern ihr Glück

Cay Dobberke

Gerade noch rechtzeitig kam die Mutter ins Wohnzimmer. Dort saß die Tochter am Computer und hatte unbemerkt den Internet Explorer gestartet. Das hätte beinahe 29 Euro 95 gekostet. Denn auf der Suche nach lustigen Ausmalbildern war die kleine Anna auf eine „Malvorlagen“-Seite gelangt und hatte ein „Findet-Nemo“-Bildchen angeklickt. Dann befolgte sie die Aufforderung, „OK“ einzutippen – und lud damit ein kostenpflichtiges Einwahlprogramm herunter, einen so genannten Dialer. Im letzten Moment gelang es der Mutter noch, die Verbindung zu kappen. Dieser Angriff aus dem Internet konnte gerade noch einmal abgewehrt werden.

Ganz oben auf den Google-Listen

Der Nepp hat System: Die Suchmaschine Google listet bei Begriffen aus dem Alltag der Kinder immer öfter dubiose Adressen unter den ersten Treffern auf. Dialer-Firmen versuchen zunehmend, Schüler und sogar Vorschulkinder auf kostenpflichtige 0900er- Nummern zu locken. Es reicht schon aus, Begriffe wie „Basteln“, „Pumuckl“ oder „Pippi Langstrumpf“ in das Suchfeld einzugeben, schon findet Google eine mit diesen Worten präparierte Dialerseite – die wiederum zum bereits bekannten Malvorlagen-Angebot führt. „Wir freuen uns, dass du unsere bunte Seite im Netz gefunden hast“, heißt es dort. „Sicherlich magst du malen sehr. Nicht immer fällt einem was ein, was man malen könnte …“, geht es auf der Seite weiter.

Ähnlich gestrickt ist die Adresse „Tierheime.de“. Ein Hund und eine Katze blicken den Betrachter traurig an, und in holpriger Rechtschreibung steht darüber: „Rette die Armen Putzigen Vicher aus Ihren Käfigen. Seid Stark, zeigt Herz!“ Dass auch hier sofort 29,95 Euro für eine halbe Stunde fällig werden, verschweigt der Text. Mehrere Tierheime hatten die Seite anfangs in ihren Linksammlungen aufgeführt, doch nach Beschwerden von Tierfreunden wurden die Verweise gestrichen.

Doch damit nicht genug: Lernhilfen für Schüler versprechen derweil Seiten, zu denen die Internet-Suche nach Hausaufgaben oder Referaten führt. Momentan stehen „Hausaufgaben.de“ und „Referate.de“ an erster Stelle der Google-Treffer, obwohl es kostenlose Alternativen gibt. Für 1,99 beziehungsweise 2 Euro pro Minute bieten die Dialerseiten zwar eine umfangreiche, nach Fachgebieten geordnete Auswahl. Wer die Dokumente verfasst hat, bleibt allerdings offen. Auch die Qualität schwankt stark: So finden sich auf den Seiten einerseits informative Texte über Hitlers Machtergreifung. Ein offenbar von einer Schülerin verfasstes Referat über Harry Potter bei Hausaufgaben.de ist andererseits mit Fehlern gespickt.

Warnhinweise beachten

Immerhin halten sich die meisten Dialer-Seiten inzwischen an die gesetzlichen Auflagen. Das seit August 2003 geltende Anti-Missbrauchsgesetz verlangt unter anderem eine ausdrückliche Einwilligung – das „OK“-Feld. Wer seinen Kindern den Internet-Zugang gestattet, sollte sie daher dringend ermahnen, Seiten mit solchen Feldern zu meiden. Daneben gibt es noch eine Reihe von Hinweisen, bei denen zumindest die Eltern hellhörig werden sollten. Führt zum Beispiel der Menüpunkt „Webmaster“ direkt zu einer Unterseite für Geschäftspartner, ist Vorsicht geboten. Denn diese „Partnerprogramme“ haben zumeist nur ein Ziel: „Verdienen Sie schnell und einfach Geld“, heißt es dort ohne Umschweife.

Mittlerweile hat die Verbraucherzentrale Berlin den „Dialer-Abzockern“ den Kampf angesagt. Die Organisation hat gerade ein Dutzend Abmahnungen verschickt, die sich gegen fehlende Preisauszeichnungen richten. Gegen die Seite Referate.ag erging zudem eine einstweilige Verfügung, nachdem der Inhaber uneinsichtig geblieben war. Seither gibt es eine, wenn auch recht kleine, Preisangabe. Noch nicht reagiert hat „Hausaufgaben.de“. Dort steht weiterhin nur, der Zugang sei erst ab 18 Jahren gestattet – was jedoch konterkariert wird durch den Begrüßungstext, der die Besucher vertraulich duzt.

Der Streit dürfte bald die Gerichte beschäftigen. Am Freitag laufen die von der Verbraucherzentrale gesetzten Fristen aus. Der Hersteller eines der Dialerprogramme will nun seinen Partnern rechtlich beistehen. Schließlich würden die gesetzlichen Auflagen erfüllt, argumentiert die Firma.

Die Umsätze der Dialerfirmen sind gesunken, seit die Vorschriften für so genannte Mehrwertdienst-Nummern im vorigen Jahr verschärft wurden. Erwachsene gehen nun nicht mehr so leicht in die Kostenfalle. Das wiederum macht aber unachtsame Kinder und Jugendliche als neue Zielgruppe so interessant. Und es geht noch weiter, denn die nächste Zielgruppe der Dialer-Branche wird schon deutlich: Senioren, im Internet zumindest ebenso unerfahren wie Kinder, könnten bald die nächsten Opfer sein.

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