Zeitung Heute : Mallorca: Ein gewisser Sättigungsgrad ist erreicht

Mareike Enderle

Etwa 3000 Sonnenstunden im Jahr - das gibt es nicht nur auf Mallorca. Rückläufige Besucherzahlen zeigen, dass die liebste Insel der Deutschen als "Markenartikel" immer stärker in Konkurrenz zu anderen beliebten Urlaubszielen steht.

Nachrichten über Streiks, Quallenplagen und Stromausfälle haben im vergangenen Jahr offenbar viele Deutsche von einem Besuch auf Mallorca abgehalten. Leere Hotels und schlecht ausgelastete Flugkapazitäten gaben besonders am Anfang der Hauptreisezeit Anlass zu Missstimmungen in der Branche. Und auch nach dem Ende der Saison äußern sich die Veranstalter eher verhalten zum Mallorca-Geschäft 2000.

"Mallorca hat einen gewissen Sättigungsgrad erreicht. Es gab in diesem Jahr andere Zielgebiete, die besser gelaufen sind", sagt etwa Wolfgang Hubert, Pressesprecher bei der Fluggesellschaft Hapag Lloyd in Hannover. Die Berichterstattung in den Medien sei unvorteilhaft gewesen, darunter habe die gute Stimmung gelitten, so seine Analyse.

Mallorca verfügt über mehr als ein Viertel der Hotelbetten in ganz Spanien. Etwa 3,169 Millionen Deutsche haben in den Monaten Januar bis Oktober ihre Ferien auf der größten Baleareninsel verbracht, heißt es beim Spanischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt am Main. Dies sei ein Rückgang der Besucherzahl aus Deutschland um etwa 3,1 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum gewesen.

Bei der Mallorca-Planung konnte auch der Touristik-Konzern C & N in Oberursel seine Ziele nicht erreichen. Zwar macht die Urlaubsinsel immer noch den größten Teil des Gesamtvolumens aus, doch mussten in diesem Jahr rund vier Prozent der Kapazitäten auf andere Ziele umgeleitet werden. Besonders gefragt waren dabei Ziele im östlichen Mittelmeer wie Ägypten und die Türkei. Für dieses Jahr sollen niedrigere Maßstäbe bei der Mallorca-Planung angesetzt werden, kündigt C & N-Bereichsvorstand Detlef Altmann an.

Manche Branchenvertreter sehen in den rückläufigen Besucherzahlen allerdings kein wirkliches Ende des Mallorca-Booms. Wer die Statistik von 2000 mit der von 1998 vergleicht, stellt nur leichte Schwankungen fest. 1999 sei ein "absolutes Ausnahmejahr" für Mallorca gewesen, so Melanie Schacker vom Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) in Frankfurt am Main. Die Erdbeben in der Türkei hätten damals zur außerplanmäßigen Verlagerung des Touristenstroms geführt: Viele Urlauber entschieden sich kurzerhand anders, als sie es eigentlich geplant hatten - und flogen nach Mallorca.

1999 sei daher kein repräsentatives Jahr. Der Rückgang auf Mallorca im Jahr 2000 dürfe ebenso wenig überbewertet werden wie die dreistelligen Wachstumsraten bei den Türkei-Buchungen, so Schacker. Wer 1999 statt in die Türkei nach Mallorca geflogen ist, habe diesmal in Wirklichkeit nur das geplante Reiseziel des Vorjahrs verwirklicht.

"In den vergangenen Jahren haben Zielgebiete im westlichen Mittelmeer mit hohen Wachstumsraten von den Einbußen im östlichen Teil des Mittelmeers profitiert", bestätigt Anja Braun von 1-2-Fly in Hannover, einem Unternehmen der TUI-Gruppe. Da die politischen Unsicherheiten etwa in Jugoslawien nun aber überwunden seien, gebe es inzwischen wieder Verlagerungen zu Gunsten des östlichen Mittelmeers.

Auch auf Mallorca verändern sich die Wünsche der Urlauber. Albin Loidl vom Veranstalter Kreutzer berichtet zum Beispiel von einer hohen Nachfrage nach Finca-Urlaub. Reine Pauschalangebote reichten nicht mehr aus, statt preiswerter Reisen werden auf Mallorca differenzierte Angebote und hohe Qualität wichtiger. "Wir haben kaum noch Buchungen von Zwei-Sterne-Hotels. Die Gäste wollen sich im Urlaub richtig verwöhnen lassen und buchen zunehmend höherwertig im Vier- bis Fünf-Sterne-Bereich", sagt Loidl.

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