Zeitung Heute : Mamma-Manie

MEIKE MATTHES

"Killing mother" von Jürgen Wolff - Uraufführung im Berliner Maxim-Gorki-StudioVON MEIKE MATTHESAlle Achtung, Medea, das hat gesessen! Gerade hatten sie es sich gemütlich gemacht, die Jungs, im Schoß der Schöpfung, als deren Herren sie sich verstanden wissen wollten - da kamst du und hast sie mit einem beherzten Schwinger vertrieben aus ihrem ödipalen Elysium.Der Schreck, den du ihnen eingejagt hast, sitzt heute noch bebend in sämtlichen Gliedern: Mutti ein Killer? Da werden selbst routinierte Hurenböcke zu potentiellen Kastraten. Auch der in Berlin geborene und in Amerika lebende Autor Jürgen Wolff setzt in seinem kleinen Psychodrama "Killing mother" auf die mehr oder weniger latente Medea-Phobie seiner Geschlechtsgenossen.Der ewige Sohn, in inniger Unversöhnlichkeit an Mamas tyrannische Liebe sich klammernd, ist hier zunächst ein armes Würstchen, eigentlich ein allzu schneller Happen für das ihm aufgezwungene Muttermonster.Jeden Freitag besucht der geschiedene Alan, ein von ranziger Junggeselligkeit umwehter Eigenbrötler, seinen mütterlichen Quälgeist und holt sich seine wöchentliche Dosis Demütigung ab.Während er mechanisch die Laken glättet, den Müll entsorgt, mit Teebeuteln und Fußspray hantiert, spult sie, eine in aufreizender Verwahrlosung vor sich hinstänkernde Altschlampe, ihr übliches Psychofolterprogramm ab, das sie neuerdings um eine aparte Variante bereichert hat: Sterben will sie, mit seiner Hilfe ihr (durch seine Schuld) unwürdiges Dasein beenden. Aber natürlich soll ihr Tod an ihm nicht so ganz spurlos vorübergehen.Im Grunde kann sie es ja nicht einmal verantworten, ihn völlig unbemuttert zurückzulassen.Und so erfährt Alan, als er ihr an diesem Tag endlich die geforderten Tabletten bringt, was wahre Mutterliebe vermag.Im Wortumdrehen redet sie ihm sein Leben aus, macht seinen Analytiker nieder, putzt seine Potenz herunter, verschandelt sein Vaterbild und fällt schließlich das Todesurteil mit einer rein rhetorischen Frage: "Wer liebt dich?" Da muß er passen, der aus der Fassung gequasselte Filius - und was als kleines Fernsehspiel begann, zeigt plötzlich Anwandlungen einer bitterschwarzen Tragikomödie.Die Mutter-Sohn-Symbiose kippt in ein Doppel-Suizid-Szenario, die immer noch gärenden Ursümpfe des Matriarchats scheinen sich aufzutun - und dann versickert doch alle Mamma-Manie in einem wohlgefälligen Akt der Emanzipation.So viel Anhänglichkeit, findet Alan (und wir können ihm langweiligerweise nur beipflichten), geht einem dann doch über die Nabelschnur. Jürgen Wolffs Kammerspiel schreckt also letztlich zurück vor den Abgründen, an die zu rühren es vorgibt.Das könnte daran liegen, daß der Autor in seinem Job als Sitcom-Schreiber wenig tiefschürfende Erfahrungen macht.Die etwas groben psychologischen Muster seines Stückes deuten außerdem darauf hin, daß Wolff in bezug auf das Leben eher ein Gebrauchsanweiser denn ein Ursachenforscher ist: Als Leiter von "Streßbewältigungs"-Seminaren hilft er Schriftstellern per Hypnose-Therapie über ihre Schreibhemmungen hinweg. Wer seinen Freud wiedererkennen möchte, obwohl er ihm niemals allzu nahe getreten ist, wer überhaupt ein handfestes Psycholustspiel jeder dissonanten Seelenmusik vorzieht, der wird sich im Maxim-Gorki-Studio überaus wohl fühlen.Wenka von Mikulicz hat das Stück mit sicherer Hand auf seine doppelten Böden abgeklopft und so seiner auf Pointen kaprizierten Oberflächlichkeit einen leisen Subtext abgerungen.Pia Hausmann hat dafür ein einfach-raffiniertes Bühnenbild aus flexiblen Stellwänden geschaffen.Und Ulrich Anschütz als aufmuckender Duckmäuser Alan, schön schikaniert von Monika Lennartz, dem zähen Mutterluder, bietet solide Schauspielkunst, ohne Schnörkel, aber auch ohne Finessen.Theatralische Hausmacherkost halt: Wie bei Muttern.

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