Zeitung Heute : Mamma mia!

Die Opern-Komponisten haben die Mütter vergessen. Und warum sind Väter immer gleich Totschläger?

Christine Lemke-Matwey

Die Stimme kommt von ganz weit hinten und von ganz tief unten, als sperrte die Bühne plötzlich ihr schwarzes Riesenmaul weit auf. Dann rollt und schmatzt sie über die Köpfe der Musiker und die Brüstung des Orchestergrabens hinweg, die Stimme, hüpft marmorkühle Treppen hinauf und wieder herunter, wickelt sich um Stuhlbeine und Armlehnen, baumelt im Kronleuchter an der Decke, füllt schließlich den ganzen großen Riesenraum – und kriecht Leo ins Hemd hinein, in den Nacken, dorthin, wo er es sonst gar nicht mag: „Ral la la la, ral la la la, bringe Glück und Gloria!“

Leo ist fünf Jahre alt und zum zweiten Mal in der Oper. Und jetzt ist er verwirrt. „Wer ist das?“, flüstert er und zeigt mit dem Finger auf den beleibten Mann im karierten Hemd, der gerade seinen Rucksack auspackt und Plastikspeck, Plastikwürste, Plastikeier und ein Plastikbrot auf den Tisch wirft: „Ral la la la, ral la la la, Hunger ist der beste Koch!“ Das sei der Vater von Hänsel und Gretel, flüstert Leos Vater in Leos Ohr. Leo nickt, ach so. In der Oper ist eben vieles anders als in echt. Das hat er schon richtig verstanden.

Wie geht’s Beethoven?

In Humperdincks Oper leiden die Kinder Hunger, sitzen die Mütter jammernd zu Hause und kommen die Väter in karierten Hemden singend aus dem Wald. In anderen Opern werden Drachen getötet, oder es gehen schöne Mädchen lächelnd durchs heißeste Feuer – wie in der „Zauberflöte“. Mit Mozart und Humperdinck ist das leogerechte Repertoire allerdings auch schon erschöpft. Denn Wagner, Verdi und Strauss hatten mit Kindern nichts im Sinn – und wer wollte einen Fünfjährigen ausgerechnet mit Liebestoden, mit Königsmorden und Ehebrüchen quälen? Leos Vater hat also ein Problem. Er ist Anfang 40, Akademiker und unter den Vätern von heute so etwas wie die Ausnahme: Ihn muss keiner zur so genannten Hochkultur bekehren. Doch was soll er Leo zeigen, um ihn in dem Glauben groß zu ziehen, dass Oper etwas ist, was ihn im Innersten berühren und treffen kann?

Das Theater, hat ein Regisseur einmal gesagt, lehrt uns, wie weh es wirklich tut, einem anderen mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten. Die Musik verstärkt diesen Schmerz. Die Musik, sagt Leo, tut manchmal selber weh. Er geht auch gern ins Kino oder probiert ein neues Computerspiel aus – mit seinen Freunden, von denen die allermeisten das Wort „Oper“ noch nie in den Mund genommen haben. Sie halten die großen strengen Gebäude, in denen nur abends gelegentlich die Lichter brennen, nämlich für so etwas ähnliches wie Kirchen. Oder, tagsüber, für Gefängnisse. Oder für Museen. Das ist alles nicht ganz falsch. Und doch ziemlich traurig.

Die Identifikationsangebote der Hochkultur an die Jugend sind denkbar schlecht. Wie schlecht sie sind, und dass sie mit jedem Tag, den das betreffende Repertoire altert, schlechter werden, haben seit geraumerZeit auch die Institutionen selbst gemerkt. Welche Fünf- oder Fünfzehnjährige interessiert es heute noch, dass in Mozarts „Figaro“ das jus primae noctis verhandelt wird, das Recht des absolutistischen Herrn zur Entjungferung seiner weiblichen Leibeigenen? Oder in welcher Tonart Wagners „Rheingold“ steht und warum? Zur Behebung dieses jugendlichen Desinteresses schießen nun allüberall so genannte Education-Programme aus dem Boden. An der Deutschen Oper Berlin nennt sich so etwas „Klassik is cool!“, in Stuttgart „Junge Oper“, in Bremen schlicht „Konzerthausmanagement für Kinder“, bei den Berliner Philharmonikern „Zukunft@BPhil“. Ob Leos Freunde je davon profitieren werden?

Nicht von ungefähr stellte die Bayerische Staatsoper ihr Rahmenprogramm zu den Opernfestspielen letzten Sommer unter das viel sagende Motto „Über:Väter“. Die Oper ist nun einmal Männersache. Sie wurde lange Zeit von Männern für Männer gemacht, Mütter gibt es darin nach wie vor sehr wenige. Doch weil die Väter von heute bisweilen sowieso die besseren Mütter sind und die gute alte Oper zumindest insofern noch zum Spiegel der Gesellschaft taugt – wollen wir hier ganz auf die Väter setzen. Im Grunde haben Leo und seine Freunde es mit ihren Vätern gut erwischt: Die Generation der heute um die 40-Jährigen ist die erste, deren eigene Väter Faschismus und Zweiten Weltkrieg nur als Kinder, also als Opfer erlebten. Sie sind unverdächtig jeder Schuld – und mit der Lizenz zur Anklage ausgestattet. Ihrerseits hatten es die Leoväter und Ziehsöhne jener Revoluzzer von 1968 daher mit Vätern zu tun, die ihnen die Welt nicht zeigten, „wie sie ist“, sondern ihnen unablässig erklärten, wie anders sie zu sein hätte, um wie viel besser, schöner und gerechter. Väter mit Fragen, kritische Väter, Väter, die in Utopien dachten, und bisweilen sogar in Kunst oder Gewalt.

Mozart kann nicht rappen

Wie toll das klingt. Keine Kafka-Väter mehr, keine Tyrannen im Hausrock, keine monokelsteifen Statthalter Gottes oder des Staates am heimischen Küchentisch. Denn Gott war tot und dem Staat, dem System per se zu misstrauen. Die Demokratie war angekommen: in der politischen ebenso wie – früher oder später – auch in der ästhetischen Wirklichkeit. Nur die Oper blieb hier auf der Strecke. Mit ihren groß- und oder spießbürgerlichen Konventionen wollte man tunlichst nichts mehr zu tun haben. Vor ihrem verderblichen, weil angeblich rein kulinarischen und vollkommen unaufgeklärten Weltverständnis musste man die Söhne schützen. Leos Vater muss gegen diese Verneinung irgendwann einmal aufgestanden sein. Aber er ist, wie gesagt, eine Ausnahme.

In ihrem Kunstverständnis war seine Generation – frei nach Mitscherlich – nämlich die erste tatsächlich „vaterlose“. Die heute 40-Jährigen waren die ersten, die im Musikunterricht (der damals sehr wohl etwas auf sich hielt!) zwischen Beethoven und den Stones wählen durften. Und sie waren die ersten, die sich frank und frei für die Stones entschieden, ohne Ideologieverdacht und ohne schlechtes Gewissen. Als Pop zur Kunst avancierte, feierten auch die Musiklehrer Beethovens Tod. Auch die Oper hatte das Nachsehen. Heute, heißt es, sei der Musikunterricht eine Katastrophe.

Leo lernt dort keine Noten mehr und nicht, wie man Mozart schreibt. Statt dessen darf er HipHop-Rhythmen klopfen und Tom Waits voll aufdrehen. Leo und seine Freunde finden das okay. Oder meistens langweilig. Sie haben, anders als ihre Väter, nicht mehr die Wahl. Ihren Lehrern fehlt der Mut zur Fremdheit, zum Antizyklischen. Sie schwimmen nicht mehr gerne gegen den Strom.

Allerdings ist die Generation der 40-Jährigen die erste der Moderne, die ihrer eigenen Zeit misstraut. Die um zehn Jahre Älteren, ja, die pilgerten noch flammenden Herzens zu den Avantgarde-Festivals nach Darmstadt oder Donaueschingen – die 40-Jährigen tun dies, wenn überhaupt, eher pflichtschuldig. Die Älteren waren davon überzeugt, dass Uraufführungen von Nono, Cage oder Stockhausen eine weltanschauliche Notwendigkeit darstellen – die Jüngeren, die Leo-Väter, haben gelernt oder lernen müssen, dass das Leben auch ohne diese übergroßen Bekenntniskünstler lebenswert sein kann. Denn es existiert schlicht nicht mehr, das Werk, das uns „väterlich“ die Welt umfasst, und wahrscheinlich hat es nie so richtig existiert.

Müßig zu betonen, dass die Opernproduktion der letzten 25 Jahre keine einzige zeitgemäße Vaterfigur hervorgebracht hat, von den Müttern, wie gesagt, ganz zu schweigen. Noch müßiger zu betonen, dass die Vaterbilder des so genannten Kernrepertoires, jener 50 Opern des 17. bis 20. Jahrhunderts, die landauf, landab gespielt werden, in ihrem patriarchalen Weltanspruch uns maßlos anachronistisch vorkommen: Wagners Wotan, der den Ungehorsam seiner Tochter Brünnhilde mit dem Feuerbett ahndet, Verdis Amonasro, der Aida, sollte sie sich für die Liebe und gegen das Vaterland entscheiden, mit Ächtung droht, und Agamemnon, der bei Richard Strauss noch aus der Gruft für Muttermord und Totschlag sorgt.

Irgendwann, in ein paar Jahren, wird Leo nicht mehr fragen „Wer ist das?“, wenn Wotan, wie derzeit in Stuttgart, verzweifelt versucht, sein schlafendes Kind noch einmal, ein letztes Mal zu berühren. Irgendwann wird Leo nicht mehr fragen „Wer ist das?“, wenn Amonasro, wie jüngst in Graz, um des Krieges willen die eigene Tochter missbraucht. Vielleicht wird Leo sich auskennen. Und vielleicht wird er wissen: Die Oper ist eine Möglichkeit, genau wie die „Stones“ oder die „No Angels“. Sie wird sich anstrengen müssen.

Die Autorin ist Musikredakteurin des

Tagesspiegel.

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