• Man muss Gesichter lesen können Ehrenamtliche Hospizhelfer des Unionhilfswerkes sind für das Seelenheil von Sterbenden da

Zeitung Heute : Man muss Gesichter lesen können Ehrenamtliche Hospizhelfer des Unionhilfswerkes sind für das Seelenheil von Sterbenden da

Zuwendung in hoher Dosierung. Schwerkranke und Sterbende sind am Ende oft zu schwach, um sich mitzuteilen. Sterbebegleiter reagieren dann auf nonverbale Äußerungen. Foto: Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie/Unionhilfswerk
Zuwendung in hoher Dosierung. Schwerkranke und Sterbende sind am Ende oft zu schwach, um sich mitzuteilen. Sterbebegleiter...

Traute Walwei hat schon viele Menschen gehen sehen. Hat sie begleitet, bis zum letzten Atemzug. Ist auf Beerdigungen gegangen von Frauen und Männern, die sie nur wenige Monate kannte, mit denen sie mitunter nicht einmal sprechen konnte, weil sie schon zu gebrechlich waren, hat ihre Hand gehalten, ihnen vorgelesen oder saß einfach nur bei ihnen. Traute Walwei ist eine von fünfzig ehrenamtlichen Hospizhelfern beim Unionhilfswerk in Berlin.

Altenheime füllen sich immer mehr mit Schwerstkranken und werden so immer hospizähnlicher. Viele wünschen sich ein Sterben in Würde, in vertrauter Umgebung, auch wenn sie ihr Zuhause verlassen mussten und im Heim leben. Um die letzten Jahre, Monate, Wochen erträglicher zu machen, dafür leisten die Hospizhelfer einen großen Beitrag. Auch Angehörigen geben sie Trost und begleiten sie beim Abschied nehmen. 50 Ehrenamtler für mehr als 300 Pflegeheime in Berlin sind nicht gerade viel, und trotzdem schickt das Unionhilfswerk seine Betreuer auch zu anderen Trägern, wenn dort Bedarf besteht.

„Angehörige stehen dem Tod viel hilfloser gegenüber. Als Hospizhelfer ist man unbefangener, man hat mehr Abstand, teilt keine Vergangenheit miteinander, versucht einfach, für das Seelenheil der Menschen zu sorgen“, erklärt Traute Walwei. Trotzdem: Sich während des 160-stündigen Kurses immer wieder intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen, fiel auch ihr nicht leicht. Seit drei Jahren kümmert sich die Siebzigjährige um Schwerstkranke und Sterbende zu Hause und im Heim. „Ich bekomme ganz viel zurück, Anerkennung und Dankbarkeit“, begründet die Ruheständlerin ihr Engagement.

Die Sterbebegleiter kommen aus allen Berufssparten, neben Traute Walwei, die früher im Büro gearbeitet hat, sitzen bei den monatlichen Supervisionen Taxifahrer, Hausfrauen, Informatiker, Beamte, etwa zwei Drittel sind weiblich. Bewerben kann sich jeder mit ein bisschen Lebenserfahrung, der ebenso lebensfroh wie tiefgründig ist und keinen aktuellen Trauerfall zu verarbeiten hat.

„Nicht wenige Heimbewohner kommen aus schwierigen Verhältnissen, aus Familien, die an der Armutsgrenze leben, wo sich keiner um den anderen kümmert. Da ist der liebevolle Umgang hier viel Wert“, sagt Dirk Müller. Er leitet das 2004 gestartete Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie des Unionhilfswerks. Herzstück ist ein umfassendes Weiterbildungsangebot für das Fachpersonal. „Unsere Pflegekräfte sind im Umgang mit Dementen und Schwerstkranken zuweilen besser ausgebildet als mancher Arzt“, sagt Müller selbstbewusst und kritisiert, dass den anspruchsvollen Pflegeberufen immer noch zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung entgegengebracht werde. Aber nur mit ihnen sei der menschenwürdige Umgang mit den Schwerstkranken zu gewährleisten. Der sei aber auch eine Frage der inneren Einstellung, nicht nur der finanziellen Ressourcen.

Ein Phänomen der Hospizbetreuung sei, dass auch Menschen, die schon extrem abgebaut hatten, sich wieder stabilisieren. Dazu tragen nicht nur die Ehrenamtler bei, sondern auch Pflegekräfte und Palliativmediziner – meist kompetente Hausärzte aus der Umgebung, die mit den Einrichtungen kooperieren. Gemeinsam können sie den seelischen Schmerz gleichermaßen wie den körperlichen lindern. Viele Hochbetagte sind zu schwach, um sich mitzuteilen. Nonverbale Anzeichen des Leidens wie ein angespannter Gesichtsausdruck oder Schlaflosigkeit muss man lesen können.

Einer, der sich die Zeit dafür nimmt, ist Günter Niederhausen, der im Pflegewohnheim „Alt-Treptow“ auch den Nachwuchs ausbildet. „Sterbende brauchen nicht mehr viel, ihr Körper ist auf Sparflamme, selbst das Essen und Trinken oder Schmerzmedikamente, deren giftige Inhaltsstoffe von der Leber gar nicht mehr richtig abgebaut werden können, tun ihnen nicht unbedingt gut“, erklärt der Altenpfleger aus Hellersdorf. Durch die stete Zunahme der Demenzerkrankungen sei die Arbeit immer schwieriger zu bewältigen – und schon gar nicht in dem Zeitrahmen, den die Krankenkassen mit ihren Kostensätzen derzeit vorschreiben.

Weitere Informationen unter: www.palliative-geriatrie.de

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