Zeitung Heute : „Man muss gnädig zu sich sein“ An diesem Sonntag wird Hellmuth Karasek, Herausgeber des Tagesspiegel, 70.

Ein Interview zum Geburtstag.

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Herr Karasek, wann ist Ihre beste Tageszeit?

Ich habe nur beste Zeiten. Ich bin ständig müde.

Keine Krisenstunden?

Ich will es mal so sagen: Ich leide schon seit sehr langer Zeit an der so genannten präsenilen Bettflucht. Ich wache häufig um halb sechs, manchmal sogar um halb fünf auf. Aber ich habe gemerkt, dass ich nur aufwache, wenn mich Stress erwartet. Und Stress ist jeder Artikel, den ich schreiben muss. Und dieses Jahr wollte ich die Weihnachtsgans mit einer anderen Füllung machen, die ich noch nie versucht habe. Auch da bin ich aufgewacht.

Apropos Stress: Sie schreiben gerade an Ihrer Autobiografie.

Aber ohne Hektik, diesmal mit langem Atem. Ich schreibe auf, was mir im Leben passiert ist. Ich denke zum Beispiel über den Begriff Heimatsuche nach. Bis ich 18 war, habe ich gelebt in Brünn, Wien, Bielitz, Teschen, Loben, in Leutmannsdorf, in Ullersdorf, in Stollberg und in Bernburg an der Saale. Dann bin ich in den Westen abgehauen und habe mir ein Zuhause gesucht – und es in Baden-Württemberg gefunden.

Ist das Ihre Heimat bis heute geblieben?

Ja. Bis heute. Stuttgart. Tübingen, da habe ich studiert. Ich weiß noch genau, wann ich mich da heimisch gefühlt habe: Ein Großonkel von mir, ein gebeugter Gerbermeister, erzählte mir immer Gogen-Witze, das sind die Witze von schwäbischen Weinbauern. Einer lautet: Ein Student säuft den ganzen Tag, und am Morgen ist es ihm so schlecht, dass er auf der Neckarbrücke kotzt. Ein vorbeikommender Bauer sieht das und sagt: „So isch recht. Als Arschloch gschont.“ Dieses „als“ heißt im Schwäbischen „immer“ oder „immerzu“. Als ich das verstand, fühlte ich mich in der Sprache zu Hause, obwohl ich sie nie sprechen konnte.

Baden-Württemberg war also eine glückliche Entscheidung?

Ja. Schon wegen des schwäbischen Kartoffelsalats von meiner Tante, für mich bis heute der Beste, den es gibt. Essig, Öl, Brühe oder Wasser, abgeschmelzte Zwiebeln, sonst nichts. Oder wie die Schwaben sagen: Zwei Maul Essig, drei Maul Öl, zwei Maul Wasser.

Zu was Heimatsuche alles gut sein kann.

Ich habe mich mal sehr intensiv mit Stierkämpfen auseinander gesetzt. Ich bin zwei Wochen lang durch Spanien gereist, für eine Serie über Stierkämpfe für die „Zeit“. Das Wichtige ist: Der Stier kommt in die Arena und der Torero fängt an zu tändeln, als eine Art Vorkampf. Weil der Stier in die helle Manege kommt und geblendet und verwirrt ist, durch das Licht, den Lärm der Zuschauer. Und er sucht sich in seiner Verzweiflung wieder ein neues Zuhause, in der Nähe des Toreros. Er weiß nicht, dass dies sein letztes sein wird. Ich finde das eine ganz gute Metapher für das Leben eines Flüchtlingskindes, wie ich es bin.

Herr Karasek, wir wollen mit Ihnen über Glück sprechen. Wenn Sie zurückblicken auf Ihr bisheriges Leben: Ist Glück eine Kategorie für Sie?

Na ja, meine Mutter war…

…Ihre Mutter lebt ja noch…

…Meine Mutter ist eine sehr praktische Frau. Sie hat immer zu mir gesagt, wenn ich was verloren hatte und dann jammerte: „Für das Gehabte bekommt man nichts.“ Man kann es nicht verpfänden. So ist das mit dem Leben auch: Für das gehabte Leben kriegt man nichts. Der Rückblick hat nie was mit Glück zu tun. Nein, Glück ist eigentlich für mich keine Kategorie. Ich habe einen Lieblingssatz, er ist von Freud: „Glück ist als Dauerzustand in der Schöpfung nicht vorgesehen.“ Diesen Satz habe ich mir als junger Mensch dick unterstrichen. Ich habe immer schon gewusst, dass der stimmt. Es gibt Glücksgefühle, natürlich, übrigens auch in unserem schönen Beruf. In unserem Job geht es aber um das Gemeinwohl, was eine Voraussetzung für das private Glück sein kann.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Viele Motti. Eins stammt aus Strindbergs „Totentanz“, dieser Beschreibung der Ehehölle. Immer neue Streitereien zwischen den Eheleuten. Da sagt der Ehemann, der alte Major: „Durchstreichen und weitergehen.“ Ein schöner Satz: Durchstreichen und weitergehen. Oder der wunderbare Satz von Nestroy: „Frauen haben es gut, sie trinken nicht, sie rauchen nicht, und Frauen sind sie selber.“

Wie war der 18-jährige Hellmuth Karasek? War der glücklich?

Das ist schwer zu sagen. Ich bin ja mit 18 nach Westdeutschland geflüchtet. Und jetzt, vor ein paar Monaten, ein schöner Sommertag, saß ich draußen in einem Hamburger Restaurant und schaute mir die jungen Leute an, und kurz dachte ich, die sind eigentlich auch nicht viel anders als ich damals war. Aber das ist natürlich Unsinn. Alles ist anders, alles hat sich verändert. Nur ein kleines Beispiel: Als die Russen Hitler fanden, registrierten sie, dass er gestopfte Socken trug. Ich kann mich noch gut erinnern, wann ich zum ersten Mal las, dass die Amis ihre Strümpfe wegwerfen, wenn sie Löcher haben. Es gibt so viele unmerkliche Veränderungen, die in der Summe alles verändern. Oder nehmen Sie die sexuelle Befreiung in den sechziger Jahren, was das bedeutet hat, können Sie sich gar nicht vorstellen.

Sexualität…

…war sicher das stärkste Movens in meinem Leben. Keine Frage. Bei wem nicht?

Aus Ihrer heutigen Sicht: Hat die sexuelle Befreiung etwas gebracht?

Das Wort „gebracht“ stört mich, ich will keine Verlust- und Gewinnrechnung machen. Die sexuelle Befreiung hat verändert. Punkt. Jede Generation glaubt immer, sie ist weiter als die vorherigen. Dann schaut man in den Irak, blickt auf die sozialen Zustände in der Dritten Welt. Und so weiter. Sind wir wirklich weitergekommen? Wir haben uns verändert, aber „gebracht“ hat gar nichts etwas.

Welche Menschen haben Sie besonders beeindruckt, vielleicht sogar verändert?

Da redet man sich auch viel ein. Ich will Ihnen mal eine Geschichte von meinem Doktorvater erzählen, den ich eigentlich sehr verehrt habe, weil er Hölderlin so vorlesen konnte, dass man ihn verstand. Ich gab meine Doktorarbeit über Hölderlin ab, und er sagte mir einige Zeit später, er sei schon sehr enttäuscht von mir. Ich wollte wissen warum. Er sagte, hier fehle ein Komma, da sei ein Zitat falsch, im Grunde eher Kleinigkeiten. Am Abend traf ich zufällig seine Assistentin. Sie sagte mir, er sei verletzt gewesen, weil ich nicht ihm auf der Seite 1 ausdrücklich gedankt habe. Also reichte ich ein paar Monate später die Arbeit wieder ein, mit dem Hinweis auf der 1: „Jederzeit stand mir mein Lehrer mit förderndem Rat und helfender Unterstützung zur Seite.“ Dann wurde die Arbeit angenommen. Studienkollegen von mir haben diese Formulierung später übrigens übernommen.

Was ist die Moral dieser Geschichte?

Na, dass man die Welt kennen lernt, wenn man feststellt, auch große Leute können sehr klein sein. Gott sei Dank ist das so.

Was bedeuten Ihnen Freundschaften?

Nach meiner Lebenserfahrung sind Freundschaften dann wichtig, wenn beide was davon haben. Auch Ehen sind im gewissen Sinne Zweckgemeinschaften: Ich kann mit niemandem so gut reden, dass ich mir Sorgen über ein Kind mache, wie mit meiner Frau. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Man muss beides. Freundschaften sind immer auch ein Zweckbündnis. Sehen Sie, Reich-Ranicki zum Beispiel, wir sind jetzt auch nach dem Literarischen Quartett noch gut befreundet. Und warum? Weil wir uns brauchen. Mit niemandem kann ich so gut reden, zum Beispiel über Walter Jens. Einer meiner Lieblingssätze, er stammt von Marx, heißt: Wenn eine Idee und ein Interesse zusammenstoßen, blamiert sich immer die Idee.

Sie waren früher sehr mit Martin Walser befreundet.

Heute herrscht Funkstille. Es hat etwas mit seinem Verhältnis zu Reich-Ranicki zu tun. Ich mochte schon seine Paulskirchenrede nicht besonders. Aber neulich habe ich vom Walser geträumt, im Traum haben wir uns versöhnt. Wir haben ja gar nicht gestritten, wir schweigen. Na ja, toll waren wir befreundet, als wir mal zusammen an einem amerikanischen College unterrichtet haben. Da haben wir jeden Tag drei Stunden Tennis gespielt. Das war eine schöne Zeit.

Vor was haben Sie Angst?

Vor dem Alter. Vor Schmerzen, vor Abhängigkeit. Ich sehe das Leben wie einen Sprung vom Wolkenkratzer, aus dem 27. Stock. Jetzt komme ich am dritten Stock vorbei und denke, bis jetzt ist es gut gegangen. Aber… na ja, der Aufschlag kommt, und der möchte bitte sanft sein.

Wenn Sie zurückblicken, dann…

…will ich gnädig mit mir sein. Man muss das sein. Wer es nicht schafft, gnädig mit sich zu sein, kommt nicht durch.

Was hat Ihnen Glück gebracht?

Wenn man so alt ist wie ich, denkt man: Das meiste Glück, aber auch das meiste Unglück droht einem von seinen Kindern. Man macht sich Sorgen, hat Angst um sie wie um nichts sonst. Und für die Freude gilt das genauso. Das ist so.

Könnten Sie sich rein theoretisch vorstellen, noch mal ein Kind zu bekommen, vielleicht zu adoptieren?

Nein, nein. Rein theoretisch nur, wenn ich Millionär wäre, dann würde ich eins adoptieren.

Sind Sie das etwa nicht?

Nein, nur fast. Sehr fast! (Er lacht sehr).

Ihnen wird ein eher nachlässiges Verhältnis zum Geld nachgesagt.

Meine Frau sagt, ich bin eine Geldvernichtungsmaschine. Das stimmt. Schauen Sie, ich kaufe dauernd Zeitschriften, obwohl ich sie in der Redaktion habe. Ich kaufe manchmal teure Lebensmittel und vergesse sie im Kühlschrank. Lauter kleiner Nachlässigkeiten, aber es addiert sich, das kann ich Ihnen versichern. Ich gebe manchmal Trinkgelder, als müsste ich mich freikaufen. Manchmal fehlt mir die Distinction zwischen großzügig, verschwenderisch und doof. Ich muss sagen, Geld hat mich schon immer am meisten aus dem Schlaf getrieben. Ich kenne diese peinlichen Szenen am Bankschalter, wenn der Mann da sagt, nein, Sie bekommen kein Geld mehr. Andererseits hätte ich nie so viel gearbeitet, wenn ich das Geld nicht gebraucht hätte. Manchmal sagen Leute zu mir, wie konntest du nur diesen oder jenen Auftrag annehmen. Da kann ich nur antworten: Ich konnte! Ich musste!

Haben Sie manchmal selbst das Gefühl, die eine oder andere Peinlichkeitsgrenze überschritten zu haben? Dass Sie sich einige Auftritte im Fernsehen besser erspart hätten?

Das gibt es, obwohl ich das allermeiste, was ich mache, völlig in Ordnung finde. Ich brauche da die lieben Kollegen nicht als Gouvernanten. Aber einmal saß ich in einem Art Käfig bei einer Raterunde mit Fritz Egner, oh Gott, schweigen wir darüber. Manchmal lehne ich auch Angebote ab. Ich sollte ursprünglich bei „Sieben Tage, Sieben Köpfe“ dabei sein, mit Rudi Carrell, Mike Krüger und den anderen. Die Pilotsendung war schon abgedreht mit mir am Tisch. Ich wäre reich geworden. Aber dann hat sich meine Frau die Sendung angesehen und hat gesagt, da gehst du nicht hin. Da ich immer auf meine Frau höre, habe ich ihren Rat befolgt.

Sind Sie ihr heute dankbar dafür?

Wenn man so will, bin ich ihr also dankbar, dass wir heute nicht reich sind.

Herr Karasek, wir sind weiter auf der Suche nach Glücksfaktoren in Ihrem Leben. Wie steht es mit dem Rauchen?

Das war nie ein Glücksfaktor. Das ist eher Sucht. Um mich zu beruhigen. Ich habe früher sehr viele Zigaretten geraucht – und ich habe damit eines Tages aufgehört, das ist mir überraschend leicht gefallen. Heute rauche ich nur noch gelegentlich Zigarren.

Alkohol?

Mein Arzt hat mir erst kürzlich mitgeteilt, meine Leberwerte sind ausgezeichnet. Ich bin normalerweise ein Mensch, der sich immer beobachtet. Dies lässt mit Alkohol nach. Das finde ich erst mal positiv. Aber das kann gelegentlich auch negative Folgen haben.

Welche Bücher waren für Sie wesentlich?

Da wäre die Liste natürlich unendlich. Aber spontan gesagt: Alles von Kafka, „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ von Tolstoj. Und von Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Filme?

Wieder spontan: Alles von Billy Wilder. Und zwei absolute Lieblingsfilme sind gerade „Außer Atem“ mit Belmondo und „Lohn der Angst“ mit Yves Montand.

Thema Selbstbewusstsein. Wird man mit den Jahren eher mehr oder eher weniger selbstbewusst?

Weniger. Schauen Sie, es schmerzt mich bis heute, dass ich den Kampf gegen mein Gewicht verloren habe. Oder: Ich werde auf der Straße gelegentlich angesprochen – und zwar, weil meine Schuhbänder offen sind. Ach, wenn ich mich dann Richtung Boden bücke, das ist schon sehr mühsam geworden.

Gibt es denn gar nichts Schönes?

Doch, doch. Schreiben macht mir eher mehr Spaß als früher. Und: Kurz vor Weihnachten bekam ich ein Schreiben vom Finanzamt. Ich dachte schon, oh je. Ich machte das Kuvert auf – und was soll ich Ihnen sagen? Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich Geld zurück. Schon dafür hat es sich gelohnt, 70 zu werden.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert

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