Zeitung Heute : „Man muss sich dem Speckgürtel nähern“

Terrorismusforscher Kai Hirschmann über Islamisten in Deutschland und Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Qaida

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Wie gefährlich sind Organisationen wie die jetzt verbotene Hisb utTahrir?

Erstens kann es sein, dass sich in solchen Vereinigungen ausgebildete Al-Qaida- Leute befinden. Leute, die extremistisch sind in ihren Ansichten, bereit sind, Gewalttaten auszuüben und ausgebildet in Afghanistan. Das sind potenzielle Terroristen. Zweitens gibt es viele extremistische Organisationen, die sich aufgrund ihrer radikalen islamistischen Einstellung gut als Umfeld für autonome Al-Qaida-Terrorzellen eignen. Ein Umfeld, in dem man nicht auffällt, in das man abtauchen kann und ein Umfeld, das Unterstützung für terroristisch bereiten Islamisten wie die Al Qaida vorhält. Gleich, ob das eine oder andere zutrifft, handelt es sich in jedem Fall um eine gefährliche Organisation aus dem islamistischen Bereich.

Wie wahrscheinlich ist, dass sich Al-Qaida- Leute bei der Hisb ut-Tahrir verstecken?

Nicht jede islamistische Organisation, die laut auf sich aufmerksam macht, ist eine Gruppe von Terroristen. Hier bietet sich aber ein gedankliches Umfeld, in dem Terroristen mit ihren extremen Ansichten nicht auffallen und gewisse Hilfsleistungen von dann gewonnenen Bekannten in Anspruch nehmen können. Diese Gefahr besteht. Man muss über das extremistische Umfeld versuchen, an die Al-Qaida-Kader heranzukommen. Die extreme Hetze, die Hisb ut-Tahrir an der TU in Berlin ganz offen betrieben hat, richtete sich gegen das Feindbild, das auch in der Ideologie von Al Qaida vorkommt: Juden und Kreuzfahrer. Es ist also nur konsequent, die Hisb ut-Tahrir zu verbieten.

Wie kann man Deutschland vor terroristischen Gruppen schützen?

Ich sehe nur eine Chance in der Prävention. Man weiß sehr viel über die zwar noch losen, aber nicht von der Hand zu weisenden Strukturen von Al Qaida. Al Qaida ist dezentral, ist mehr eine Idee, eine Ideologie als eine kompakte Terrorgruppe. Trotzdem kommt sie nicht ohne Verbindungen untereinander, nicht ohne Leute aus, die eine Art mittlere Managementfunktion wahrnehmen, die Logistik koordinieren, die Geld verteilen. Es gibt zu viele Ziele. Klar ist: Sie können nicht jedes multinationale Unternehmen und nicht jede Apotheke mit Objektschutz versehen. Al Qaida nutzt nie dasselbe Muster zweimal, sie machen momentan kleinere Anschläge ohne lange Vorbereitungszeit. Sie können nur tun, was für sie Routine ist: Anschläge wie auf Djerba, Bali und Mombasa . Schutz ist da nicht zu garantieren. Wenn Sie aber eine Terrorzelle von Al Qaida ausheben können, wie die Meliani-Gruppe in Frankfurt, schließen Sie gleichzeitig aus, dass die eine Bombe legen, ein Flugzeug kapern, oder an chemischen Sachen basteln. Und dann reicht es ja nicht, die Stecknadel im Heuhaufen zu suchen, sondern Sie müssen sich den ganzen Heuhaufen vornehmen – und das tut Schily jetzt, das ist auch gut so – weil der eine perfekte Tarnung bietet für die Nadel. Nehmen Sie den Haufen weg, ist die Chance, dass Sie die Nadel finden ungleich größer.

Wie ist das in absehbarer Zeit möglich?

Die Bekämpfung des Terrorismus ist keine Sache von einem Monat, auch nicht von einem Jahr. Eine Dekade wird das sicherlich in Anspruch nehmen. Genauso lange, wie es gedauert hat, bis diese Leute ihr Netzwerk aufgebaut hatten. Es geht nicht unbedingt um neue Gesetze. Wenn Sie ein Puzzle von tausend Teilen haben, bringt es nichts, wenn Sie noch 2000 draufwerfen. Sie brauchen jemanden, der die Teile zusammensetzt, das heißt personelle und materielle Ausstattung und eine zentrale Informationsbehörde, die die Erkenntnisse auf Länder- und auf Bundesebene zusammenbringt. Auch die Figuren, die mit dem 11. September zu tun hatten, waren keine Unbekannten. Man konnte das Puzzle nur nicht lösen, weil man den Überblick verloren hat. Um die Leute herausfiltern zu können, muss man sich dem äußeren Speckgürtel nähern.

Das Interview führte Stephanie Nannen .

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