Zeitung Heute : "Man wird sich entscheiden müssen" - Die Ruhr-Universität Bochum ist Vorreiter

Thomas Gehringer

Die große Hochschulreform, die in den nächsten fünf Jahren in Deutschland verwirklicht werden soll, steht ganz im Zeichen der neuen Studiengänge mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Der Wissenschaftsrat hat dies empfohlen, Bund und Länder stehen dahinter. Wer die Vorreiter-Hochschulen in Deutschland sucht, sollte nach Augsburg oder Bochum blicken. An der Ruhr-Universität Bochum sind die Studienreformer in der Organisation gestufter Studiengänge so weit wie keine andere deutsche Universität. Bisher gibt es 23 neue Studiengänge in Bochum.

Die Leitung der Ruhr-Universität hat eine klare Position: "Wir wollen die Fachbereiche dazu bewegen, über die Stufung sorgfältig zu diskutieren", sagt Rektor Dietmar Petzina. Man müsse mit dem Konkurrenzdruck offensiv umgehen: "Wer sich dem Prozess verweigert, der wird am Ende zu den Verlierern zählen."

Bereits im Wintersemester 1993/94 begannen die Philologie, die Geschichtswissenschaft sowie Philosophie / Pädagogik und die Publizistik mit Bakkalaureus- und Magister-Angeboten. Ab dem Wintersemester 2000/2001 sollen immer mehr gestufte Studiengänge als zusätzliches Angebot neben dem klassischen Magisterstudium und Diplomstudium übernommen werden. Gestufte Studiengänge sind international verbreitet und unterscheiden sich von den in Deutschland üblichen langen Studiengängen mit dem Magister, Diplom oder Staatsexamen dadurch, dass der erste Abschluss nicht nach zehn oder zwölf Semestern erreicht wird, sondern bereits nach sechs oder sieben Semestern mit dem Bachelor oder Bakkalaureus. Wer anschließend noch länger studieren will, kann den Master oder Magister nach weiteren zwei bis vier Semestern erreichen.

In Bochum wollen jetzt fünf naturwissenschaftliche Fakultäten zum kommenden Wintersemester gestufte Studiengänge einführen. Die Fakultät für Geowissenschaften möchte sogar auf das bisher übliche Diplom verzichten. Weitere vier Fakultäten haben ihr Interesse bekundet, sich auch für neue Studiengänge zu engagieren.

Rektor Petzina ist Historiker und er befürwortet, dass zuerst einmal parallele Strukturen erprobt werden - also die neuen Studiengänge neben den traditionellen Angeboten laufen. "Aber man wird sich nach einigen Jahren entscheiden müssen". Die Universitätsleitung versucht die Bedenken der Kollegen in den einzelnen Fakultäten behutsam zu zerstreuen. Besonders genervt von dieser Hartnäckigkeit sind zurzeit die Ingenieure. In einer Pressemitteilung formulierten sie "eine deutliche Ablehnung". Nicht nur die deutsche Bauindustrie stehe den gestuften Studiengängen kritisch gegenüber. Selbst in den USA werde von der "American Society of Civil Engineers" in Frage gestellt, ob der Bachelor ein ausreichender berufsqualifizierender Abschluss sei. Aber auch die Anhänger des traditionellen deutschen Diploms zum Abschluss des Studiums der Ingenieure sehen sich in Bochum unter Rechtfertigungsdruck: Sie möchten ihre Skepsis "nicht als mangelnde Reformbereitschaft verstanden wissen".

Das sei 1993/94 erprobte Reformmodell habe einen "gegenseitigen Beobachtungs- und Lerneffekt" ausgelöst, sagt Rektor Petzina. Denn vor einer breiten Einführung des Bachelor und Master sollten gesicherte Erkenntnisse über die Arbeitsmarktchancen stehen. Davon kann noch keine Rede sein: 1000 Studierende haben sich in Bochum bisher für einen gestuften Studiengang entschieden, 100 haben den ersten Abschluss nach sechs Semestern (Bakkalaureus) geschafft. Knapp zwei Drittel davon vertiefen ihr Studium bis zum Magister. In Bochum sind 37 000 Studenten eingeschrieben.

Der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) in Bochum äußerte sich ablehnend und kritisierte, dass die Studenten vor der Einführung der neuen Studiiengänge nicht gefragt wurden. Tatsächlich wurde das neue Angebot nicht gerade euphorisch angenommen. In den ersten beiden Jahren war die Nachfrage noch mäßig - heute müssen laut Astrid Steger, der Leiterin des Bochumer Reformmodells, 30 bis 50 Bewerber für die neuen Studiengänge jeweils zum Wintersemester abgewiesen werden. Die Auswahl erfolgt nicht nach Leistungen, sondern nach Warteliste.

Förderlich waren auch nicht gerade die Bafög-Ämter, die häufig nach den ersten sechs Semestern in den Reformstudiengängen keine Ausbildungsförderung mehr zahlen wollten. "Bisher haben wir alle Schlachten gewonnen", sagt Astrid Steger, "aber allein das hat enorme Energie gekostet." Doch die neuen Angebote treffen offenbar den Nerv der Zeit: Immer mehr Fakultäten nutzen die Chance, um auch die Inhalte des Studiums zu reformieren. Das war anfangs selbst bei den geisteswissenschaftlichen Pionieren nicht der Fall. Angesichts hoher Abbrecherquoten in einzelnen geisteswissenschaftlichen Studiengängen - bis zu 80 Prozent - und fehlender Berufsaussichten hatten die drei Fakultäten 1993/94 eher aus der Not heraus reagiert. "Wir haben das Studium umstrukturiert, aber konnten nicht an die Inhalte heran. Das wäre durch keinen Fakultätsrat gegangen", sagt Astrid Steger.

Statt einem Haupt- und zwei Nebenfächern werden in dem seit 1993 erprobten Reformmodell drei Fächer in gleicher Gewichtung als Grundlagenstudium bis zur B.A.-Prüfung (Bakkalaureus Artium) angeboten. Hinzu kommen ein Praktikum sowie Kurse in Sprachen und Computernutzung. Anschließend kann ein vertiefendes Studium in einem der drei Fächer zwei Semester lang bis zum Magister Artium angehängt werden. Die Abbrecherquoten sanken nach Angaben von Astrid Steger deutlich, liegen aber immerhin noch bei 30 bis 35 Prozent.

Als das Reformmodell 1998 auslief, entschlossen sich die Fakultäten, trotz seitdem sinkender Fördermittel vom Staat, die gestuften Studiengänge aus eigener Kraft fortzuführen und nun auch inhaltlich weitergehende Reformen anzupacken. Derzeit wird in den Kommissionen verhandelt. Es zeichnet sich jedoch ab, dass ab dem Winter 2000/2001 nur noch zwei Fächer im Grundlagenstudium vorgesehen sind. Hinzu kommt ein weiterer Qualifizierungsbereich, in dem zum Beispiel Sprach- und EDV-Kurse Platz finden. Außerdem sollen einzelne Veranstaltungen zu Modulen zusammgefasst, Kreditpunkte und studienbegleitende Prüfungen eingeführt werden. Frühestens in zwei Jahren könnten die herkömmlichen Magisterstudiengänge ganz zu den Akten gelegt werden. Bei den Naturwissenschaften wird diese Übergangszeit mindestens fünf Jahre dauern. Nur die Geowissenschaftler wollen ihre Studiengänge noch im Jahr 2000 "komplett auf den Kopf stellen", wie der Geologe Bernhard Stöckhert erklärt.

Die drei bisher getrennten Studiengänge Geophysik, Mineralogie und Geologie mit insgesamt knapp 400 Studierenden sollen ab dem Wintersemester im sechssemestrigen Grundlagenstudium zusammengeführt werden - als Abschluss ist der Bakkalaureus/Bachelor vorgesehen. Der "gemeinsame Unterbau" soll allen Beteiligten die Möglichkeit schaffen, "untereinander zu kommunizieren", anstatt sich bis zum Diplom nur mit einem Fach zu beschäftigen, begründet dies Bernhard Stöckhert. Zugleich könnten die Studierenden die Entscheidung über die Spezialisierung erst später fällen - und damit auf einer viel qualifizierteren Basis.

Nach zwei Jahren mit "starrem Fahrplan" sollen sich die Studenten im dritten Studienjahr für einen Schwerpunkt entscheiden. Doch erst nach dem Bachelor-Abschluss müssen die Studierenden im folgenden Master-Studiengang unter einem von sechs möglichen Fachstudien wählen. Die Regelstudienzeit wurde um ein Semester erhöht und auch deshalb werde "fast nichts" aus dem bisherigen Lehrplan gestrichen. Dieses "optimale System" sei von allen Kollegen sehr schnell angenommen worden, sagt Stöckhert. Und weil ein paralleler Diplomstudiengang schon mangels Kapazität kaum aufrechtzuerhalten sei, werden ihn die Bochumer Geowissenschaftler in diesem Jahr zu Grabe tragen. Ohne Risiko ist das nicht: Denn ob der Arbeitsmarkt auch etwas mit Bachelor-Absolventen anzufangen weiß, "wird sich zeigen", meint Stöckhert.

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