Zeitung Heute : Managementweiterbildung

JOACHIM REICHLE

Paradigmenwechsel am BildungshorizontVON JOACHIM REICHLEFest steht: Für das Lernen per Internet muß eine spezielle Didaktik entwickelt werden.Buchseiten einfach nur abzuschreiben und sie abrufbar ins firmeninterne oder weltweite Netz zu stellen, kann nicht der Weg sein.Lernen per Computer und Netz muß Spaß machen, dann ergänzt es sinnvoll die herkömmlichen Seminare. Es geht um innovative und adaptive Lernsysteme: innovativ insofern, als sie - wenn gewollt - interaktiv sind und dem Lernenden ein individuelles Abrufen von Aufgaben und Lösungen ermöglichen; adaptiv dadurch, daß sie verschiedene Schwierigkeitsgrade offerieren können, aus denen der Teilnehmer sich den für ihn passenden auswählt.Ein Paradigmenwechsel in der Bildung zeichnet sich am Horizont ab: Lernen ist weniger ein "Geschoben-Werden" durch den Lehrer, als vielmehr selbständiges "Ziehen" seitens des Lernenden. Aber es gibt Hemmschuhe der Entwicklung.Einer resultiert daher, daß solche computergestützten Lernprogramme in der Entwicklung teuer sind und oft noch in den Kinderschuhen stecken.Ein weiteres Problem ergibt sich dabei aus der Kurzlebigkeit des Wissens.Die Frage ist: Wie kann es gelingen, die teure Softwareentwicklung rentabel zu gestalten, wo doch die Programme ständig auf den neuesten Stand gebracht werden müssen? Besteht nicht im Extremfall sogar die Gefahr, daß das Wissen schneller veraltet als die Programminhalte erneuert werden können, und die Programmierer wie Sisyphos immer und vergebens gegen den Berg anrennen? Computer und Netz können das Lernen jedoch nicht nur lustbetonter und unterhaltsamer, sondern auch effektiver und zeitsparender machen.Bislang war ein häufiges Problem von Seminaren, daß die Teilnehmer mit unterschiedlichem Kenntnisstand anreisten.Per Netz könnte sich vor dem Seminar jeder Teilnehmer die Vorbereitungsmaterialien besorgen und durcharbeiten.Denkbar wäre zum Beispiel, daß ein leitender Firmenmitarbeiter eine Pause während eines Arbeitsaufenthalts in einem fernen Land nutzt, um sich von seinem Hotelzimmer aus per Netz auf Thema und Fragestellungen vorzubereiten.Zudem könnte der Teilnehmer sein spezielles Interesse am Seminarthema per Datenleitung der Lernzentrale mitteilen. Für die Veranstaltung selbst käme er mit den anderen Teilnehmern an einem Ort zusammen - dieses Treffen würde damit zu einer Art Intensivphase innerhalb des Lernprozesses.Die Nachbereitungsphase fände wieder über das Netz statt: offengebliebene Fragen könnten geklärt und weiterführende Hinweise ausgetauscht werden.Dieser Austausch fände dabei nicht nur zwischen Lernzentrale und Lernendem, sondern auch zwischen den einzelnen, inzwischen persönlich bekannten, Teilnehmern statt. Dieses Szenario umreißt die Entwicklung, die die Managementweiterbildung vermutlich gehen wird.Die Kombination von Lernen per Netz und Lernen vor Ort würde Befürchtungen über Isolation und Vereinsamung des Menschen am Computer hinfällig machen.Gleichzeitig würde Weiterbildung effektiver und der Transfer des Wissens in die Praxis besser unterstützt werden.Die Kostenstrukturen dürften sich ebenfalls deutlich verändern, nämlich einerseits in Richtung auf kürzere Reisezeiten und -kosten, dafür aber andererseits hin zu größerem Aufwand für die Vor- und die Nachbereitung. Fest steht aber auch, daß Lernen per Netz nicht für alle Themen geeignet ist.Etwa beim Verhaltenstraining sehen die Experten auch auf lange Sicht kaum Möglichkeiten, die aktuellen Lernmethoden grundlegend zu verändern. Der Autor ist Geschäftsführer beim Institut für Management und Technologie Berlin (IMT) und dort zuständig für firmeninternes Managementtraining (Internetadresse:

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