Zeitung Heute : Manhattan Transfer

Am Donnerstag wird der Gewinner des Wettbewerbs um die Bebauung von Ground Zero bekannt gegeben. Dabei wird der Entwurf wahrscheinlich nie gebaut. Denn dem Pächter Larry Silverstein ist das alles viel zu verspielt. Er will Büroräume vermieten.

Marc Pitzke

Was sich Larry Silverstein in den Kopf gesetzt hat, das schafft er auch. „River Place“ zum Beispiel, die monumentalste Mietskaserne der USA am Westufer Manhattans: Den Bau hat Silverstein gegen Anwohnerproteste und behördliche Vorschriften durchgeboxt – in einem 16 Jahre langen Kleinkrieg. Ein Krieg, in dessen Verlauf Silverstein eine Rezession und diverse neue Flächennutzungspläne aussaß, vors Gericht zog, drei New Yorker Bürgermeister kommen und gehen sah, selbst sechsfacher Großvater wurde und seine Mutter beerdigte. Das Ergebnis dieses zähen Geduldsspiels erschlägt einen heute am Ende der 42nd Street, ein Klinkermoloch, der die Straße verfinstert und den Blick aufs Wasser verstellt. 921 Wohnungen auf 41 Etagen, Tennisplätze, Golfparcours, Swimmingpool von olympischen Dimensionen. Und das ist erst die Hälfte des 225-Millionen-Dollar-Projekts. Der zweite Abschnitt, noch 14 Stockwerke höher, soll bald folgen.

Und dieser Mann könnte nun auch den Plänen für Ground Zero einen mächtigen Strich durch die Rechnung machen. Am kommenden Donnerstag soll die Entscheidung fallen, über die Bebauungsentwürfe. Daniel Libeskind oder das Architektenteam „Think“. Und es sieht so aus, als habe das alles gar nichts zu bedeuten. Denn Larry Silverstein ist der Pächter von Ground Zero, und ihm gefällt das alles gar nicht.

Dem 71-Jährige ist es eben immer schon mehr um das Preis-Leistungs-Verhältnis gegangen als um architektonische Eleganz. Ein Vorzug, mit dem sich der Mann, der jetzt im Mittelpunkt des größten Bauvorhabens der US-Geschichte steht, zielstrebig zu einem der machtvollsten und gleichzeitig angefeindetsten Spekulanten New Yorks hochgearbeitet hat. Seit Jahren schon zieht er hinter den Kulissen der Immobilienszene Manhattans an den Strippen. Und hat sich so ein kleines Imperium zusammengebaut: 3000 Miet- und Eigentumswohnungen sowie zehn Büro-Hochhäuser mit über einer Million Quadratmetern Mietfläche. Darunter ein Wolkenkratzer unweit der Wall Street, den er 1998 für 190 Millionen Dollar der Hotel- und Skandalkönigin Leona Helmsley abkaufte, um darin sein Hauptquartier aufzuschlagen. Vor kurzem wurde er zum „Immobilienmann des Jahres“ gekürt.

Den Deal seines Lebens aber besiegelte Larry Silverstein am 24. Juli 2001. Mit typischer Hartnäckigkeit und für insgesamt 3,22 Milliarden Dollar, inklusive eines sofort fälligen Schecks von 100 Millionen Dollar, sicherte er sich mit seinem Partner, einem australischen Einkaufszentren-Betreiber, in buchstäblich letzter Verhandlungsminute auf 99 Jahre hinaus den Pachtvertrag für das World Trade Center. „Ich freue mich wahnsinnig“, bejubelte Silverstein damals das größte New Yorker Immobiliengeschäft aller Zeiten. „So ein wertvolles Anlageobjekt gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.“

Dann kam der 11. September 2001.

Für alle Zeiten

Siebzehn Monate später, Lower Manhattan im Februar: Touristen spazieren an Ground Zero vorbei, dem 6,5 Hektar großen Baggerloch, das von dem geblieben ist, was Silverstein einst als „Krönung meiner Karriere“ bezeichnete. Verbissen kämpfen sich die Schaulustigen durch Wind und Matsch, entlang am Bauzaun und der „Mauer der Helden“ mit den verewigten Namen der 2800 Terroropfer. Darunter auch vier Angestellte Silversteins. „Pläne im Fortschritt“ verheißt ein Ausstellungsbanner an der Freitreppe zum gläsern-marmornen Wintergarten. Der Garten ist nach dem 11. September für 50 Millionen Dollar wiederauferstanden, samt 16 importierter Hochpalmen aus Florida – die erste symbolische Neugeburt an diesem Ort.

Die Besucher des Wintergartens umlagern zwei Miniaturmodelle aus lackiertem Sperrholz und Plexiglas, jene Finalisten-Entwürfe im Designwettbewerb um Ground Zero – die Turmspirale des Berliners Daniel Libeskind und die Doppelhelix des New Yorker Architektenteams „Think“. „Diese Pläne“, sagte John Whitehead, der Chef der projektführenden Entwicklungsgesellschaft für Lower Manhattan (LMDC), zur Modell-Enthüllung, „sind nicht für unsere Zeiten, sondern für alle Zeiten.“

Oder eben auch nicht. Die Luftschlösser, die bisher von mehr als 100 000 Besuchern und 80 Millionen Websurfern bestaunt wurden, werden nämlich womöglich gar nicht gebaut. Die Entwürfe, ist aus Kreisen der Entwicklungsgesellschaft immer häufiger zu hören, seien allenfalls „illustrativ“ zu verstehen, als Dekoration eines groben Flächennutzungsplans. Eine Nachricht, die dem Festakt zum Ende der Woche ja doch irgendwie den Wind aus den Segeln nimmt. Alles nur Schau?

In der Tat tobt ums Jahrhundertprojekt Ground Zero hinter den Kulissen ein Intrigen-Krimi, der mit Ästhetik und Architektur nur noch wenig zu tun hat. Stattdessen geht es hier um Politik und Macht, um Geld und Gier und darum, wer über diese Achtmillionenstadt New York herrscht. Was am Ende herauskommt, wer sich durchsetzt und was zuletzt wirklich gebaut wird, das wagt selbst ein Insider wie Daniel Libeskind nicht zu prophezeien: „Es gibt zu viele politische Akteure und rivalisierende Interessen.“

Warum also diese teure Ausschreibung der Entwicklungsgesellschaft? Finanziert wird die Gesellschaft mit 3,5 Millarden Dollar Fördergeldern aus Washington. Könnte dahinter so etwas wie eine von Washington inszenierte architektonische Trauerarbeit stecken, die den Ort des Schreckens mit einer Diskussion um Erinnern und Gedenken überziehen soll? Die die unangenehmen Fragen nach wirtschaftlichem Nutzen, zumindest für eine gewisse Zeit, verdrängen sollen?

Der heimliche Hauptakteur in der Diskussion um Ground Zero ist nämlich Larry Silverstein. Der Pächter des World Trade Centers ist, wie er gerne erläutert, die „einzige private Finanzquelle für den Wiederaufbau“. Weshalb er jetzt auch uneingeschränktes Mitspracherecht fordert. Mit anderen Worten: Ohne ihn geht an Ground Zero nichts. Und Silverstein, sagt Harvard-Dozentin Sarah Willliams Goldhagen, „ist nicht verpflichtet, sich an die Entwürfe zu halten.“

Das hat er auch selbst schon klargestellt. In einem neunseitigen Brief an den Boss der Entwicklungsgesellschaft Whitehead detaillierte Silverstein seine Vorstellungen für Lower Manhattan. Und die haben mit dem Wettbewerb, auf dessen Ausgang alle so gespannt sind, kaum etwas gemein. Eine Million Quadratmeter Bürofläche, 56 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche. Einfache Grundrisse. Traufhöhe 300 Meter. Etagenhöhe vier Meter, Etagenfläche maximal 4180 Quadratmeter. Klingt sehr nach dem Auslaufmodell „River Place“ an der 42nd Street. „Ich freue mich, von Ihnen zu hören“, schließt Silverstein höflich seinen Brief.

Finger im Spiel

Mit dem Futurismus von Libeskind und „Think“ kann der Immobilienbesitzer nichts anfangen. „Ich verstehe diese Gerüsttürme nicht“, schimpft Silverstein über den „Think“-Entwurf. „Wie sollen die funktionieren?“ Auch Libeskinds Gedenkgrube bereitet ihm Kopfzerbrechen: Eine „Anzahl großer Finanzfirmen“ habe ihn bereits wissen lassen, dass sie keinesfalls Büroräume mieten würden, aus denen man in so ein gruseliges Loch gucken könne. Und schließlich hat Silverstein laufende Pachtzahlungen von 120 Millionen Dollar im Jahr, die er ja irgendwie eintreiben muss. „Wie der Bebauungsplan am Ende aussieht“, sagt er, „wird sich zeigen.“

Und dabei hat auch nicht mehr nur Silverstein seine Finger mit im Spiel. Kompliziert wird die Affäre noch durch zwei weitere Parteien, die wiederum ihre eigenen, ganz unterschiedlichen Interessen verfolgen: der US-Bundesstaat New York und die New Yorker Stadtverwaltung. Der Bundesstaat ist über die Hafen- und Verkehrsgesellschaft Port Authority (PA) der eigentliche Besitzer von Ground Zero. Und für die stehe der Bau einer Gedenkstätte, so Vizechef Charles Gargano, „an erster Stelle, dann Verkehr und Infrastruktur“. Erst danach kämen eventuelle Wolkenkratzer. Vorsichtshalber hat die Behörde, die in Ground Zero bereits neue U-Bahn-Röhren verlegen lässt, ihren eigenen Stadtplaner engagiert: Stanton Eckstut, bekannt durch seine Reißbrett-Satellitenstadt Battery Park City gleich gegenüber des Geländes.

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg dagegen hofft auf eine möglichst rasche Renaissance von Lower Manhattan, um durch neue Gewerbesteuereinnahmen sein Haushaltsloch von fünf Milliarden Dollar zu stopfen. Doch dazu muss Bloomberg erstmal an die Ground-Zero-Besitzrechte kommen. Also hat sein Vize Daniel Doctoroff eine alte Idee neu belebt: einen „Landtausch“, bei dem die Port Authority Ground Zero abtritt und dafür die Flughäfen Kennedy und LaGuardia bekommen würde. Ein solcher Tausch würde die Machtverhältnisse in Lower Manhattan wieder völlig auf den Kopf stellen – und damit auch die Design-Visionen. Bis Jahresende, kalkuliert Bloomberg, könne die Stadt Silverstein aus der Pacht auslösen, um dann selbst die Versicherungsgelder zu kassieren, die durch die Terroranschläge angefallen sind. Damit wäre New York dann in der Lage, eigene Neubaupläne zu finanzieren – ohne die Entwicklungsgesellschaft, sprich: ohne Libeskind oder „Think“. Schon gab es ein Geheimtreffen von Bloombergs Vize Doctoroffs mit seinem alten Kumpel Jacques Dubois, dem Vorsitzenden der Swiss Re America, der größten der 24 beteiligten Versicherungen. Dubois, dessen Konzern auch die Olympiabewerbung New Yorks für 2012 mit sponsert, hat aus seiner Neigung nie einen Hehl gemacht: „Wir würden uns weit zugänglicher zeigen, wenn wir wüssten, dass die New Yorker Bürger die Begünstigten wären und nicht jemand, der daraus einen Gewinn zöge.“ Damit meint er natürlich Silverstein. Denn der hat die Versicherungen mit einer bitteren Klage überzogen. Silverstein geht davon aus, dass es sich bei den Anschlägen auf die Zwillingstürme um zwei getrennte Schadensfälle handelt und nicht nur einen. Der Unterschied wäre beträchtlich: Im einfachen Fall stünden Silverstein 3,55 Milliarden Dollar zu, im Doppelfall 6,7 Milliarden Dollar – und damit auch doppelter Einfluss. Schon jetzt gerät allein dieses verdrechselte Verfahren, das erst im Frühjahr vor das Bezirksgericht kommen soll, zum Thriller. Grund des Schlamassels ist der abenteuerliche Umstand, dass am 11. September 2001 keine gültige Versicherungspolice für das World Trade Center existierte, sondern nur ein provisorischer Zusatz zum Pachtvertrag, dessen Interpretation strittig ist.

Die Swiss Re wirft Silverstein Schwindel vor: Er habe sich absichtlich unterversichert, nur um jetzt auf doppelter Auszahlung zu bestehen und das Attentat so zur persönlichen Gewinnmaximierung auszuschlachten. Um die „zynische“ Natur Silversteins zu untermalen, führte Swiss-Re-Anwalt Barry Ostrager ein Memo als Beweismaterial ins Verfahren ein, in dem Silverstein und sein Pressesprecher Howard Rubenstein am Tag nach den Anschlägen zwei Optionen für ihre öffentliche Reaktion durchspielen. Version Eins: „Das WTC wird in Partnerschaft mit dem Volke wieder aufgebaut.“ Version Zwei, das Gegenteil: „Das WTC wird nicht wieder aufgebaut. Es ist undenkbar, dass wir eine Stätte des Kommerzes auf einem Gelände wieder aufbauen, das mit dem Blut amerikanischer Patrioten getränkt ist.“ Vor der Presse zum Einsatz kam die erste Version. „Ein schändlicher Versuch, die Wahrheit zu verzerren“, kontert Rubenstein, der wohl prominenteste PR-Agent New Yorks. Er vertritt auch Donald Trump, Mike Tyson, Rupert Murdoch oder Supermodel Naomi Campbell.

207-Dollar-Stiefel

Die Schlammschlacht um Ground Zero kommt auf Touren. Derweil stehen im Wintergarten die hübschen Modelle herum, Attrappen einer bürokratischen Farce. Ihre Schöpfer wurden von der New Yorker Lokalpresse nichtsdestotrotz zu neuen Mega-Stars erhoben: Die „New York Times“ widmete sich kürzlich ausführlich den neuen 207-Dollar-Cowboystiefeln Libeskinds – und danach den modischen Lesebrillen seines Rivalen Rafael Viñoly von „Think“.

Aber es gibt noch Hoffnung für Ästhetik und Architekten: die US-Regierung. Denn seit kurzem kursiert die Idee, dass nicht die Stadt New York, sondern vielleicht Washington Silverstein mit einer großzügigen Ablösesumme aus dem Verkehr ziehen könnte – womit alles wieder offen wäre. Denn die Ausschreibung war ja eine Idee aus Washington. Wird der Immobilienmogul, der sonst immer alles durchsetzen kann, des Kämpfens auf seine alten Tage nicht auch langsam müde? „Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten anrufen würde“, schmunzelt sein Sprecher Howard Rubenstein, „dann müsste man sich sicher hinsetzen und darüber reden.“

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