Zeitung Heute : Manipulierter Manipulator

CHRISTINA TILMANN

"Es gibt Filme, die laufen in Frankreich gut und im Ausland nicht.Manche laufen im Ausland und sind in Frankreich ein Flop.Und manche laufen überall oder überhaupt nicht.Wenn Sie mich fragen, woran das liegt: Ich weiß es nicht." Daß sein Film "Die Farbe der Lüge" auf der Berlinale als Wettbewerbsbeitrag lief und mit Beifall aufgenommen wurde, ist für den französischen Regisseur Claude Chabrol, der sich in Berlin in einem nachdenklichen Pressegespräch vorstellte, ein gutes Zeichen: "Wenn ein Film im Ausland erfolgreich ist, hilft das sehr für den nächsten."

Daß es einen nächsten Film geben wird, steht fest: Es gab immer einen nächsten, regelmäßig einen pro Jahr.Über 50 Filme hat der Mitbegründer der Nouvelle Vague inzwischen gedreht, und häufig waren Krimis darunter: "Das Gute an den Kriminalgeschichten ist, daß man mit ihnen erzählen kann, was man will.Jedes Thema wird interessanter, wenn man es als Krimi erzählt", begründet der Regisseur seine Vorliebe.Wenn "Die Farbe der Lüge", die Geschichte zweier mysteriöser Todesfälle an der bretonischen Küste, trotzdem neuartig wirkt, dann liegt das auch an der Figur von Valeria Bruni-Tedeschi als Kommissarin: "Ich wollte keinen Kommissar, der bullig und einschüchternd wirkt.Valerias Figur ist transparent und gleichzeitig sehr hart", sagt Chabrol.Die Schauspielerin durfte als Kommissarin gleichzeitig schüchtern, ernsthaft und ungeschickt sein: "So wie ich auch in Wirklichkeit bin", wie sie mit Blick auf Chabrol kokettiert."Der Charakter der Kommissarin ist sehr inquisitiv: Über achtzig Prozent aller Textzeilen sind Fragen."

Die Zusammenarbeit mit Chabrol loben alle, Schauspieler wie Produzent, in den höchsten Tönen, "auch wenn man das eigentlich nicht sagen darf, wenn er dabei ist", wie Hauptdarsteller Jacques Gamblin sagt."Doch, warum nicht, man darf", wirft Chabrol ein, der sich auf der Pressekonferenz in bester Laune zeigte.Für Marin Karmitz, der mit "Die Farbe der Lüge" schon den zehnten Film mit Chabrol produziert, ist die Zusammenarbeit mit dem Regisseur jedes Jahr wie zwei Monate Ferien.Chabrol selbst witzelt über seine Methode, die Schauspieler zu dirigieren: "All diese Schauspieler manipulieren mich und wiegen mich dabei in dem Glauben, sie dächten, ich sei es, der sie manipuliert." Was Valeria Bruni-Tedeschi bestätigt: "Wir haben tatsächlich das Gefühl, wir hätten die Macht auf dem Dreh." Und auch Sandrine Bonnaire, die zum zweiten Mal mit Chabrol gedreht hat, empfindet die Verantwortung, die der Regisseur ihr für den Charakter der Rolle übertragen hat, als ungewöhnlich: "Man darf uns Schauspieler nicht zu sehr schonen."

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