Zeitung Heute : Manische Stadt

Streichen – niemals: Der erste Karneval nach Hurrikan „Katrina“ soll New Orleans aus dem Elend reißen

Christoph von Marschall[New Orleans]

Seit Tagen bevölkern Märchenprinzessinnen, Kardinäle und venezianische Masken das French Quarter. Wer kein Kostüm trägt, hat zumindest mehrere bunte Glasperlenschnüre um den Hals und einen Zylinder oder einen schrägen Hut auf dem Kopf. Jazz dringt aus den unzähligen Restaurants und Bars und der unverkennbare Duft kreolisch gewürzten Seafoods – süß und scharf zugleich.

Ein halbes Jahr nach Hurrikan „Katrina“ ist New Orleans wieder im Ausnahmezustand. Die Stadt, die in den USA als Inbegriff der Ausgelassenheit gilt, die sie „the big easy“ nennen, ist im Mardi-Gras- Rausch. Auch der Karneval ist hier eine ganz eigene Mischung aus französischen, spanischen und afroamerikanischen Einflüssen. Mardi Gras, der fette Dienstag, ehe am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, ist seit Jahrzehnten ein Touristenmagnet: Einen solch üppigen Genuss für Augen, Magen und Seele findet man sonst kaum in den USA. Doch dieses Jahr haben die tollen Tage eine fast spirituelle Bedeutung. „Diesmal ist es wie Weihnachten“, sagt Patrick Porter, 41 Jahre alt, und plötzlich zittert die Stimme des kräftigen Mannes. „Weihnachten kann man auch nicht absagen.“ Die Stadt sehnt sich nach einem Beweis, dass alles wieder wird wie früher – obwohl noch nicht einmal die Hälfte der Bewohner zurückgekehrt ist und viele Viertel unbewohnbar sind.

Porter hat eigentlich das ganze Jahr Karneval. Wohin man auch blickt an seinem Arbeitsplatz: Drachenköpfe, Prinzessinnen, überlebensgroßes Meeresgetier, Spinnen, Fantasiegestalten und Blumen über Blumen im XXL- Format. Links im Regal ruht der Kopf von Richard Nixon, rechts, zweites Fach von oben, der von Jimmy Carter. In den Kern Studios – riesigen Lagerhallen schräg gegenüber vom French Quarter – wird seit Monaten an den Umzugswagen gesägt, gehämmert und gemalt.

Freitag vor einer Woche haben die Straßenumzüge begonnen – höchste Anspannung für die 45 Angestellten der Kern Studios, die in Handarbeit und doch wie am Fließband einen Wagen nach dem anderen fertig stellen und just in time vor die Halle bringen müssen, wo die Zugfahrzeuge warten.

39 Umzüge sind es in diesem Jahr mit bis zu 30 Wagen, gekrönt von den fünf Umzügen am eigentlichen Mardi Gras – alles in allem nicht viel weniger als in den Vorjahren. In der ersten Halle bemalt Elsa Eidson gerade eine vier Meter hohe Figur mit Narrenkappe und Spielkarten in der Hand, in der zweiten heften Schwarze die letzten Verkleidungen an einen Wagen, daneben beugen sich blonde Mädchen über einen Karton mit Goldborte; in der dritten tragen Arbeiter eine große blau-gelbe Holztafel zu einem Wagen: „Work in progress for the Krewe of Alla, Mardi Gras 2006“. Patrick Porter erklärt die Begriffe, die eine für New Orleans typische Mischung aus spanischen, französischen, englischen und kreolischen Lehnwörtern bilden. „Krewe heißen die Vereine, floats nennen wir die Wagen, was nach der Flut etwas makaber klingt, und props die einzelnen Figuren.“

Es gab eine Debatte, ob man die Paraden ausfallen lassen sollte – so wie während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. Manche Bezirke der Stadt sehen in der Tat noch aus wie nach einem Flächenbombardement. In der Lower Ninth Ward, einem armen Schwarzenviertel, haben sie noch nicht mal richtig mit dem Aufräumen begonnen: zerbeulte Autowracks, in sich zusammengefallene Häuser, umgestürzte Bäume. Selbst ein rund 60 Meter langes Schiff, das durch die Bruchstelle im Damm des Industriekanals gespült worden war und mehrere Häuser unter sich begraben hatte, liegt dort unverändert auf dem Trockenen; es hat in den sechs Monaten Rost angesetzt.

Auch das weiße Mittelschichtviertel Lakeview wirkt wie tot. Die Häuser stehen zwar noch, aber sie müssen abgerissen oder entkernt werden. Wochenlang war eine stinkende, giftige Brühe bis zur Decke der Erdgeschosse geschwappt. Wohncontainer der Katastrophenschutzbehörde Fema vor manchen Grundstücken verraten, dass deren Besitzer zurückgekehrt sind und sich an den Wiederaufbau machen. In anderen Vorgärten stecken „For sale“-Schilder. Überall stehen noch mit Schlamm verkrustete Autos herum.

Alles kein Grund, die größte Attraktion des Jahres abzusagen, befand das „New Orleans Magazine“, schon gar nicht im 150. Jahr der Straßenumzüge. Es erklärte die Saison 2006 zum „wichtigsten Mardi Gras aller Zeiten“ – als Mutmacher und Einkommensquelle. Während des Karnevals verdoppeln Touristen die Einwohnerzahl des Großraums auf über zwei Millionen. Studien beziffern die ökonomischen Effekte des Mardi Gras auf gut eine Milliarde Dollar.

Die gewinnträchtige Feier hat eine lange Tradition: 1699 erkundeten die Franzosen die Mississippi-Mündung und gingen am 3. März an Land; die Stelle 60 Meilen südlich von New Orleans heißt bis heute Mardi-Gras-Point. Wie in Europa mischten sich auch hier christliche Bräuche des Übergangs zur Fastenzeit mit Ritualen zur Austreibung des Winters. Die Franzosen brachten die rauschenden Maskenbälle mit, dann, unter spanischer Herrschaft, war es verboten, das Gesicht unkenntlich zu machen. 1803 wurde Louisiana amerikanisch. Für 1837 ist die erste Straßenparade belegt. Als es in den 1850er Jahren zu gewalttätigen Übergriffen Jugendlicher kam und ein Karnevalsverbot drohte, gründete sich 1857 der „Comus“ als erste Krewe – um die Tradition zu retten und in organisierte Karnevalsumzüge zu leiten.

Shangri-La, Knights of Sparta, Bards of Bohemia, Endymion, Bacchus, Choktaw, Zulu: Fantasievoll wie die Namen der Krewes sind auch ihre „floats“: Schmetterlinge, römische Kampfwagen, Totenköpfe und Gerippe, Schwäne, Glockenblumen, asiatische Baldachine – ein riesiges Fantasialand. Den Wagen „French Market“ ziert ein riesiger Hummer, wie die Galionsfigur eines Segelschiffes reitet er dem Wagen voran. Die Krewes sind ein inoffizielles soziales Gerüst der Stadt. Die Ältesten nehmen kaum neue Mitglieder auf. Die jüngeren Krewes dagegen schon. Die größte, „Endymion“, hat 2300 Mitglieder.

Aber warum sind kaum „Katrina“-Motive zu sehen? Mit Rücksicht auf die Opfer habe das nichts zu tun, beteuert Patrick Porter. „Die meisten Themen wurden lange vor dem Hurrikan festgelegt, sonst würden wir mit der Produktion nicht nachkommen“, sagt er. Ein bisschen Spott über das Versagen der Bush-Regierung gebe es aber schon. Anspielung genug sei zum Beispiel die hellblaue Plastikfolie, mit der die Fema erst mal die löchrigen Dächer der Häuser flickte, die als rettbar galten. Bei der Parade, mit der die Karnevalssaison am 6. Januar eröffnet wurde, war Marie Antoinette ganz in hellblaues Fema-Plastik gekleidet. Die Schreibweise ihres Vornamens MaRiE zielte auf die MRE’s: Mit „Meals ready to eat“, den Tagesrationen der Army, waren Hurrikanopfer wochenlang versorgt worden.

„Wie ein altes Zirkuspferd“ sei New Orleans, hatte Eugene Darwin Cizek am Vorabend des Karnevals gesagt. „Wenn die Musik zu spielen beginnt, können die Menschen von New Orleans gar nicht anders als zu tanzen – da kann die Lage noch so schlecht sein.“ Cizek ist ein Spezialist für die Siedlungsgeschichte der Stadt und wohnt selbst in einem unbeschädigten Baudenkmal am Rande des French Quarter. Er liebt die Stadt so sehr, dass er nirgendwo sonst wohnen mag, aber leidet zugleich an ihren Schwächen. Eine „Bananenrepublik“ sei das hier unten am Golf von Mexiko, eine Art Kolonie, die ohne die Hilfe von Washington nichts zustande bringe. Wenn Washington das Öl und Gas des Golfs ausbeute und dabei den natürlichen Küstenschutz zerstöre, habe es auch die verdammte Pflicht, ausreichende Dämme zu bauen.

Was ist das größte Hindernis für die Rückkehr zur Normalität? „Fehlender Wohnraum und Männermangel.“ In den verschonten Gebieten sind die Immobilienpreise stark gestiegen, in den überfluteten Gegenden ist der Bodenwert drastisch gefallen. Um das Einkommen brauche sich niemand zu sorgen. Arbeit gebe es mehr als genug. Die Preise für Hausreparaturen seien um 50 Prozent höher als vor „Katrina“.

Das hat Auswirkungen auf die einzelnen Krewes, erklärt Errol Laborde, der Mardi-GrasChronist der Stadt. Sein Büro nahe dem zerstörten Viertel Lakeview ist mit Karnevalsplakaten geschmückt. Eine schrille Krawatte hängt über dem Bauch des 58-Jährigen. Mit der Halbglatze und seinem leichten Lispeln erinnert er an Marcel Reich-Ranicki. Über dem Schreibtisch schwebt ein bunter Stoffpapagei auf einer Sitzstange, lebensgroß. Die Auswirkungen beschreibt er so: Während die Krewes der alteingesessenen Weißen und die auf Frauen beschränkte Krewe „Muses“ in voller Stärke antreten können, hat „Zulu“, eine schwarze Krewe, sehr viele Mitglieder durch „Katrina“ verloren und kann nicht alle bezahlten Wagen mit eigenen Leuten besetzen. Sie bietet für hundert Dollar Plätze zum Mitfahren an. Als Attraktion werden 20 echte Zulu-Krieger aus Afrika eingeflogen.

Der Männermangel und die Finanznot der Stadt erzwingen auch Einschränkungen bei den Routen der Paraden. „New Orleans hat kein Geld für Überstunden der Polizei“, sagt Laborde. Viele, die ihre Wohnung verloren haben, wohnen noch immer auf einem Kreuzfahrtschiff namens „Ecstasy“. Erstmals sollen die Krewes liegen gebliebene Kamelle und anderen Müll der Umzüge selbst wegräumen.

Psychologisch sei dieser Mardi Gras ungeheuer wichtig für die Stadt, sagt Laborde. „Die Leute wollen endlich mal wieder feiern nach all dem Leid, wollen einige Tage unbeschwert glücklich sein.“ Errol Laborde spricht offen aus, was viele in Privatgesprächen gesagt haben, nur will sich keiner zitieren lassen, weil es doch so schrecklich politically incorrect sei. „Manches ist besser geworden durch Katrina. Die Kriminalität ist weg, die Mörder, die Drogenabhängigen. Früher hatten wir fast täglich einen Mord, 300 im Jahr. In den sechs Monaten seit Katrina waren es nicht einmal zehn.“

Der Schwarzenanteil in der Stadt wird wohl von 70 auf unter 50 Prozent sinken. Dafür strömen Hispanics in die Stadt, Schwarzarbeiter aus Mittel- und Südamerika, die den Dreck wegräumen. Alles habe hier zwei Seiten, sagt Laborde. Die Menschen schimpfen auf Washington, aber gerade jetzt merkten sie, wie sehr sie die Bundesregierung brauchen. „Diese Stadt hat der Welt zwei große Dinge geschenkt: den Jazz und jetzt diese Warnung. Den Klima- und Katastrophenschutz darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Jetzt aber ist erst mal Karneval. Patrick Porter von den Kern Studios wird sich, wenn die Arbeit es zulässt, drei, vier Umzüge bei sich zu Hause im Vorort Metairie ansehen und „danach mit ein paar Freunden gut essen gehen“. Den Rummel im Zentrum will er sich nicht antun, „das ist mehr für die Touristen“. Höchstens die Schlusszeremonie am Abend des „fetten Dienstag“. Da reiten Polizisten die Canal Street hinab und fordern alle auf, nach Hause zu gehen: „Mardi Gras is over.“ Dann leeren sich die Straßen. Die Geister der Fastnacht entlassen New Orleans in den anderen Ausnahmezustand – den niederdrückenden, mit all den Sorgen der Nach-Katrina-Zeit.

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