Zeitung Heute : Mann ohne Rückwärtsgang

In ein paar Tagen will er den geschichtsträchtigen Admiralspalast in Berlin wiedereröffnen. Die Bauarbeiter sind noch drin – na und, denkt er. Falk Walter hat kein Talent zum Umkehren

Kerstin Decker

Das ist sein Stück Berlin. Wie oft hat er hier gestanden, direkt vorm Metropol- Theater. Und vor allem: wie lange! Jedes Mal derselbe Gedanke: Gleich würde sie kommen aus der hässlichen blauen Halle gegenüber, die irgendwann alle „Tränenpalast“ nannten. Falk Walter, 16 Jahre alt, ziemlich verliebt, wartete vor dem Metropol-Theater am Bahnhof Friedrichstraße auf seine neue Freundin. Er hatte in Budapest eine Dänin kennengelernt. Udo Lindenberg sang ein paar Jahre zuvor: „Mädchen aus Ostberlin“, seine Geschichte.

Wieso immer Mädchen?

Falk Walter sitzt in einem Friedrichstraßencafé und schlägt kurz die Hände vor’s Gesicht, als er daran denkt. Er ist inzwischen ein bisschen älter, 41 Jahre, aber er verbringt wieder sehr viel Zeit an dem Ort von damals. Nur dass er dem Metropol-Theater nun nicht mehr den Rücken zukehrt. Kein Wunder, denn es gehört ihm. Damals, Anfang der Achtziger, war die Rückenposition völlig normal. Was ging ihn ein DDR-Operetten-Theater an? Wer 16 ist und empfänglich für die „leichte Muse“, muss krank sein. Aber nicht nur dieses unmögliche Theater gehört ihm jetzt, Falk Walter besitzt noch mehr: ein Schiff, eine Halle, einen Club und bis vor ein paar Monaten auch das „Big Eden“, einst Berlins erste Diskothek. Ein Multi- Eigentümer! Und alles deutet darauf hin, dass diesem „Jungen aus Ost-Berlin“ gelingt, woran irgendwann kein Mensch mehr glaubte und das Theater selbst schon gar nicht: Es soll wirklich wieder aufmachen, jetzt gleich, am 11. August!

Bei der Eröffnung 1911 kam es vielen wie ein Märchenschloss vor, aber zum Schluss sah es doch ziemlich verwunschen und unerlösbar aus. Fast zehn Jahre stand es da, geschlossen, leer und öde, die Keller überflutet, und wer kam, kam nur, um etwas auszubauen und mitzunehmen. Die Heizungen zum Beispiel. Bei verwunschenen Schlössern ist das so. Dabei ist der Admiralspalast, fast unzerstört im Krieg, das letzte real existierende Zeugnis des Glanzes der alten Friedrichstraße. Trotzdem wusste der Senat irgendwann nur noch einen Ausweg: Abriss.

Wer ist der Retter?

Eben noch hat Falk Walter wie fast jeden Tag sein neues Theater inspiziert. 924 Zimmer ursprünglich! Walters isländischer Theaterkollege Helgi Bjoernsson findet das völlig normal: Hinter jeder Wand, die du raushaust, ist gleich noch eine. Horrorkabinett oder Märchenschloss, reine Ansichtssache. Wenn ihr durchs Haus geht, nehmt bloß die Handys mit, hat Walter gleich zu seinen Mitarbeitern gesagt. Für den Notfall. Denn der einstige Palast hat in letzter Zeit sehr oft den Ausruf erwachender Prinzessinnen gehört: Wo bin ich? Fast jeder hat sich hier schon mal verlaufen. Bis eben roch es nach DDR und Bohnerwachs – manchmal hält sich wirklich der Geruch am längsten; jetzt riecht es nur noch nach Baustelle und Mörtel. Überall klopft und hämmert und sägt es. Aber nur bis um vier Uhr nachmittags. Dann fallen allen Bauleuten die Hämmer aus der Hand, denn dann kommen Klaus Maria Brandauer und sein Mackie Messer Campino, im Zivilberuf erster Punkrocker der Toten Hosen, und proben im Theatersaal die „Dreigroschenoper“. Das Stück wird die Eröffnungspremiere am 11. August. So das Bauamt des Bezirks Berlin-Mitte es will. Am Dienstag fällt die Entscheidung. Es gibt noch einige Mängel, sagt die Baustadträtin. Technische Sicherheit, Brandschutz.

Der Theatersaal sieht bis zuletzt noch ungefähr so aus wie 1922, als man aus der Eisarena gerade ein Varieté machte: der alte Boden ist raus und der neue noch nicht ganz drin. Das trifft im Grunde für alles zu: Das Alte ist raus, und das Neue noch nicht ganz drin. Sie können doch auch bei uns in der „Arena“ proben, Herr Brandauer, hatten die Arena-Leute vorgeschlagen, aber der wollte das nicht. Darum kommen die Bauarbeiter jetzt jeden Tag um Mitternacht wieder, wenn Brandauer und Campino weg sind. Über den Goldreliefs an den Rängen liegt eine dicke Staubschicht. Auch darum sind sie schwer identifizierbar, wahrscheinlich nationalsozialistischer Klassizismus. Noch vom Goebbels-Umbau. Aber die „Führerloge“ ist weg. Da will doch eh keiner sitzen, glaubt Lone Bech, Arena-Frau der ersten Stunde.

Es ist immer die Frage, was einer auf einer Baustelle sieht. Sieht er eine Baustelle, oder sieht er etwas anderes? Den Innenhof verglichen Zeitzeugen einst mit einem römischen Marktplatz. Falk Walter steht da, zwischen Brettern, Werkzeug, Planen und vielen Bauarbeitern, die irgendwie alle aussehen wie Campino – die Frisur!, die Tätowierungen! –, aber er guckt zufrieden an den Wänden hoch. Das muss das legendäre „Pompejanisch- Rot“ sein, welches Helgi Bjoernsson nur „rusty red“ nennt. Und in Walters Blick steht: fast fertig! Römischer Marktplatz, was sonst? In anderen Gesichtern stünde vermutlich die blanke Verzweiflung.

Doch die Fast-fertig-Haltung hilft nicht immer, denn sonst könnten wir im hauseigenen Grand-Café, Vorderhaus, Erdgeschoss, jetzt Kaffee trinken gehen, genau wie 1911. Eigentlich sollte es schon im vergangenen Jahr fertig werden, aber da ist noch nichts, nur eine große dunkle Leere. Also Friedrichstraßencafé.

Würde man Falk Walter einen Bankkredit geben? Er ist schmal wie mit 16, jungenhaft noch immer, nur die beiden scharfen Linien um den Mund sind wohl neu, kurzes blaues T-Shirt, und jetzt bestellt er tatsächlich „Nudeln mit Tomatensoße“. Nicht Tagliatelle oder Fettuchini oder Penne, nein „Nudeln mit Tomatensoße“. Anno August Jagdfeld von der Fundus-Gruppe wäre ein solches Wort sicher nie über die Lippen gekommen. Jagdfeld war 2003 einer von vier Mitbewerbern Falk Walters um das Theater. Das mit Abstand höchste Gebot machte aber ein Abriss-Immobilienunternehmer. Jagdfeld wollte zwar nicht abreißen, dafür aber zehn Jahre lang „Cabaret“ spielen. Was ist schlimmer?

Dass Walter und seine Partner am Ende den Zuschlag bekamen, hatte nichts mit der Wertschätzung ihres Geldbeutels zu tun. Es ist, vergleichsweise, der von Nudelessern. Obwohl sie eine Million Euro für das Theater bezahlt haben. Der Musikkonzern „Stage-Holding“, der das Theater kurz vorher gekauft hatte und dann einfach zurückgab, weil ihr das Theater des Westens doch besser gefiel, bekam es noch etwas billiger: für einen Euro. Walter findet eine Million Euro statt einen Euro aber in Ordnung. Wer etwas ganz umsonst bekommt, benimmt sich dann auch so. Das lehrt der Sozialismus.

Die „Arena“-Treptower hatten das Gegenkonzept zu Zehn-Jahre-„Cabaret“. Sie wollten fast alles wieder so, wie es ganz am Anfang mal war. Bevor Goebbels die „Führerloge“ einbauen ließ. Bevor die Dirigenten nur noch mit einem Telefon neben ihrem Pult dirigierten in Erwartung des Bombenalarm-Anrufs. Bevor Wilhelm Furtwängler hier im Dezember 1944 die letzten Konzerte der Berliner Philharmoniker im Krieg leitete. Bevor sich im Theatersaal ab dem 21. April 1946 KPD und SPD zur SED vereinigten. Bevor die SED hier erst den 70. Geburtstag Stalins feierte und etwas später den Tod des großen „Generalissimus“ beweinte. Bevor Brecht und Dessau 1951 ihre Oper „Das Verhör des Lukullus“ aufführten, womit der Formalismus-Streit in der DDR begann. Das alles geschah im Metropol-Theater, das ab sofort wieder Admiralspalast heißt. Denn das, sagt Falk Walter, ist der Gründungsname des Theaters. Diese Gründungszeit fasziniert ihn.

Damals befand sich hier alles Mögliche: Cafés, Restaurants, Kegelbahn, der erste richtige Kinosaal Berlins und vor allem: eine große Eisarena mit mondäner Badeanstalt und Sauna obendrüber. Falk Walter findet es ganz natürlich, dass sich über einer großen Eisarena noch eine Badeanstalt befindet. Schon weil man so vom Schlittschuhlaufen direkt ins römische Dampfbad gehen konnte. Speisen und Getränke wurden sowohl in der Eisarena als auch in der Badeanstalt serviert, niemand sollte, nur weil er Hunger hatte, die Schlittschuhe oder den Bademantel ausziehen müssen. Auch die damaligen Öffnungszeiten kommen Walter sehr plausibel vor: fast 24 Stunden, Schlittschuhlaufen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. In Walters Treptower „Badeschiff“, jenem Schwimmbecken in der Spree, muss schließlich auch keiner aus dem Wasser, nur weil es schon nach Mitternacht ist.

Das unterscheidet das Badeschiff von den Berliner Bäderbetrieben und deren frühabendlichem Ruf: „In einer halben Stunde schließt unser Bad. Bitte verlassen Sie jetzt das Wasser und nutzen Sie die verbleibende Zeit zum Ankleiden ...“ Es gibt in jeder Gesellschaft zwei Hauptgruppen: die, die sich vorschreiben lässt, wie sie die verbleibende Zeit nutzt, und die andere. Falk Walter aus Guben bei Cottbus gehörte schon immer zur zweiten. Der Sohn eines NVA-Offiziers und einer Lehrerin ließ sich ja nicht einmal vorschreiben, wann er die DDR verließ.

Falk Walters DDR-Flucht-Geschichte zu kennen, heißt, sein Unternehmenskonzept zu verstehen. Wer selbst im Westen wohnt, braucht nicht mehr vor Ost-Berliner Operettentheatern auf dänische Freundinnen warten. Andere stellten Ausreiseanträge wie er, aber seiner war noch schneller abgelehnt, als er ihn gestellt hatte. Das erfüllte ihn mit einer gewissen Melancholie gegenüber Menschen, die die Aussicht hatten, irgendwann einmal etwas anderes zu sehen und zu hören als die DDR mit ihrem Berliner-Bäderbetriebe-Tonfall. Gegenüber seinem Freund Peter zum Beispiel, einem Fotografen, der vor ewigen Zeiten eine Mongolei-Reise beantragt hatte. Wenn er ihn traf, fragte er jedes Mal: „Na Peter, was ist nun mit Deiner Mongolenreise?“

Nie vergisst Falk Walter den Tag, als Peter antwortete: „Morgen!“ Er hatte ein Visum, ganz plötzlich. Falk Walter wollte das kostbare Dokument selber sehen: Es sah überwältigend kyrillisch aus, kyrillisch-mongolisch. Die Namen gingen im Fließtext völlig unter. Es waren zwei. Der zweite Name gehörte der Frau des Fotografen, aber die war längst nicht mehr seine Frau und kam auch nicht mit. Falk Walter erkannte die Chance seines Lebens: Ich bin Deine Frau! Ich komme mit!

Er ist ein guter Geschichtenerzähler.

Am Nachmittag saß er auf der Polizeimeldestelle Prenzlauer Berg, Pappelallee 2, und hatte nur eine Hoffnung: dass die das auch nicht lesen können. Und dass gerade die Unleserlichkeit des Dokuments, die ihm diese Aura überwältigender Echtheit verlieh, die Diensthabenden beeindrucken und einschüchtern würde. Es funktionierte. Und Falk Walter, den die DDR sonst nicht einmal mehr nach Polen reisen ließ, landete mit dem Fotografen in Moskau, einem Ort, an dem man kyrillischen Dokumenten nicht ganz wehrlos gegenübersteht. Die Russen verglichen lange Falk Walters Ausweis und das Visum, schienen dann aber zu dem Schluss zu kommen, dass ihre Kenntnisse des lateinischen Schriftbildes in diesem Falle nicht ausreichend waren. Der Fotograf und seine „Frau“ reisten weiter. Bis zur mongolischen Grenze, wo man garantiert mongolische Visa lesen konnte.

Jeder andere wäre spätestens jetzt umgekehrt. Aber Falk Walter hatte schon damals kein Talent zum Umkehren. Ein Mensch ohne Rückwärtsgang. Und dann zeigte der mongolische Grenzbeamte eine höchst merkwürdige Reaktion: In vollendetem Sächsisch begrüßte er beide in seiner Heimat. Endlich wieder Deutsch reden können wie damals, bei seinem Studium in der DDR. Und sollte er diese merkwürdige Frau des Fotografen wirklich wieder wegschicken, jetzt, wo sie schon mal da war?

Viele Wochen später standen Falk Walter und der Fotograf in der bundesdeutschen Botschaft in Peking. Sie sind mit Nomaden durch die Wüste Gobi gezogen, haben Murmeltiere mit der Hand gefangen und sich noch nie so hilflos gefühlt wie in China. Überall stand etwas geschrieben, und nichts konnten sie lesen. Ein freundliches Mädchen brachte sie schließlich aus Mitleid an einen Ort, wo man sie verstehen würde. Im letzten Augenblick erkannten sie das Emblem: Es war die Botschaft der DDR.

Nein, nein, die andere!

In der anderen schauten ihn die Botschaftsleute dann sehr merkwürdig an, als er ihnen mitten in Peking mitteilte, er sei soeben aus der DDR abgehauen und gedenke, jetzt Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland zu werden.

Es war genau derselbe schwer irritierte Blick, der Falk Walter in den letzten Jahren immer wieder traf. Man glaubte ihm einfach nicht: „So, so, Sie wollen also ein Theater sanieren und möchten dafür einen Kredit? Für ein Theater?“ Es klang jedes Mal wie: So, so, Sie kommen also über Polen, Sibirien, die mongolische Steppe und China, um in die Bundesrepublik einzureisen? – Aber selbstverständlich, antwortete Falk Walter dann jedes Mal.

Schließlich hatte er schon aus einem alten Busdepot ohne Heizung, Strom- und Wasseranschluss eine Theater- und Konzerthalle ersten Ranges gemacht. Die „Arena“ in Treptow. Und die Idee, vor die „Arena“ ein Badeschiff zu legen, fand am Anfang schließlich auch kaum einer gut. Es war die Zeit, als Falk Walter mit einer Tupperdose in der Badewanne saß und die Schwimmfähigkeit volllaufender, also tendenziell sinkender Schiffe überprüfte. Auf den Sinkpunkt kommt es an. Walters kleine Tochter sah den Tupperdosen-Experimentator in der Wanne und rief: Papa spinnt! Aber das sah nur so aus, denn dieser hatte gerade das Badeschiff erfunden – den sinkenden, aber eben nie ganz sinkenden Spreekahn.

Natürlich erfindet Falk Walter nie ganz allein, denn er ist Schauspieler, er ist ein Ensemblemensch. Das heißt, zuerst war er Schweißer, Schweißer mit Abitur in Lübbenau – aber dann brauchte eine freie Puppenspielergruppe in Berlin noch einen Puppenspieler, und der Schweißer mit Abitur wusste sofort: Das bin doch ich! Schauspiel hat er dann im anderen Teil Berlins studiert, an der Universität der Künste. Noch immer findet er nichts schöner, als wenn andere eigene Ideen aufnehmen und sie zu Konsequenzen bringen, auf die er nie gekommen wäre.

Eben wie beim Badeschiff.

Seit letztem Jahr ist das Badeschiff im Winter eine Sauna. Nur mit einer Plane obendrüber und das gleich bei minus 20 Grad draußen. Funktioniert doch! Es ist jedes Mal wieder wie über die Mongolei in die Bundesrepublik ausreisen. „Wir sind mit dem Badeschiff zur nächsten Biennale in Venedig eingeladen“, sagt Falk Walter mit viel Stolz in der Stimme. Endlich einmal jemand, dem man Genialität nicht erklären muss! Tendenziell sinkende, aber eben nicht so ganz sinkende Städte wie Venedig begreifen das auch so. Immerhin hat Falk Walter bisher noch jeden überzeugt, auch seine Geldgeber, es dauerte nur länger.

Wahrscheinlich haben die Besucher von 1911 recht und der Admiralspalast ist wirklich ein Märchenschloss. Hätten sie sonst diesen geheimnisvollen weißen Tresor gefunden, der aussieht wie ein Biedermeier-Kleiderschrank? Der Tresor bleibt zu, beschloss Walter. Er ist abergläubisch in diesen Dingen. Und hätten sie sonst eine geheimnisvolle Quelle unterm Haus, eine richtige Solequelle? Wenn erst einmal das Theater wieder auf ist, dann leiten sie die Quelle hoch und bauen obendrüber die Badeanstalt wieder auf – mit den Originalfliesen von 1911. Die hat die DDR irgendwann in 47 Kisten verpackt und wollte sie in ihr erstes und letztes Grand-Hotel einbauen. Hat sie aber nicht geschafft. Wie in jedem Märchenschloss herrscht auch im Admiralspalast irgendwann ganz plötzlich Stille. Dann fällt kein Nagel mehr zu Boden. Aber kein Geist kommt. Es ist wohl nur Brandauer, der will zur Probe.

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