Zeitung Heute : Maradona wirft den ersten Stein

MARSEILLE (sid).Diego Maradona schossen die Tränen in die Augen."Ich könnte heulen.Argentiniens Fußball ist gestorben.Diese Mannschaft hat nicht den Stil gezeigt, der zu uns gehört und den die Fans lieben", klagte der Weltmeister von 1986.Als Kommentator des Fernsehsenders "America 2" erlebte "Dieguito" das bittere 1:2 gegen Holland und das Viertelfinal-Aus des Titelfavoriten live auf der Tribüne des Stade Velodrome in Marseille mit.Die Kritik des großen Idols, das 1994 in den USA dem Weltfußball den größten Dopingskandal seiner Geschichte bescherte, ging an die Adresse von Trainer Daniel Passarella, um sich bei der Gelegenheit gleich selbst als Nachfolger ins Gespräch zu bringen."Bald werde ich Trainer sein", ließ Maradona wissen.

Daniel Passarella, Kapitän der Weltmeisterelf von 1978, hatte schon vor seinem 50.Länderspiel auf der Bank (29 Siege, neun Niederlagen) seinen Rückzug angekündigt.Der 45jährige wird bei diversen Klubs in der ersten spanischen Division als neuer Trainer gehandelt.Seinen Platz im Nationalteam könnte der bisherige U-20-Coach José Pekerman einnehmen.Selbst mit einem Comeback von Carlos Bilardo wird spekuliert.

"Wir müssen zu den Anfängen zurückkehren.Das Mittelfeld war schlecht organisiert, der Ball wurde nicht kontrolliert.Holland hat uns mit wenig Aufwand viele Probleme bereitet", analysierte Maradona.Für ihn wie auch die Spieler stand der Sündenbock fest: Ariel Ortega."Seine Rote Karte war der Anfang vom Ende", wetterte Mittelfeldspieler Juan Veron.

Der Kopfstoß von "Hitzkopf" Ortega, ansonsten einer der herausragenden Spieler des Turniers in Frankreich, gegen Hollands Torhüter Edwin van der Sar (88.) dezimierte die Südamerikaner - und beflügelte den Gegner.Zwei Minuten später beendete Dennis Bergkamp Argentiniens Traum vom dritten Titel nach 1978 und 1986.

Nach drei Vorrundensiegen ohne Gegentor gegen Japan (1:0), Jamaika (5:0) und Kroatien (1:0) sowie dem Achtelfinal-Krimi und Sieg im Elfmeterschießen gegen England (2:2 nach Verlängerung) glänzten die "Gauchos" auch in der Neuauflage des Finales von 1978 mit Spielwitz, Technik und Torgefährlichkeit.Ortega und Torjäger Gabriel Batistuta (fünf Tore) trafen jedoch nur den Pfosten.

"In der zweiten Halbzeit fehlte die Kraft nach dem schweren Spiel gegen England", sagte Daniel Passarella.Von einem verpatzten Turnier oder unrühmlichen Ende seiner vierjährigen Amtszeit wollte er nichts wissen."Meine Bilanz ist positiv.Wir haben gegen große Fußball-Nationen gute Spiele abgeliefert.Meine Meinung ist: Wir haben heute gegen einen der beiden Finalisten verloren."

Derartige Entschuldigungen ließ Maradona nicht gelten: "Jeder Trainer und Spieler weiß, daß man gegen europäische Teams Konzentration und Nerven nicht verlieren darf.Argentinien und Ortega haben sie verloren.Innerhalb von einer Minute war alles vorbei und unser Fußball beginnt wieder am Punkt Null."

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