Margareta van den Bosch : Die tapfere Schneiderin

14.08.2007 16:50 UhrVon Christine-Felice Röhrs
Den Bosch Foto: dpa
Mächtig, schüchtern: Margareta van der Bosch, 65, seit 20 Jahren Chefdesignerin. - Foto: dpa

Sie sammelt Pilze, fliegt Economy, ist oft bei der Mutter - und sie hat aus H & M eine Weltmarke gemacht: Margareta van den Bosch.

Sie ist eine der mächtigsten Frauen der Modewelt und trägt ein orangefarbenes Knitterhemd. Achja, sagt Margareta van den Bosch ein wenig traurig, trendige Sachen sehen an mir ja nicht so schön aus.

Da sitzt an einem Sommermittag in einer szenigen Stockholmer Sushi-Bar eine füllige, ältere Dame und soll über sich selber sprechen. Ein episches Datum naht, auch wenn manche das Wort Epos vielleicht nicht mit in einem Atemzug nennen würden mit „der Kette“. Die Kette ist H & M. Ihre Mode ist bunt, oft billig, und die Läden wirken oft überfüllt. Aber sind Epen nicht auch manchmal billig? Sind Bollywood oder Blockbuster?

In diesem August ist Margareta van den Bosch seit 20 Jahren Chefdesignerin von H & M.

Das ist eine außergewöhnlich lange Zeit, in einem Geschäft, in dem schnelle Wechsel die Regel sind. Sie wirke so wenig hip wie Helmut Kohl, hat mal einer über sie geschrieben. Den Namen der Kette kennt jeder – aber ihren? Dennoch. Sie hat ein Unternehmen groß gemacht, das vor genau 60 Jahren angefangen hatte mit dem Anspruch, die kleinen Leute mit preiswerter Kleidung zu versorgen. Mittlerweile hat es 60 000 Angestellte weltweit und 1420 Geschäfte. Der Umsatz liegt bei 8,6 Milliarden Euro. Was die Kette eher auf eine Ebene mit den Luxuskonzernen hebt und nicht mit anderen Discountern.

Und das vor allem dank van den Bosch. Sie hat den Imagewandel ermöglicht. Früher galt die Kette als billiger Kopist. Und wer da einkaufte, steckte die Tüte hinterher in eine andere. Aber dann hat Margareta van den Bosch eine riesige eigene Designabteilung aufgebaut. Und die Kette wurde zum Unternehmen, das Trends auch selber interpretiert. Heute käme niemandem mehr der Gedanke, die Einkaufstüte zu verstecken.

Der Rest des Outfits an diesem Tag: schwarzrandige Brille, schwarzes Lederbändchen ums Handgelenk, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose. Schwarz macht schlank. Margareta van den Bosch pickt den ganzen Ingwer auf einmal von der Fischplatte. „Ich diäte die ganze Zeit“, sagt sie, „und habe nie Erfolg.“ Sie geht jetzt sogar ins Fitnessstudio.

Margareta van den Bosch erzählt nicht sehr lebendig von sich, wie oft bei Leuten, die sich nicht wichtig nehmen. Sie isst Sushi, und von ihrem Gesicht ist abzulesen: Wieso will die das wissen? Sie hat ein Berghaus in Nordschweden, sie geht da zum Fliegenfischen, die kleinen Fische wirft sie wieder rein, die großen kocht sie. Sie sammelt Pilze und Beeren, mag Konzerte, fliegt Economy, ist oft bei der Mutter und jeden Morgen um acht im Büro. Sie ist so schwedisch bodenständig, dass es die Sympathiegrenze fast schon Richtung Langeweile übersteigt.

Und trotzdem. Es muss da was sein. Es gibt nicht so viele Modeschöpfer, die 65 werden und noch immer Macht haben. Der Generationenwechsel hat schon vor einiger Zeit stattgefunden. Die neuen Namen sind Marc Jacobs, Frida Giannini bei Gucci, John Galliano bei Dior, Nicolas Ghesquière bei Balenciaga, Christopher Bailey bei Burberry oder Consuelo Castiglione bei Marni. Lagerfeld ist noch übrig, Armani und Westwood. Und sonst?

Vielleicht kann man sagen, es sind die Ausnahmetalente, die so lange durchhalten. Obwohl da sicher einige gehässig den Mund verziehen würden.

Margareta van den Boschs Talente sind vielfältig – und sie erwähnt keines davon im Gespräch. Wie sie sich selber beschreiben würde? Sie überlegt, guckt hilfesuchend zu Pressefrau Annacarin. „Schüchtern“, formuliert sie zuerst, aber das scheint ihr schon zu persönlich. Zurückhaltend will sie dann daraus machen. Du bist bescheiden, sagt Annacarin. Als die Kette in London vor kurzem mit einer Modenschau ihr Tochterlabel „Cos“ feierte, sah man, wie sich die Chefin abwesend lächelnd durch die vierte Reihe schob, bis ein Platzanweiser sie entsetzt erkannte und in die erste Reihe bugsierte.

Ihr größtes Talent ist wohl das Menschenfischen. Heute arbeiten mehr als hundert Kleidermacher im Kettensitz direkt hinter dem Edelkaufhaus „NK“ in der Stockholmer Innenstadt, oft frisch von der Modeschule; van den Bosch hat die meisten selber ausgesucht. Ihre Abteilung ist eine Art nationale Akademie, und wenn die Leute wieder gehen, nehmen sie eine solide Ausbildung mit. Viele gründen dann erfolgreich eigene Linien. Das Wirtschaftsmagazin „Brand eins“ hat van den Bosch gerade die „Mutter der schwedischen Modeindustrie“ genannt – und die wiederum ist in den letzten Jahren auch international sehr wichtig geworden. In Berlin und anderen Metropolen eröffnen schwedische Labels wie Filippa K, Whyred, Cheap Monday, J. Lindeberg oder Acne Geschäfte und bringen mit, was die Modemagazine „it-pieces“ und „must haves“ nennen. Oft haben Ex-H & Mler dran mitgestaltet.

Roland Hjort zum Beispiel, Mitbegründer des Labels Whyred, der Mitte der 90er für van den Bosch gearbeitet hat, sagt, er habe bei ihr gelernt, schnell zu sein, unter Druck zu arbeiten, auch unter ökonomischem. Er habe gelernt, an die Zahlen zu denken, nicht nur an die Entwürfe. Vier Jahre lang hat er Mode für die halbe Welt gemacht. Da verkrampft man nicht beim Gedanken an Expansion. Whyred gibt es jetzt in 16 Ländern.

Wie groß hingegen das Designtalent der Margareta van den Bosch ist, ist schwer zu sagen. Sie hat in Stockholm für das Traditionshaus Hettemarks gearbeitet, das es heute nicht mehr gibt. Sie hat in Turin für ein Übergrößenlabel gearbeitet, das es heute nicht mehr gibt. Sie hat Unterwäsche gemacht, als Illustratorin gearbeitet und als „freelancer“. Stilprägend für H & M ist sie sicher nicht. Die Kette ist nicht ein Stil. Die Kette ist alle Stile. Die demokratische Klamotte.

Eine, die mit Margareta van den Bosch an der renommierten Anders-Beckmans-Schule studiert hat, erinnert sich, Margaretas Zeichnungen bewundert zu haben – das Talent hat sie vom Vater, einem Karikaturisten –, und dass sie leuchtende Farben mochte. Aber sie sei immer sehr zurückhaltend gewesen, auch optisch. Van den Bosch selbst sagt über sich: „Ich mag die Aha-Momente.“ Balenciaga, Marni, Comme des Garcons. Die Extreme. Aber sie trägt sie nicht. Ihre Garderobe sei riesig, sagt sie, aber sie ziehe nur wenig davon an. Sie sammelt. Modemachen aus Sehnsucht nach dem, was man nicht sein kann, ist auch ein Antrieb.

Dass Margareta van den Bosch 1987 zur Kette ging, war eher ein Zufall – und eigentlich damals auch nicht besonders erstrebenswert. Die Gründer Erling Persson und sein Sohn Stefan verkauften zu jener Zeit Billigkollektionen, die sie in Asien eingekauft hatten. 188 Geschäfte hatten sie damals, auch im Ausland schon, aber die Kleider waren aus Polyester, die Läden aus Plastik. Aber Margareta van den Bosch wollte damals mehr Ruhe in ihrem Leben. Sie war geschieden, sie hatte einen kleinen Sohn. Sie wollte nicht mehr so viel reisen. Wollte keine Karriere. Sie gehört nicht zu den Lebensstrategen. „Ich hatte eigentlich nie echte Ziele“, sagt sie. Sie gehört zu den Menschen, denen die Dinge einfach zustoßen. Allerdings auch zu denen, die sich von den Dingen dann nicht erschlagen lassen. Menschen wie van den Bosch beugen sich Geschehnissen wie Bäume starken Böen. Sie sind elastisch und wachsen einfach in die neue Richtung weiter.

Eigentlich ist auch das ein Talent. Sich mit Kompromissen anzufreunden. Was ist falsch an billiger Kleidung für jedermann?

Nächstes Jahr will Margareta van den Bosch weniger arbeiten, für die Gesundheit, aber sie bleibt „Senior Advisor“. Alter ist kein Hinderungsgrund, um junge Mode zu machen. Margareta, sagen die Kollegen, sei eine wandelnde Bibliothek. Ein Modegedächtnis ist so wertvoll wie das eines Malers. Es hat schon alles gesehen, hat alle Farbpaletten gespeichert, alle Zyklen, und je älter es wird, desto leichter kreuzt es die alten Ideen zu interessanten Mischlingen. Natürlich greift die Kette auch schnelle Trends auf; der kürzeste Produktionsweg vom Zeichencomputer in den Laden beträgt drei Wochen, aber der Großteil der Kollektionen wird doch so früh – und eigenständig – geplant wie bei den klassischen Designerlabels. Vor eineinhalb Jahren kauft Margareta van den Bosch in Schanghai zur Inspiration ein Secondhandkleid mit einem Patchworkmuster aus verschiedenen Miniprints, Kirschen, Häuschen, Blümchen. Es gefällt ihr. Es scheint ihr in eine Zeit zu passen, in der Leichtigkeit nicht verpönt, sondern ersehnt ist. In diesem Sommer sah man diese Muster überall. Bei der Kette. Aber auch in teuren Geschäften. Bei Etro oder Wunderkind.

Van den Bosch kann es sich leisten, nur noch Ideengeber und Integrator zu sein. Früher hat sie alles selber gemacht. Die Rekrutierung, die PR-Kontakte. Seit kurzem verteilt sie die Lasten. Die Kette ist ja auch mittlerweile wie eine Armee organisiert. Es gibt „Division Designer“ für jede der 22 Einzelkollektion, die van den Bosch nach und nach eingeführt hat, für die Kosmetiklinie und die Accessoires. Jede Division besteht aus mindestens einem Designer, Mustermacher, Einkäufer und Budgetkontrolleur, aber die Hierarchien sind flach. Die Mode-Generalin hat nicht einmal eine Sekretärin. An diesem Morgen war eine Sitzung über die Farben des Winters 2008 vorgesehen, und eine junge Kollegin sollte Muster fertigmachen. Aber es fehlte an allem, also rannte van den Bosch selber los, kopierte und verteilte.

Dabei rennt Margareta zurzeit nicht gern. Sie wackelt in kleinen Schritten herum. Ihr tun die Füße weh. Ein Leiden. Das Mittagessen ist beendet. Sie erhebt sich, sie will zurück ins Hauptquartier über einer Einkaufspassage. Man muss da rein, an einem Schuhgeschäft vorbei, einem Restaurant, einem Süßigkeitenladen, dann klingeln an einer Metalltür mit Glaseinsätzen. Manche Büros sind nur über andere Eingänge in der Passage erreichbar, so dass man ständig hinauf und hinunter läuft bei der Kette. Ein Provisorium für 700 Angestellte.

Van den Boschs Zimmer ist eine offene Nische zum „white room“, dem Herz der Designabteilung, der eher ein Grau-Room ist. Die eng stehenden Tische sind schon recht verschrammt, begraben unter einer Tonnenlast von Modemagazinen, Skizzen, Ausdrucken. Van den Boschs Büro wirkt ein wenig wie eine Abstellkammer. Der Tisch weißes Holzfurnier, die Stühle weißes Lederimitat, an den Fenstern keine Vorhänge, auf dem Boden kein Teppich, die Bücherregale halbleer. Sie geht zum Schreibtisch und zieht eine Visitenkarte aus dem Durcheinander. Sie überreicht sie. Ihr Name ist falsch geschrieben. Margaretha. Mit „h“. Natürlich hat sie sie nicht weggeworfen.

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Wer passt zu mir?

    Finden Sie jetzt den passenden Partner. Hier wird jeder 3. fündig!
  • Stellensuche

    Experteer.de: Zugang zu einem exklusiven Headhunternetzwerk und über 80.000 Stellenangebote!
  • Sie möchten einkaufen?

    Hier finden Sie die aktuellen Prospekte der Einzelhändler aus Ihrer Region.
  • Schreiben Sie?

    So kommen Sie zum eigenen Buch.
  • Fotoservice

    Gestalten Sie Ihr individuelles Fotobuch mit dem Tages-spiegel-Fotobuchservice.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...