Zeitung Heute : Markus Wolfs Bruder kennen lernen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Im Taumel des fliehenden Sommers stolpern wir in den Herbst, über uns das gelbbraune Blätterdach; bald haben es die Winde verstreut. Aber solange es Spaß macht, den Sonnenkringeln zu folgen und durch die Stadt zu schlendern, treffen wir unverhofft auf manch kleine Überraschung. Zum Beispiel: Herr Rentner genießt das Touristenmekka Pariser Platz, er freut sich über die wuselige Weltläufigkeit eines Ortes, der noch vor 16 Jahren für Grenzsoldaten reserviert war. Heute steht ein Mensch in seiner von oben bis unten silbern angemalten Uniform auf einem Podest, unbeweglich wie der ewige Soldat, aber allzeit bereit zu einem 50-Cent-Lächeln, für einen Euro kann man sich mit dem entmilitarisierten Zonenonkel fotografieren, das berühmte Tor im Rücken der versilberten Staatsmacht von einst. Wer hat sich so etwas schon träumen lassen, damals in politischer Eiszeit?

Natürlich muss, wer schon mal hier ist, in die schräge neue Akademie der Künste gehen, Sarah Wieners Cappuccino genießen, Bildbände gucken – bis man an einer „Vitrinenausstellung“ hängen bleibt. Im Archivschaufenster gibt es „Dokumente eines Präsidenten“. Zum 80. Geburtstag des 1982 mit 56 Jahren verstorbenen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR wird Hintergründiges von, mit und über Konrad Wolf gezeigt, viel Lesestoff und Fotos von dem Mann, der mit der Roten Armee nach Deutschland kam, für einen Tag auf den Bürgermeisterstuhl von Bernau geriet und später die besten Defa-Filme drehte, „Professor Mamlock“, „Sonnensucher“, „Sterne“, „Ich war 19“, „Der geteilte Himmel“, „Goya“, „Solo Sunny“.

Wolf korrespondierte nebenher als Akademiepräsident mit jenen, denen es im Land zu eng wurde, Schriftsteller Franz Fühmann fragt besorgt: Wohin gehen wir? Wohin geht das?, und er wünscht sich, „daß wir die Hoffnung nicht verlieren“. Der jüngere Bruder von Markus Wolf hatte einen Briefwechsel mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss, der, weil er in West-Berlin das bissige „Neuss Deutschland“ herausgab, nicht einreisen durfte. „Lieber Konni“, schreibt er im Februar 69, „was ist das für eine Scheiße? Da kannst du doch bestimmt nichts dafür. Jetzt reise ich nach Chile, vielleicht krepier ich endlich dort, ich rote Sau.“

Tempi passati, en passant.

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