Zeitung Heute : Marmelade auf dem Bagel

RALPH GEISENHANSLÜKE

Jüdische Kulturtage: Das Paradox Trio und Hasidic New Wave im BallroomRALPH GEISENHANSLÜKEDas Paradoxe am Paradox Trio ist, daß es sich um ein Quartett handelt.Aber Bandleader Matt Darian macht sich nicht die Mühe, diesen Umstand zu erklären oder auch nur die Tatsache, warum er überhaupt im Ballroom des jüdischen Gemeindehauses steht.Das ist auch nicht nötig.Er und seine Musiker teilen die Bühne ohnehin oft mit der angekündigten Band Hasidic New Wave.Dies geschieht meist in der Knitting Factory in New York, einer mittlerweile legendären Schmiede neuer Töne, wo die Grenzen zwischen Jazz, Rock, Free Improvisation und Weltmusik zerschmolzen werden. Weltmusik bedeutet in diesem Fall: Musik der jüdischen Welt.Klezmer und darüber hinaus.Vor Brooklyn Bridge und Star Spangled Banner bringt das Paradox Trio alsbald eine muntere Schaukelei in Gang, in der osteuropäische, arabische und jazzoide Sprengsel durcheinanderfliegen.Eine Mischung, die das Publikum im ausverkauften Saal noch zum koscheren Bier und den gut abgehangenen Witzen der Conférenci¡re Eleanor Reissa goutieren kann, die sich auffallend häufig um Tod, Krankheit und alte Ehepaare drehen.Doch als der Trompeter Frank London mit seiner Hasidic New Wave die Bühne entert, ist Schluß mit lustig.Endlich gibt es Sitzplätze. "Jews and the abstract truth" haben sie ihr aktuelles Album genannt, in Anspielung auf Oliver Nelsons vergessenen Klassiker "The Blues and the abstract Truth".Diese Band aber hat durchaus auch juice.Sie verspricht: "Sun Ra meets Jimi Hendrix at a jewish wedding".Klezmer, die traditionelle jüdische Hochzeitsmusik, galt lange als rückständig, ehe sie Mitte der siebziger Jahre ein Revival erlebte.Ein klezmer war im Jiddischen ein der Notenschrift unkundiger, ungebildeter Musiker.Ein Tanzmucker, wie man in Deutschland sagen würde.Heute werden die bulgars und freylachs weniger getanzt als aufmerksam gehört und von kundigen Menschen gespielt.Auch Jazzmusiker wie Don Byron oder Branford Marsalis haben Klezmer komponiert.Das ist unter anderem Frank London und einer seiner anderen Bands zu verdanken, den Klezmatics, die schon einige der temporären Ballrooms zum Wackeln gebracht haben. Nach dem Tora-Gesang zum Einstimmen bricht Big-City-Hektik mit 160 beats per Minute und 98 db in den Saal.Ein notenreiches funky Schwingen von Musikern, die sich zwischen perlenden Melismen und abgebrühtem BeBop, zwischen Avantgarde und "African Klezmer Shuffle" ebenso wohl fühlen wie in dem brodelnden Topf, den sie bewohnen.Orthodox muß hier gar nichts klingen: "A couple of tunes, that could have been jewish tunes", so lapidar die Musiker es in den Ansagen formulieren, soviel Tempo legen sie bei der Ausführung vor.Einzig "Habibi", der Zeitlupen-Blues des doppelhalsig arbeitenden Gitarristen Dave Fiucsynski, schafft eine Zäsur.Aber auch das nur, um zur Jam-Session beider Bands überzuleiten, die bis weit nach Mitternacht dauert.Ein ordentlicher Klacks Marmelade auf dem Bagel.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben