Zeitung Heute : Marmorne Kühle

JÖRG KÖNIGSDORF

Keine Note fällt unter den Tisch: Maurizio Pollini in der PhilharmonieJÖRG KÖNIGSDORFSetzt man Klavierspiel als Ausdruck von Persönlichkeit, ist Maurizio Pollini jemand, den man respektiert, aber nicht liebt.Weil er immer recht hat: Seine Interpretationen sind von rigoros objektivierender Makellosigkeit.In Chopins erster und vierter Ballade merkt man nicht einmal im dichtesten Presto con fuoco-Wirbelsturm eine Spur manueller Unsicherheit, jede Sechzehntelkette rollt sich exakt ohne Pedalverschleierungen ab, keine Note fällt unter den Tisch.Erzählerische Willkür, naive Freude am Klang wie enthemmtes Singen sind aus diesem Spiel expurgiert.Bei seinem Klavierabend in der Philharmonie ersteht so Werk um Werk in marmorner Kühle.Das fasziniert gerade in den kleineren Stücken; die Berceuse ist kein einlullendes Wiegenlied, sondern eine Konfrontation zwischen stoisch ostinatem Baß und erregtem Passagenwerk, das vergebens den minimalistischen Grundrhythmus zu durchbrechen sucht.Die Balladen und das cis-moll-Scherzo werden so jedoch zu Experimentierprotokollen, die die Energieentwicklung aus Motivkontrastierungen referieren.Im Mittelteil des Scherzos werden auf das blockhaft schlichte Grundmotiv die herabfallenden leggiero-Bewegungen heraufmontiert, ohne durch sinnliche Grandeur oder kunstvolle Spontaneität zu einem Erzählzusammenhang zu verschmelzen.Pollinis abstrahierendes Forminteresse verklammert den Abend.Die insistierende Baßfigur von "Des pas sur la neige" gemahnt an die voraufgegangene Berceusen-Untersuchung, im ersten Band der Debussy-Préludes obwaltet das gleiche dialektische Prinzip wie bei Chopin, explizit in der "Sérénade interrompue", deren scheppernde Einwürfe bei Pollini keinerlei Komik besitzen, sondern als Antithese zum täppisch hispanisierenden Serenadenthema in den Raum gestellt werden.Farbreize und Charme sucht man freilich auch hier vergeblich.Dem Baß fehlt es selbst im Fortissimo an Sattheit.Ein Klavierabend für den Kopf.

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