Martenstein : "Gerade wir Deutschen …"

05.04.2009 00:00 Uhr

Exkanzler Schröder hat ein großes Interview gegeben. Es ging hauptsächlich um Russland. Schröder arbeitet ja jetzt für den russischen Gasprom- Konzern. Nicht, dass ich ein Russlandexperte wäre oder mich zur russischen Innenpolitik äußern wollte. Journalisten, die sich in die russische Politik einmischen, leben oft nicht sehr lange. Ich bin nur über folgenden Schrödersatz gestolpert, mit dem der Exkanzler die Kritik an Russland zurückweist: „Wir sollten vorsichtig sein mit dem erhobenen Zeigefinger. So lange ist noch nicht her, dass wir Demokratie lernen mussten.“

Ich frage mich, was Schröder damit sagen will. Offenbar will er sagen, dass Deutsche sich nicht über undemokratische Verhältnisse in anderen Staaten kritisch äußern sollten, vor allem wohl in Russland, und zwar deshalb, weil Deutschland lange eine Diktatur war.

Es handelt sich dabei um ein auch aus zahlreichen anderen Zusammenhängen bekanntes, nicht sehr erfreuliches Argumentationsmuster. Jemand instrumentalisiert die deutsche Geschichte für seine privaten, politischen oder geschäftlichen Zwecke. Die Opfer des Nazi- und des DDR- Regimes sind offenbar auch ein bisschen für Herrn Schröder und seinen Gasprom- Job gestorben.

Außerdem enthält dieses Argument die Idee, dass Schuld und Verbrechen vererbbar seien. Die nach dem Krieg geborenen Deutschen seien immer noch irgendwie Nazimittäter und Antidemokraten, weil viele ihrer Vorfahren Nazis gewesen sind. Diese Idee, pardon, ist absurd, nur Rassisten denken so. Nur Rassisten nehmen Völker in Kollektivschuld. Schuld ist etwas Individuelles. Natürlich gibt es so etwas wie ein, im diesem Falle finsteres, nationales Erbe, zum Beispiel finanzielle und moralische Verantwortung, die man für die Hinterlassenschaft seiner Vorfahren übernehmen muss. Daraus folgt aber nichts, rein gar nichts für das konkrete Handeln in heutigen politischen Situationen. Man muss nicht der Urenkel eines NSDAP-Mitgliedes oder die Tochter eines Stasimannes sein, um sich gegen politischen Mord auszusprechen oder für die Wahrung der Menschenrechte oder gegen „ethnische Säuberungen“. Umgekehrt gilt der Satz genauso: Es ist der Enkelin eines Nazis keineswegs verboten, für Menschenrechte zu demonstrieren.

Sätzen, die mit der Formulierung „Gerade wir Deutschen“ beginnen, misstraue ich zutiefst. Richtig ist richtig, falsch ist falsch, Mord ist Mord, da gibt es keine Sonderklauseln für Deutsche. Dass skrupellose Geschäftemacherei und politische Morde abzulehnen sind, sollte unstrittig sein, da hebt man vielleicht mindestens den Zeigefinger, unabhängig davon, ob man von einem vietnamesischen Reisbauern oder direkt von Quasimodo abstammt. Was ich übrigens früher mal an der SPD gut fand: ihr Eintreten für die Menschenrechte.

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