Martensteins Berlinale - die letzte : Irgendwas mit Schnee

Die Berlinale nähert sich ihrem Ende. Zeit für Harald Martenstein, sich zu fragen, wer wohl der diesjährige Gewinner wird.

von
Weiß um die Mechanismen des Berlinale-Wettbewerbs: Harald Martenstein.
Weiß um die Mechanismen des Berlinale-Wettbewerbs: Harald Martenstein.Foto: Britta Pedersen/dpa

Wer bekommt den Goldenen Bären? Vermutlich wird es kein Film sein, der auf ein übertriebenes Publikumsinteresse stößt oder gar die Massen begeistert. Solche Filme sind populistisch. Vom Populismus sollten wir, gerade in Deutschland, die Finger lassen. Ich halte es auch für wenig wahrscheinlich, dass einer der Lieblingsfilme der Kritiker den Goldenen Bären bekommt – in dieser Zeitung hieß der Kritikerfavorit „45 Years“. In der Jury sitzen Schauspieler, Produzenten und Regisseure, dieser Personenkreis ärgert sich nahezu täglich über die Kritiker. Wenn ich Produzent wäre, würde ich den Kritikern keinen Gefallen tun. Im Gegenteil. Man muss diesen verdammten Besserwissern zeigen, wo der Hammer hängt.

Ein Film, den fast alle für missglückt halten, kommt natürlich auch nicht in Frage, dies gilt etwa für Terrence Malicks „Night of Cups“. Wenn alle Welt die Jury für wahnsinnig hält, dann ist dies nicht zielführend.

Ein idealer Siegerfilm muss nachts spielen oder zumindest dunkel sein, ersatzweise gehen auch kahle, verschneite Berglandschaften, sofern es dort keine Skilifte gibt. Es muss darin Menschen geben, die leiden. Die Männer müssen böse sein, die Frauen stark, die Kinder und die Ziegen sind lieb.

Die Welt ist nun mal so. Es ist wichtig, dass Krieg, Sexismus, Faschismus oder Rassismus das Thema sind, denn diese Probleme werden weithin unterschätzt. Ich tippe auf „Vergine Giurata“ aus Italien, der zum Teil in Albanien spielt. Zitat aus dem Tagesspiegel: „Ein Film über das Schweigen einer Fremden, über ihren befremdeten Blick auf die heutige Welt, die der Film mit meist statischer Kamera einfängt. Das Markenzeichen der Schauspielerin ist ihr Madonnengesicht.“ Zitat aus einer anderen Kritik: „Die verschneiten Berge tun ein Übriges.“ So sehen Sieger aus.

Kulturhistorisch wird diese Berlinale als die Berlinale der Vollbärte in Erinnerung bleiben. Hier eine unvollständige Liste der jungen Stars, die mit Vollbart auftraten: James Franco, Jamie Dornan (der schöne Sadist aus „Shades of Grey“), Christian Bale, Robert Pattinson, Ryan Reynolds. Bei Daniel Brühl war immerhin der Versuch erkennbar, sich einen Vollbart stehen zu lassen. Die Bärtigkeit der Stars hängt interessanterweise mit der Gentrifizierung in Kreuzberg zusammen. Bereits 2013 hieß es in dieser Zeitung: „Warum tragen die Männer in Hollywood Bärte wie in Kreuzberg? Viele Hollywoodstars haben sich in Kreuzberg eine Wohnung gekauft.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben