Martensteins Berlinale (III) : Filme voller Irrsinn

Harald Martenstein freut sich darüber, dass man weniger pinkelt, wenn man viel weint. Außerdem versteht er nicht warum Javier Bardem einen Gelähmten spielen durfte, wo doch Japanerinnen anscheinend auch keine Eskimomädchen sein dürfen.

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Harald Martenstein erlebt Freude und Rassismus auf der Berlinale.
Harald Martenstein erlebt Freude und Rassismus auf der Berlinale.Foto: Stefanie Loos/Reuters

Mein erster Lieblingssatz dieser Berlinale stammt aus Werner Herzogs Wüstendrama „Queen of Desert“: „Es gibt etwas Gutes an Tränen – wenn du viel weinst, musst du weniger pinkeln.“ Viel mehr als diesen Satz hatte der Film für mich nicht zu bieten. Nicole Kidman aber ist wunderbar. Was hatte man nicht alles über angeblich missratene Schönheits-OPs gehört! Das war Quatsch. Falls bei dieser Berlinale ein Regisseur auftauchen sollte, der seinen Beruf so beherrscht wie der Schönheitschirurg von Nicole Kidman, dann werden wir ein Meisterwerk sehen.

Franzosen, Japaner, Rassismus

Zwei weitere Lieblingssätze stammen aus „Hedi Schneider steckt fest“, im Forum: „Irgendwann stirbt jeder. Ist aber auch okay.“

Nach „Nobody Wants the Night“, dem Eröffnungsfilm, regte sich eine Kritikerin wahnsinnig auf. Die zweite Hauptrolle, ein Eskimomädchen namens Allaka, wird von einer Japanerin gespielt. Das sei respektlos und rassistisch. Zwar hat die erste Hauptrolle eine Französin übernommen, Juliette Binoche, die eine Amerikanerin darstellt. Mit dieser viel gewagteren Entscheidung schien die Kritikerin keine Probleme zu haben. Franzosen und Amerikaner unterscheiden sich doch viel stärker als Inuit und Japaner. Das sind beides Völker, die Fisch essen.

Paulo Coelho hatte einen Caipirinha zu viel

Ich hatte Mitleid mit der Regisseurin Isabel Coixet. In ihrem Film wird der Respekt vor indigenen Kulturen und Allmutter Natur gepredigt. Coixet macht politisch alles richtig, und dann dieser eine Fehler. Sie nimmt als Eskimo eine Japanerin. Javier Bardem hat doch auch einen Gelähmten gespielt, obwohl er in Wirklichkeit gar nicht gelähmt ist! Wenn als nächstes ein junger Schwede es schafft, überzeugend eine 90-jährige Afrikanerin zu spielen, dann würde ich das nicht respektlos nennen, sondern oscarreif. Allakas Sprüche sollten als Buch herauskommen. Es klingt, als habe Paulo Coelho es verfasst, aber vor dem Schreiben den einen, entscheidenden Caipirinha zu viel getrunken. People don’t understand world. People just understand people. Oder: Allaka versteht nicht, was Leute suchen, wenn Leute haben alles. So bedeutend wird da die ganze Zeit geredet, und das am Nordpol nachts um halb eins. Einmal heißt es: Kann irgendein Dach unsere innere Leere bedecken? Was für eine Frage. Die Schädeldecke tut das doch die ganze Zeit.

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