Martensteins Berlinale (IV) : Wodka und ein sprechender Penis

Was sind eigentlich Frauenfilme, was Männerfilme, und wie kann man sie unterscheiden? Harald Martenstein macht sich Gedanken. Und erklärt, was er mit "Kunstscheiß" meint.

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Harald Martenstein besucht die Berlinale. Im Hintergrund: Eine Frau.
Harald Martenstein besucht die Berlinale. Im Hintergrund: Eine Frau.Foto: dpa

Ich war bei der Wodka-Performance auf dem Potsdamer Platz. Die Gruppe „Pro Quote Regie“ wirbt dort für die Einführung einer Frauenquote, 50 Prozent aller Filme sollen von Frauen gemacht werden. Die Wodka- Performance war ein bisschen enttäuschend. Die Künstlerin las ein paar Minuten lang einen Fragenkatalog vor, anschließend gab es Wodka. Eine der Fragen lautete: „Was ist ein Frauenfilm?“

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Die Regisseurin Kathryn Bigelow macht Actionfilme, ihr erfolgreichstes Werk kommt ohne Frauen aus. Der Regisseur François Ozon dagegen hat einen Film ausschließlich mit Schauspielerinnen gemacht. Ist ein Film, den eine Frau macht, ein Frauenfilm, auch wenn ein sprechender Penis die Hauptrolle spielt, wie in „Ich und Er“ von Doris Dörrie? Ist ein Film mit Regisseur ein Männerfilm, auch wenn es ein Film gegen die Unterdrückung der Frau ist, wie „40 Quadratmeter Deutschland“ von Tevfik Baser? Oder sollen sich in Zukunft nur noch Regisseurinnen um die Unterdrückung von Frauen kümmern, und nur noch Männer dürfen Filme machen, in denen ein Penis vorkommt? Wird in Zukunft ein Film, in dem es um Frauen geht, abgelehnt, weil ein Mann ihn machen will, und stattdessen wird ein Actionfilm gefördert, weil eine Frau ihn macht? Was für eine Zukunft wollen wir, eine gemeinsame, oder eine Art Apartheidsystem? Das wäre mein Fragenkatalog.

Es gibt zwei Filmsorten, bei denen mir die Zahnplomben schmerzen. Das erste sind die Bescheidwisserfilme. Die Filmemacher wissen genau, was gut und böse ist, richtig und falsch, ihren Figuren sieht man schnell an, ob sie zu den Guten gehören oder den Bösen. Das mag ich nur in Winnetoufilmen. Die zweite Sorte nenne ich „Kunstscheiß“. Wenn die Kamera suchend durch leere Räume streift und von Zeit zu Zeit die Taste eines Klaviers gedrückt wird, ist dies ein starkes Indiz für Kunstscheiß, der natürlich etwas völlig anderes ist als Kunst.

Und dann gibt es die guten Filme, zum Beispiel „Härte“ von Rosa von Praunheim, im Panorama. Es geht um drei Männer. Der eine wird, sehr jung, von der Mutter zum Sex gezwungen und vom Vater sadistisch gequält. Der zweite ist ein brutaler Zuhälter, der in jeder Frau die verhasste Mutter sieht. Der dritte ist alt, er hat sich von der Mutter endlich befreit und hat gelernt, zu lieben. Es ist drei Mal der gleiche Mann. „Härte“ ist nicht perfekt. Aber in jeder Sekunde spürt man, dass es hier um etwas geht, etwas Wichtiges. Ein Frauenfilm? Ein Männerfilm? Was für eine blöde Frage.

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