Martensteins Berlinale (V) : Wer denkt an die Tiere?

Gar nicht lecker: Harald Martenstein sind beim Flanieren durchs Filmprogramm ein paar Unappetitlichkeiten begegnet. Außerdem kennt er jetzt das durchschlagende Rezept für wirtschaftlichen Erfolg.

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"Victoria" fand Harald Martenstein noch vergleichsweise appetitlich (im Hintergrund Darstellerin Laia Costa)
"Victoria" fand Harald Martenstein noch vergleichsweise appetitlich (im Hintergrund Darstellerin Laia Costa)Foto: Lukas Schulze/dpa

Der Wettbewerbsfilm „Victoria“ spielt in Berlin. Er ist 140 Minuten lang, ich fand ihn recht gut. In den ersten 60 Minuten passiert allerdings so gut wie nichts. Ich glaube, die Filmemacher hatten in den ersten 60 Minuten ein Problem mit ihrer Kamera-Entrauchungsanlage und mussten den Fortgang der Handlung deshalb ruhen lassen. Es ist ein echter Berlinfilm.

Winfried Glatzeder, der alte weiße Mann aus dem vorletzten RTL-Dschungelcamp, arbeitet endlich wieder in seinem Hauptberuf: Er spielt in Peter Kerns „Der letzte Sommer der Reichen“. Ich vermute, diesen Film werden sie, aus sittlichen Gründen, nicht mal auf RTL zeigen.

In einer der ersten Szenen, die im Wiener Sadomasoklub spielt, setzt eine junge Mutter ihre etwa zehnjährige Tochter vor den Fernseher. Die Tochter muss Kopfhörer tragen, damit sie nichts mitkriegt. Dann dreht Mutti sich um, zu einer zweiten Frau, die neben ihr in einer Badewanne liegt, und sagt: „Nun zu dir, Schlampe.“ Die zweite Frau kriegt einen riesigen Gummitrichter auf den Kopf geschnallt, Trichteröffnung im Mund. Die Mutter verrichtet ihr Geschäft, ich glaube, sowohl groß als auch klein, in den Trichter hinein. Wie lautet noch gleich das Motto dieser Berlinale? Starke Frauen in extremen Situationen.

Ich dachte, was das Essen von ekligen Sachen angeht, sei das Dschungelcamp schwer zu toppen. Aber dagegen ist die Vagina eines Buschschweines, die es im letzten Dschungelcamp zum Frühstück gab, vermutlich eine Delikatesse. Und wieso ist bei diesen fragwürdigen Menüs schon wieder Winfried Glatzeder mit von der Partie? Eines steht fest, wenn Winfried Glatzeder in Berlin mal ein Restaurant aufmacht – da gehe ich nicht hin.

Die Handlung kreist um eine Konzernerbin, die Frauen auf eine Weise penetriert, die ich hier nicht schildern möchte. Auf die Frage nach ihrem wirtschaftlichen Erfolgsrezept antwortet sie: „Regelmäßige Fesselspiele.“ Sie steht besonders auf christliche Frauen und schafft es gegen Ende sogar, eine Nonne kirchlich zu heiraten. Trauzeuge ist ein belgischer Schäferhund. Interessanterweise haben in „Der letzte Sommer der Reichen“ die Frauen recht häufig etwas miteinander, wer aber niemals Sex hat, sind Winfried Glatzeder und der belgische Schäferhund.

Dies ist die Berlinale, in der es den Tieren in den Filmen nicht gut geht. Das muss Kulturministerin Monika Grütters gemeint haben, als sie in ihrem Festival- Grußwort schrieb: „In der Filmkunst berühren uns Spiegelbilder unserer Gesellschaft auf besonders emotionale Weise.“

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