Martensteins Berlinale (VI) : „Oh Dieter, oh, oh“

Die Berlinale nähert sich ihrem erotischen Höhepunkt, der Literaturverfilmung „Fifty Shades of Grey“. Harald Martenstein hat die Bestsellervorlage gelesen - und schreibt mal im Stil der Autorin.

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Weiß um die Mechanismen des Berlinale-Wettbewerbs: Harald Martenstein.
Weiß um die Mechanismen des Berlinale-Wettbewerbs: Harald Martenstein.Foto: Britta Pedersen/dpa

Die Berlinale nähert sich ihrem erotischen Höhepunkt, der Literaturverfilmung „Fifty Shades of Grey“. Da werde ich vermutlich einer der kompetentesten männlichen Zuschauer sein, denn ich habe, weil ich mich für alle Aspekte der Gegenwart interessiere, die Roman-Trilogie von E. L. James – ich gestehe: beruflich – immerhin teilweise gelesen. Dies können nur wenige Filmkritiker und extrem wenige Männer von sich behaupten. Es handelt sich um die sadomasochistische Liebesgeschichte zwischen der naiven Ana und dem berückend schönen Geschäftsmann Christian (27), der 100 000 Dollar in der Stunde verdient.

Ich schreibe jetzt im Stil von „Fifty Shades of Grey“ und unter Verwendung zahlreicher Originalzitate über eine Begegnung zwischen Ana und Dieter, einem gut aussehenden Manager. Ich bin Ana. Ich betrete Dieters halbdunkles, in satten, bunten Farben leuchtendes Büro, wie immer ist er perfekt gekleidet. „Oh Dieter“, rufe ich flehend. Ich erkenne kaum meine Stimme wieder, sie zittert vor unverhohlenem Verlangen. „Dieter! Dieter!“, bricht es aus mir heraus.„Du gehörst mir“, sagt er leise.

Wieder und wieder schwappen die Wellen blanker Lust über mich hinweg. „Du bist wunderschön, Ana“, flüstert er mit von Verlangen erstickter Stimme, blanke Lüsternheit flackert in seinem festen Blick auf. Seine müden Augen mustern mich wachsam, während er mit zärtlicher Bestimmtheit und mit vor mühsam gebremster Lust zitternder Hand zur Peitsche greift.

„Dieter!“, stoße ich schockiert heraus. Unwillkürlich entfährt mir ein leises Stöhnen. „Es wird nicht wehtun“, sagt er, „sondern nur die Durchblutung fördern.“ Keuchend reißt er mich zu Boden. Ich will ihn. Er will mich. Ich gehöre ihm. Er gehört mir. Es ist, als strebte ich einem hellen, strahlenden Licht entgegen – es heißt Dieter. Meine Muskeln ziehen sich zusammen, und ich höre wieder die Stimme meiner inneren Göttin. „Oh, bitte, Dieter“, flehe ich schockiert, während die Brandung einer nie gekannten Zärtlichkeit uns hinausträgt in das wild bewegte Meer meiner blanken Sehnsucht. „Oh Dieter, oh, oh“, bricht es aus mir heraus. „Oh Ana“, gibt er zurück, „oh, oh“, während er sich mit einer abrupten Bewegung auf mich rollt.

Millionen Leserinnen mögen das. Nun sind viele gespannt auf die Verfilmung und auf Dakota Johnson, die Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson, als Ana. Falls eine werkgetreue Adaption gelungen ist, wird es nach der Vorführung weder Beifall noch Pfiffe geben. Aus allen wird nur „oh, oh, oh“ herausbrechen.

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