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Martensteins Kolumne : Mohammeds Geliebte ist mir egal

28.03.2010 01:00 Uhrvon

Ehrenmorde und das Knutschen im Kino: Harald Martenstein über eine Lektüre mit gemischten Gefühlen.

Ich möchte etwas sehr Privates mitteilen, aber nur, weil es politisch ist: Ich hatte Sex vor der Ehe. Das war in unserer Kultur, damals in den frühen Siebzigern, halt einfach so üblich, und ich war ein Anpasser. Auch heute noch, älter und wohl auch konservativer geworden, lehne ich Sex vor der Ehe nicht ab, das würde ich einem jungen Menschen jedenfalls nicht vorwerfen.

Nun lese ich aber auf Spiegel Online eine Reportage aus Neukölln. Ein Berliner Verein, „Heroes“, schickt Menschen mit Migrationshintergrund, die voll angepasst sind, in Neuköllner Schulen. Dort sollen sie die Migrantenkinder aufklären. Ein Psychologe, Ahmad M.

, geboren in Palästina, sitzt in der Klasse und versucht den Jugendlichen beizubringen, dass es völlig okay ist, eine Freundin zu haben, sich zu küssen, es geht auch um Jungfräulichkeit. Auch der Prophet Mohammed habe eine Geliebte gehabt, und zwar eine Christin.

Bei der Lektüre hatte ich gemischte Gefühle. Vermutlich bin ich in den meisten Punkten der gleichen moralischen Ansicht wie Ahmad M., und gegen Zwangsehen oder Ehrenmorde ist man ja sowieso. Sie reden aber auch über Knutschen im Kino, und ein Mädchen sagt: „Das ist gegen unsere Kultur.“ Eigentlich ist es ihr gutes Recht, das so zu sehen, sagte ich mir bei der Lektüre. Es gibt in Deutschland, zum Glück, kein Gesetz, das 16-Jährigen vorschreibt, im Kino zu knutschen, und im Geiste Voltaires müsste man wohl den Satz schreiben: „Ich knutsche täglich im Kino, aber ich bin bereit, bis zum letzten Blutstropfen das Recht jenes Geschöpfes zu verteidigen, nicht im Kino knutschen zu müssen.“

Was würde wohl passieren, wenn man mit staatlicher Rückendeckung jüdische Atheisten zu jungen, strenggläubigen Juden schicken würde, um ihnen beizubringen, dass die Gebote des Talmud einfach nicht mehr zeitgemäß sind, und dass Schläfenlocken bescheuert aussehen? Würde man in einer katholischen Schule hinnehmen, dass ein Psychologe aufkreuzt und erklärt, auch Jesus habe zur Fastenzeit besonders gern Schweineschnitzel gegessen? Der Islam ist in diesem Land eine gleichberechtigte Religion. Problematisch am Islam sind ja nicht seine – in den Augen der Mehrheit – altertümlichen Moralvorstellungen, an zu wenig Sex vor der Ehe wird die freiheitliche Ordnung der Bundesrepublik schon nicht zugrunde gehen. Das Problem sind Terrorismus, Zwang und Mord, es betrifft bekanntlich nur eine Minderheit der drei Millionen Muslime in Deutschland. Von den Muslimen muss verlangt werden, wie von allen anderen, dass sie sich an Gesetze halten und die Menschenrechte respektieren, nicht mehr und nicht weniger. Was aber eine 16-Jährige übers Knutschen denkt, ist ihre Privatsache.

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