Zeitung Heute : Martensteins-Monitor

HARALD MARTENSTEIN

VON HARALD MARTENSTEINKritiken lese ich am liebsten erst, nachdem ich den Film gesehen habe.Schade, daß die Zeitungen die Kritiken der Wettbewerbsfilme bereits am Tag der offiziellen Vorführung drucken.Früher, als die Berlinale gegenüber den Produzenten und Verleihern noch ein wenig mehr Macht besessen hat, war das strengstens verboten, und du hattest morgens im Zoo Palast keine Ahnung, ob du in einem eher schlechten oder in einem eher guten Film sitzt.Vermutlich ist das Festival damals spannender gewesen. In der Berlinale-Jury dürfte "Wag the Dog" zumindest Helmut Dietl gefallen haben.In "Wag the Dog" fand außerdem die größte Voodoo-Nummer dieser Berlinale statt.Es kommt in dem Film, der lange vor der Clinton-Lewinsky-Affäre gedreht wurde, ein Foto vor.Dieses Foto zeigt den US-Präsidenten mit einem jungen Mädchen.Mr.President hat jenem Mädchen in aller Form den Clinton gemacht, und das Foto gleicht vollkommen, in Kleidung, Situation und Pose, dem berühmtesten, dem überall abgedruckten Foto von Bill, dem Original, mit Monica Lewinsky.Das nenne ich Voodoo. Das Kino ist keine moralische Anstalt.Gewalt kann lustig sein, jedenfalls im Kino, ein Mord kann lustig sein, eine Prügelei sowieso.Im Kino kann es komisch wirken, wenn jemandem der kleine Zeh abgeschnitten wird (wie in "The Big Lebowski").Aber bisher galt es als gesicherte Erkenntnis, daß in einem komischen Film keine Vergewaltigung vorkommen darf - nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es einfach nicht funktioniert.In "Wag the Dog" funktioniert es, soweit ich weiß, zum ersten Mal. Zeit, Bilanz zu ziehen.Komm, wir wagen mal was.Wir loben jetzt mal Moritz de Hadeln (Moritz de Hadeln und die Journalisten pflegen ein traditionell angespanntes Verhältnis.Er hält sie für ein bösartiges Mutationsprodukt, das durch extraterrestrische Strahlung aus lieben, hasenohrigen, stets freundlichen Walt-Disney-Pressesprechern entstanden ist, eine Art zweibeinige, mit Eiter um sich spritzende Küchenschabe, und sie halten ihn im Gegenzug auch für irgendwas).Aber haben wir im Wettbewerb dieses Jahres etwa keine guten Filme gesehen? "Wag the Dog", "The Big Lebowski", "Jackie Brown", "I Want You", "The Butcher Boy"...sicher nicht alles perfekte, aber gute Filme, und keine glatten Mainstream-Schnulzen. Mag sein, daß der erfreuliche Festivaljahrgang auf Zufall beruhte.Bestimmt war es Zufall.Die Kritik an de Hadeln wird sich diesmal an der Abwesenheit des deutschen Erfolgsfilms festmachen sowie an der Abwesenheit von Stars, die in der Tat auffällig war.Zum ersten Mal fiel eine Pressekonferenz aus, weil nicht einmal der best boy, der Gaffer oder wenigstens ein Vertreter der Catering-Firma zu "Wag the Dog" erschienen war."Unsere Stars sind die Filme", erklärte Moritz de Hadeln dazu.Diese Erklärung klänge glaubwürdiger, wenn er sich in früheren, erfolgreicheren Jahren nicht gar so gerne im Glanze der Stars gesonnt hätte.Jeder nimmt sich die Argumente, wie er sie gerade braucht, die Kritiker ebenso wie der Festivalchef. Alle Filme handeln von Geld (manchmal), vom Tod (oft) oder von Sex (meistens).Über den Tod darf man am Sonntag im Tagesspiegel keine Witze machen, das Geld ist mir persönlich ein viel zu ernstes und wichtiges Anliegen, bleibt immer nur das dritte Thema: Aus "The Big Lebowski" haben wir also gelernt, daß im Amerikanischen "Johnson" ein Slangbegriff für jenen Körperteil ist, dessen Bedeutung in der amerikanischen Politik und im amerikanischen Film der letzten Jahre ständig gewachsen ist.Daran mußte ich in "Wag the Dog" denken, dem Film über den sexbesessenen amerikanischen Präsidenten: Die USA hatten tatsächlich mal einen Präsidenten, der so hieß, wie in Berlin höchstens die Bordellbesitzer heißen, nämlich Schwanz.Und dieser Johnson, Kennedys Nachfolger, hat also den größten Teil des Vietnam-Krieges geführt.Gut, daß die Berlinale vorbei ist - die Politik und das Leben können noch bizarrer sein als das Kino.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben