Zeitung Heute : Marthe & Mathilde

Sie sind aus dem Elsass. Eine wuchs deutsch auf, die andere französisch. Beide erlebten ein ganzes Jahrhundert. Pascale Hugues erzählt die Geschichte ihrer Großmütter.

Pascale Hugues

Meine Großmütter hießen Marthe und Mathilde. Ihre Vornamen begannen mit derselben Silbe. Sie sind im selben Jahr, 1902, geboren. Mathilde am 20. Februar, Marthe am 20. September. Sie sind beide im Jahr 2001 gestorben. Mit ein paar Wochen Abstand, ganz am Anfang des neuen Jahrhunderts, kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag.

Marthe und Mathilde haben das zwanzigste Jahrhundert Seite an Seite durchwandert. Sie waren Freundinnen, seit sie sechs waren. Auf den Stufen einer Vortreppe, die am Vogesenwall 6 im Viertel Saint Joseph hinter dem Bahnhof von Colmar zu einem winzigen Garten hinunterführt, sind sie sich zum ersten Mal begegnet. Mathilde war in einem barocken Gebäude der Glacisstraße in der pfälzischen Kleinstadt Landau zur Welt gekommen. Von ihrer frühen Kindheit behielt sie als einzige Erinnerung ein Foto ihres weißen Babykörpers auf einem Lammfell. Karl Georg Goerke, ihr Vater, Champagner- und Kaffeevertreter, war – wie viele Deutsche – ins reiche Elsass emigriert, das 1871 durch den Frieden von Frankfurt dem Reich angegliedert wurde. Er hoffte, im neuen Reichsland Elsass-Lothringen, der rheinländischen Handelsdrehscheibe, zu Vermögen zu kommen. 1906 ließ er sich mit seiner belgischen Frau und den beiden Töchtern Georgette und Mathilde in Colmar nieder. Zwei Jahre später mietete die Familie Goerke die Wohnung im zweiten Stock am Vogesenwall 6. Im Erdgeschoss wohnten Henri und Augustine Réling, die Elsässer Eigentümer des Gebäudes, mit ihren Töchtern Alice und Marthe.

Es war noch mild an jenem Tag. Der wilde Wein kletterte mit seinen rot gefärbten Blättern über das schmiedeeiserne Geländer. Marthe kam näher. Streckte Mathilde eine Handvoll Karamellbonbons entgegen. Die Tochter des Elsässer Eigentümers und die Tochter des neuen deutschen Mieters begannen miteinander zu spielen. Das ist das erste Foto von Marthe und Mathilde: Sie sitzen mit ihren Puppen im Gärtchen am Boden. Zwei kleine Mädchen in weißen Rüschenschürzen. Marthe ist braunhaarig. Mathilde ist blond. Ein paar Tage später werden die Kleinen Kaiser Wilhelm über den Champ de Mars defilieren sehen.

Marthe und Mathilde verbrachten ihr ganzes Leben in Colmar. Ihre Kinder, mein Vater und meine Mutter, heirateten einander. Beide sind in den Wirren des Börsenkrachs von 1929 geboren. Mit 16 Tagen Abstand. Meine Mutter, die Tochter Mathildes, am 8. Dezember. Mein Vater, der Sohn Marthes, am 24. Dezember. Die Hochzeit ihrer Kinder schmiedete das Schicksal meiner Großmütter auf Gedeih und Verderb aneinander. Ihre Enkel, mein Bruder und ich, verbrachten sämtliche Ferien bei den „Kamaradle“, wie wir die beiden nannten. Mein Bruder wohnte bei Mathilde, die zwei Mädchen hatte und sich immer einen Jungen wünschte. Ich wohnte bei Marthe, die zwei Jungen hatte und immer von einem Mädchen träumte. Beide hatten wenige Monate nacheinander ihr zweites Kind im Erwachsenenalter verloren. Schweigend teilten sie diesen irreparablen Schmerz bis an ihr Lebensende.

Diese Zufälle sind frappierend. Die Übereinstimmungen verblüffend. Die Ähnlichkeiten verwirrend. Man hätte die beiden Großmütter austauschen können, wären nicht ihre Charaktere so unterschiedlich gewesen. Mathilde war „launisch“. Marthe „stets sich selbst treu“. Mit diesen Formeln beschrieben meine Eltern ihre jeweiligen Mütter. „Wenn es nicht deine Großmutter wäre“, begehrte Marthe hin und wieder vor mir auf, „dann wären wir schon längst zerstritten. Diese Mathilde hat aber auch einen schlechten Charakter!“ Marthe jedoch steckte die Gemeinheiten weg. „Ich bin nicht nachtragend, ich kann schon was verkraften. Aber wenn ich etwas nicht verknusen kann, dann, wenn man mir schmollt!“ Und wenn Mathilde auf Deutsch ihr Verdikt aussprach: „Ein Licht ist ausgegangen!“, dann begann Marthes Leidensweg. Drei Tage lang schmollte Mathilde. Starrte in die Ferne, antwortete mit einem finsteren Murren auf die versöhnlichen Fragen, die Marthe nur zaghaft zu stellen wagte. Mathildes Mund zog sich in einer verächtlichen Kurve nach unten, und Marthe war verzweifelt. „Sie hat den ,Weltschmerz‘, deine Großmutter“, flüsterte mir Marthe zu. Dieser imposante deutsche Ausdruck allein vermochte die unermessliche Qual zu fassen, die Mathilde ergriffen hatte. Marthe betrachtete Mathildes bockiges Gesicht, ihre schwere Stirn. Der Nachmittag war verdorben.

Und dann, nach drei Tagen, fing Mathilde auf einmal ohne ersichtlichen Grund wieder zu reden an. „Na, Marthele, was esch?“, fragte sie, die Arglosigkeit in Person. Marthe verzieh ihr auf der Stelle, und das Leben nahm wieder seinen Lauf. „Die Liebe zanket nicht / Die Liebe streitet nicht / Die Liebe wanket nicht / Die Liebe weichet nicht. / Meiner lieben Tilde / Zur steten Erinnerung von Ihrer Marthe“, schreibt Marthe am 14. Februar 1916 in Mathildes Poesiealbum. Marthe hat ihr Versprechen der ewigen Liebe gehalten. Weder Mathildes Schmollereien noch die Erschütterungen der elsässischen Geschichte konnten diese lange Freundschaft ins Wanken bringen. Marthes und Mathildes Fotoalben sind fast austauschbar. Auf den kartonierten Seiten sind dieselben Erinnerungen, dieselben Personen anzutreffen. Die Treppe unter dem Vordach in Marthes Haus dient den Familienfotos als Dekor. Der Reihe nach sind die Akteure aus Marthes und Mathildes Leben da, schauen in allen möglichen Zusammenstellungen und in jedem möglichen Alter ins Objektiv. Ihre Väter: in ein Gespräch unter Männern vertieft. Ihre Mütter: Arm in Arm. Ihre Schwestern: Alice mit ihrer Gießkanne und Georgette mit ihrer Zeitung. Ihre Kinder: meine frisch vermählten Eltern. Als sich ihre Enkelkinder auf den Treppenstufen in Pose setzen, ist das Glas- durch ein Wellblech ersetzt worden. Die Zeit ist so schnell vergangen.

Die Lebenslinien von Marthe und Mathilde verlaufen parallel nebeneinander her. Als hätte ein perfektionistischer Geometer ihre Schicksale nach den Gesetzen der Symmetrie zu beiden Seiten einer unsichtbaren Achse gezogen. Nur kurz, während der fünf Jahre des Zweiten Weltkriegs, trennen sie sich. Marthe, die Witwe eines französischen Offiziers, eines Verdun-Veteranen, durfte das 1940 wieder deutsch gewordene Elsass nicht mehr betreten. Als „franzosenfreundlich“ und „unerwünscht“ eingestuft, war sie gezwungen, den Krieg im besetzten Frankreich, in Tours, zu verbringen. Mathilde, die mit einem Elsässer verheiratet war, der im Ersten Weltkrieg dem Deutschen Reich in Flandern gedient hatte, blieb in Colmar im angeschlossenen Elsass. Nach der Befreiung treffen sich ihre Leben wieder, um von neuem gemeinsame Wege zu gehen. Als Marthe 1945 mit ihren beiden Söhnen ins Elsass zurückkehrt, kommen alle Nachbarn auf die Straße. Der schwarze Citroën gleitet über den Boulevard und hält vor dem elterlichen Haus. Als Erstes steigen die Jungen aus. Sie tragen graue Pelerinen, die Socken bis zu den Knien hochgezogen. Sie sind 16 und 14 Jahre alt. Augustine und Henri Réling rennen aus dem Haus, um sie in die Arme zu schließen. Fünf Jahre haben sie ihre Enkelsöhne nicht mehr gesehen. Lange hat Mathilde auf die „Heimkehrer“ gewartet. Sie lässt alles stehen und liegen und läuft zu ihrer Freundin. Ab jetzt sehen sich die Kamaradle wieder jeden Tag. Stundenlang erzählen sich Marthe und Mathilde vom Krieg, von ihren Kindern, ihren Ehemännern, von dieser ganzen Zeit, die sie getrennt voneinander verbracht haben. Sie schwören einander, sich nie mehr aus den Augen zu verlieren.

Die Sonntagsausflüge in die Berge werden wieder aufgenommen. Ein Foto zeigt Marthe und Mathilde, die mit ihren vier Kindern im Wald auf einer Decke liegen. Es ist ihr erstes Picknick nach dem Krieg. Marthe hat die Rundungen einer jungen Frau verloren. Zum ersten Mal wagt sie es, einen gepunkteten Foulard über ihr Trauerkleid zu legen. Ihr Mann ist vor sieben Jahren gestorben. Im Schatten ihrer Mütter beäugen sich die Söhne Marthes und die Töchter Mathildes. Nach bestandenem Abitur lädt Pierre, Marthes ältester Sohn, Yvette, Mathildes zweite Tochter, auf ein Glas Limonade in der Stadt ein. Von diesem Tag an haben sich meine Eltern nie mehr getrennt.

Bis an ihr Lebensende telefonierten Marthe und Mathilde täglich miteinander, um sich über die kleinen Ereignisse des Tages auszutauschen: Die Schneiderin geht nächstes Jahr in Rente, der Doktor hat neue Tabletten verschrieben, und beim Gemüsehändler sind frische Schwarzwurzeln eingetroffen. Marthe und Mathilde sahen am Ende aus wie ein Gespann zweier untrennbarer Gäule. „Zwei alte Ziegen wie uns reißt man nicht mehr auseinander!“, verkündete Marthe eines Morgens, als Mathilde mal wieder ihre Launen hatte.

Bei Mathildes Beerdigung verwechselten die Leute vom Bestattungsinstitut, die wenige Wochen vorher Marthe zu Grabe getragen hatten, ihre Vornamen auf dem Sargschild. Mathilde war zu Marthe geworden. Ich war kein bisschen geschockt. Der Fehler kam mir ganz natürlich vor. Er bestätigte die Symbiose meiner Großmütter, die es geschafft haben, sogar ihren jeweiligen Abgang aufeinander abzustimmen.

Ein paar Tage später schickt eine Jugendfreundin ihr Beileidschreiben: „Ich habe heute den Hinschied Ihrer zweiten Großmutter Mathilde erfahren. Ich glaube, Marthe ist sie holen gekommen, sie waren so große Freundinnen, sie haben diese Trennung nicht ertragen. Ich wünsche den beiden von Herzen, dass sie sich wiedergefunden haben … falls man sich da oben wiederfindet.“

Die Autorin, geboren 1959 in Straßburg, ist Kolumnistin des Tagesspiegels. Ihr Buch „Marthe & Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ erscheint am 6. Oktober (Rowohlt, 288 Seiten, 19,90 Euro). Der hier abgedruckte Text ist ein gekürzter Auszug daraus. Pascale Hugues liest in Berlin am 8.10. (Buchhandlung Ferlemann und Schatzer, Güntzelstraße 45, Tel. 86396067) und am 14.11. (Buchladen Bayerischer Platz, Grunewaldstraße 59, Tel. 7821245), jeweils ab 20 Uhr.

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