Martin-Gropius-Bau : Entdeckungsreise mit dem sprechenden Fernrohr

In der Ausstellung "Weltwissen" im Martin-Gropius-Bau werden 300 Jahre Wissenschaft in Berlin lebendig

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Paranussblätter, die Alexander von Humboldt vom Amazonas mitbrachte, Feuchtpräparate aus Rudolf Virchows pathologischem Museum, der Nachbau des ersten Computers von Konrad Zuse: Die Ausstellung „Weltwissen“ arbeitet mit Stücken aus den Sammlungen, Archiven und Bibliotheken der Jubiläumshäuser. Die „Initialobjekte“ sollen neugierig machen auf die Wissenschaftsgeschichte, die mit ihnen verbunden ist.

„Interessant wird das für alle Altersstufen und Bildungshorizonte“, verspricht Ausstellungsleiter Jochen Hennig von der Humboldt-Universität. Im Vordergrund steht nicht allein die Vermittlung von Fachwissen, vielmehr soll die oft unterschätzte Wissenschaftsmetropole Berlin erlebbar sein. „Weltwissen“ wird vom 24. September 2010 bis 9. Januar 2011 im Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg gezeigt. Sie ist der Höhepunkt des Wissenschaftsjahres. Rund fünf Millionen Euro soll die Ausstellung kosten, das Geld kommt von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und von den Jubilarinnen.

„Staunen“ – was für ein Motto für eine Wissenschaftsausstellung! „Wenn wir staunen, sind wir fasziniert durch einen Gegenstand und werden uns gleichzeitig bewusst, dass wir etwas nicht wissen“, erklärt Hennig. Staunen weckt Neugier – und Lust, dem Wissen hinter den Exponaten nachzugehen. Es sei eine zentrale Erfahrung, die Besucher in der Ausstellung machen können und die sie letztlich mit Berliner Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus drei Jahrhunderten teilen, sagt der Ausstellungsleiter. Ein Panorama über 300 Jahre wissenschaftlicher Aktivität in Berlin will er im Erdgeschoss des Gropius-Baus ausbreiten, auf 3500 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

Die Neugier auf die Objekte und das Staunen über ihre Vielgestaltigkeit inspirierten Hennig und die Ausstellungsgestalter des Stuttgarter Architekturbüros Space 4 zu einer Installation, die Besucher in die Welt der Berliner Wissenschaft locken will. Im Lichthof treten sie ein in eine angeschnittene Weltkugel und gehen auf ein rund 15 Meter hohes und etwa 40 Meter breites Regal mit Stücken aus den wissenschaftlichen Wunderkammern der Universitäten, der Charité oder der Akademie zu. In einem der 120 jeweils 2,20 mal 2,20 Meter großen Raster soll etwa das Skelett des Pferdes von Friedrich dem Großen aus der Veterinärmedizinischen Sammlung der Freien Universität stehen, in einem anderen ein Stapel alter Radios aus der Medienarchäologie der Humboldt-Uni.

Staunenswert ist das von dem US-amerikanischen Künstler Mark Dion gestaltete Riesenregal allemal. Dion beschäftigt sich mit Wissenschaftsgeschichte und ist fasziniert von den Klassifikationssystemen der Wissenschaft im Wandel der Zeit. Sein Regal steht für die Fülle von Objekten in den Berliner Sammlungen, aber über einzelne Stücke können die Betrachter auch mehr erfahren: Das Basler Mediengestaltungsbüro Stratenwerth entwickelt als Partner von Space 4 ein sprechendes Fernrohr, mit dem man das Regal abtasten kann. „An 25 Punkten erzählt es die Geschichte des Exponats, auf das es gerichtet ist“, sagt Christoph Stratenwerth.

Im Gang um den Lichthof und in den 18 umliegenden Räumen sollen die Besucher dann von einem verblüffenden Objekt zum anderen, von räumlichen und filmischen Installationen zu Zeitzeugeninterviews oder Fotostrecken schlendern. Wenn es um Pioniertaten wie Robert Kochs Forschung zu Krankheitserregern geht, zeigen die Ausstellungsmacher nicht allein Kochs Spritzenbesteck und das Mikroskop, mit dem er arbeitete. Sie inszenieren auch die Fehde mit seinem Kollegen Max von Pettenkofer, die darin gipfelte, dass Letzterer im Jahr 1892 in einem Selbstexperiment eine Kultur von Cholera-Bakterien schluckte, um seine These zu belegen.

Diese Geschichte gehört zu dem Ausstellungsbereich, in dem sechs berühmte wissenschaftliche Streitfälle quasi live ausgetragen werden. Die Besucher treten in der Mitte des Raumes an einen Tisch, auf dem historische Dokumente zu den Fällen ausgebreitet sind. Nach dem Jukebox-Prinzip kann der jeweils Erste, der gerade an den Tisch herantritt, die Audio-Inszenierung über den Streitfall abrufen.

Der karg gestaltete Raum „Entwerfen und Verwerfen“ dagegen bildet die klassische Situation des Forschers ganz am Anfang eines neuen Projekts ab, erklärt Hennig Meyer, Geschäftsführer von Space 4. „Er sitzt vor einem weißen Blatt Papier.“ Auf zwei langen weißen Tischen werden Originalentwürfe, Skizzen und erste Objekte gezeigt. An der Station zum „Passagenwerk“ Walter Benjamins etwa erfährt man, wie der Berliner Kulturhistoriker in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts seinen Text organisiert hat, sieht seine legendären Skizzen und Notizbücher. Erklärt wird alles über Kopfhörer, die, wie die Lampen, von der Decke hängen. In gerade mal einminütigen Kommentaren ist das komprimiert, weil es den modernen Hörgewohnheiten entsprechen soll.

Ihr Publikum wollen die Ausstellungsmacher mit solchen Inszenierungen mitnehmen hinter die Kulissen wissenschaftlicher Praxis, ihnen die Vielfalt und Lebendigkeit vergangener und aktueller Wissenschaft nahebringen, die Berlin zu einer Wissenschaftsmetropole gemacht haben, erläutert Hennig. Dabei sollen die Institutionen der Berliner Wissenschaft gleichermaßen „selbst- wie geschichtsbewusst“ gezeigt werden. Nicht nur Erfolgsgeschichten werden erzählt, sondern auch „Um- und Abwege, Irrtümer und Verfehlungen“. Dazu gehört die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler in der Zeit des Nationalsozialismus. Thematisiert werden auch unabsehbare gesellschaftliche Folgen von Forschung: So bedeutete die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn im Nachhinein den Beginn des Atomzeitalters.

Hahns Arbeitstisch wird in einem Block mit sechs Kabinetten zur Risikoforschung gezeigt. Der erste Blick solle die Situation des Forschers Hahn zeigen, der sich bei seinen hochempfindlichen Experimenten um kein Milligramm vertun durfte, erklärt Hennig. Der zweite Blick geht auf die enorme gesellschaftliche Sprengkraft, die Hahns Entdeckung hatte. So ist geplant, in dem Kabinett auch die Attacke zu dokumentieren, die Atomkraftgegner 1988 auf die Ausstellung verübten, als der Tisch an der TU Berlin ausgestellt wurde.

300 Jahre Wissenschaft in Berlin, Tausende von Protagonisten, unzählige Bezugspunkte in alle Welt, die sich aus der Vernetzung der Berliner Forscher und Sammler ergeben: Wer soll das alles überblicken? Obwohl die Ausstellungsmacher ohnehin nur exemplarische Objekte, Forscher und Fallbeispiele vorstellen, wolle man dem Publikum auch noch die Wahl lassen, was sie sich ansehen, sagt Henning Meyer von Space 4. „Die Ausstellung funktioniert wie eine Stadt, es gibt Haupt- und Nebenstraßen und auch Spielstraßen mit besonderen Angeboten für Kinder.“

An interaktiven Medien, die die Besucher durch die Ausstellung begleiten, arbeitet das Team Stratenwerth. Neben dem Fernrohr für das Riesenregal sind Touchscreens zum Forschen, Bücher zum Blättern und Zettelkästen zum Stöbern geplant. Die Entdeckungsreise kann beginnen – am 24. September.

Weltwissen. 300 Jahre Wissenschaften in Berlin. Martin-Gropius-Bau (Niederkirchnerstraße 7, Berlin-Kreuzberg). 24. September 2010 bis 9. Januar 2011. Eintritt 6 Euro (ermäßigt 4 Euro).

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