Zeitung Heute : Marzahner nach Manhattan schicken

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Man soll nicht klagen, anderswo steht es noch viel schlechter als hier. Nehmen wir New York. Man hört so Sachen über die Mieten dort und sollte immer an diese Sachen denken, wenn man in Berlin einen Mietvertrag unterschreibt. Da wird der Immobilienhai am anderen Ende des Tisches prompt zur Kaulquappe.

Nehmen wir Reiner Leist. Der ist Fotograf und 1994 nach New York gezogen. Er wollte unbedingt nach Manhattan, und da konnte er sich halt nur eine 18-Quadratmeter-Wohnung leisten. Sie hat ein großes Fenster mit einem schauderhaften Blick in so eine Hochhausschlucht mit ganz winzigen Autos untenrum. In Marzahn bekäme man zum selben Preis zwei ganze Stockwerke mit ähnlichem Blick, allerdings in Rundumsicht, wenn auch aus kleineren Fenstern.

Aber, wir haben es stets geahnt: Marzahn ist nicht Manhattan. Vielleicht sind es ja die Mieten, die die New Yorker mit diesem Elan erfüllen, diesem Willen, mehr zu tun und zu sein als, sagen wir – ein Marzahner.

Reiner Leist hat sich Folgendes ausgedacht: Man könnte jeden Tag ein Foto aus dem Fenster in die Schlucht machen. Schön ist das nicht, aber wenn man es gut aufbereitet …

Im Fotografiemuseum am Bahnhof Zoo haben sie die 2200 Bilder, die Reiner Leist seitdem gemacht hat, in einem großen, schönen Raum sehr beeindruckend ausgestellt. Sicher, es gibt interessantere Fotos, ein Stockwerk drunter zum Beispiel, aber die hängen nicht in so guten, großen Räumen. Der mit den Leist- Bildern ist bestimmt zehnmal so groß wie seine Wohnung in Manhattan.

Wann wird ein Marzahner auf die Idee kommen, seine Fensterbilder in New York auszustellen? Kann man bei den günstigen Marzahner Mieten überhaupt so viel Kreativität entwickeln? Und: Hätten die New Yorker schließlich einen hinreichend großen Raum für die Marzahn-Bilder?

Reiner Leist: „Window“ im Museum für Fotografie, Dienstag-Sonntag 10-18, Donnerstag bis 22 Uhr. Jebensstraße 2, Charlottenburg.

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