Zeitung Heute : Masken in Hellbraun

Sieben Prozent, vielleicht mehr, sagen die Umfragen. Wie die NPD in Mecklenburg-Vorpommern Fuß fasst

Frank Jansen

Der Mann kommt hastig ins Café, die Krawatte weht. „Guten Tag, ich bin Udo Pastörs, es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, aber ich hatte noch einen Termin bei einem Unternehmer“. Mag sein, dass der Spitzenkandidat der NPD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern den Beginn des Gesprächs gar nicht so geplant hat – aber er wirkt wie eine programmatische Ansage. Wir sind normal. Wir sind keine Schläger, wir haben Termine bei Unternehmern. Und wir exerzieren nicht fanatisch preußische Tugenden, wie die Pünktlichkeit.

Pastörs erscheint mit mehr als einer Stunde Verspätung zum Gespräch in Hagenow, einer Kleinstadt mit hübschen alten Backsteinhäusern im Südwesten Mecklenburgs. In dieser ruhigen Idylle, an diesem schönen Morgen im Spätsommer, scheinen Gewissheiten über die NPD in Frage gestellt. Muss man vor Leuten wie Pastörs – oder seinem Parteifreund Stefan Köster, der jetzt auch eintrifft und neben ihm sitzt – Angst haben?

In den letzten Umfragen erreicht die rechtsextreme Partei sieben Prozent. Forsa-Chef Manfred Güllner sagt sogar, die Partei könne ein zweistelliges Ergebnis schaffen. Zieht die NPD am Sonntag in den Schweriner Landtag ein, wäre dies bereits der zweite Erfolg im Osten. Vor zwei Jahren kam die NPD in Sachsen auf 9,2 Prozent. Was sind das für Leute, die den braunen Aufschwung Ost auch im Norden vorantreiben?

„Geboren bin ich am Niederrhein, in Wegberg“, sagt Pastörs eher widerwillig. Der 54-jährige Juwelier will nicht als Zugereister wahrgenommen werden, „sondern als Mecklenburger, der seine Heimat liebt“. Doch der rheinische Dialekt ist unüberhörbar. Und dann nennt Pastörs doch ein paar Details seiner prä-mecklenburgischen Biografie. Er lernte Uhrmacher, er war Geschäftsführer einer Goldhandelsfirma und reiste viel. Kosmopolit war er dennoch nie. „Meine Heimatgefühle haben sich durch die Auslandsaufenthalte noch verstärkt“, sagt Pastörs.

Vor sechs Jahren zog er nach Mecklenburg. Im selben Jahr trat er, einst eher der CDU/CSU zugeneigt, in die NPD ein. Dass der Umzug Teil einer Langzeitstrategie von Partei und Neonazis zur Eroberung des Ostens gewesen sein könnte, bestreitet Pastörs. Er habe sich schon lange „für den mitteldeutschen Raum interessiert“. Im Kreis Ludwigslust kaufte Pastörs Land und baute ein stattliches Familiendomizil. Außerdem eröffnete er im Städtchen Lübtheen ein Schmuck- und Uhrengeschäft. Offenbar hatte sich sein Ausstieg aus dem Goldhandel gelohnt.

Der Familienvater gibt sich bürgernah, im Mai 2005 beteiligte er sich an der Gründung einer Initiative gegen den in der Region drohenden Abbau von Braunkohle. Und bei der Bundestagswahl erreichte die NPD in Lübtheen 8,8 Prozent. „Ich bin hier voll integriert“, sagt Pastörs.

Anfang der Woche kam jedoch ein unangenehmes Fax. Der Vorstand der „Bürgerbewegung Braunkohle – Nein“ hatte sich kurz vor der Wahl überlegt, den NPD-Mann „aufgrund des Votums vieler Mitglieder“ auszuschließen. Denn in den Informationsblättern der NPD „sprechen Sie bewusst von Pommern als unserer Heimat und leiten damit unter Verkennung der 2+4-Verträge Gebietsansprüche her“. Pastörs lächelt, dann wird die Stimme hart. „Ich bin kein Mann, der das Feld räumt ohne Kampf.“

Sein Kampf. Die Wahl in Mecklenburg- Vorpommern ist für Pastörs nur ein Schritt auf dem Weg zu einer „revolutionären Umwälzung des Systems“. Aber was hat er den Menschen in seiner Region zu bieten? Pastörs verweist auf das „Aktionsprogramm“ der NPD. Da wird die Senkung der Mehrwertsteuer von 16 auf sieben Prozent gefordert. „Aber nicht bei Luxusgütern“, betont Pastörs.

Die Milliardenverluste, die den öffentlichen Haushalten in diesem Fall drohten, will er über eine „Entausländerung“ und die „Streichung der Auslandseinsätze der Bundeswehr“ ausgleichen. Und deutsche Unternehmen, die im Ausland billig produzieren, müssten deutlich höhere Steuern zahlen. Firmen, die in Deutschland blieben, will Pastörs mit Zöllen vor ausländischer Konkurrenz schützen.

Als Ziel dieser Politik des staatlichen Zwangs nennt Pastörs „die Autarkie“, die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland. Dass Hitler einer ähnlichen Utopie anhing, stört Pastörs nicht. Der Nationalsozialismus hatte seine Vorteile, meint der NPD-Spitzenkandidat, „und auch in der DDR war eine Menge vorbildlich gelöst“. Kritiker von links nennt Pastörs „Humanquatscher“.

Der andere Mann am Tisch, Stefan Köster, Platz vier auf der Wahlliste der NPD, trägt ein hellblaues T-Shirt mit dem Partei-Logo und der Aufschrift „Hier sprechen wir“. Köster ist 32 Jahre alt, Versicherungskaufmann, er stammt aus Dortmund. Er sagt nicht allzu viel. Das ist erstaunlich, weil er in der NPD-Hierarchie als Landeschef und Bundesgeschäftsführer deutlich über Pastörs steht. Außerdem sitzt er im Kreistag von Ludwigslust. Was hat er dort bewegt? „Im Juni, Juli 2004 haben wir uns massiv gegen die Schließung der Kinderstation im Stift Bethlehem stark gemacht.“ Köster überlegt. „Und wir haben uns massiv gegen die Erhöhung der Aufwandsentschädigung der Fraktionsvorsitzenden im Kreistag gewandt.“ Das muss reichen, mehr möchte er wirklich nicht sagen.

Vielleicht ist Kösters Zurückhaltung ja Taktik. Im Mai wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Er soll im Dezember 2004 in Schleswig-Holstein eine junge Linke geschlagen haben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, doch das Verfahren passt nicht ins Bild einer freundlich-bürgernahen Opposition, das die Partei im Wahlkampf abgeben möchte. Ideal dafür erscheint der joviale Pastörs. Oder der Mann auf Platz 2, Tino Müller aus Ueckermünde.

Die NPD hat wieder ein Café als Treffpunkt bestimmt. Müller wirkt erst mal verschlossen. Der arbeitslose Maurer, 28 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern, trägt ein kariertes Arbeiterhemd, eine schwarze Cargohose und das Haar akkurat. Der Blick bleibt streng, und Müller antwortet meist knapp. Wenn ihm eine Frage zusagt, kommt ein schneidiges „richtig“.

Mit Müller, in der Kleinstadt am Stettiner Haff, begann sie, die strategische Wende von Teilen der rechten Szene im Nordosten. Die Neonazis verließen ihre subkulturelle Ecke, mischten sich in Kommunalpolitik ein. Ende 2002 gründeten Müller und eine Handvoll Kameraden eine „Bürgerinitiative“ namens „Schöner und sicherer Wohnen in Ueckermünde“. Die Neonazis nutzten den Unmut über den geplanten Umzug eines Asylbewerberheims vom Stadtrand ins Zentrum. Sie sammelten Unterschriften, 2000 Stück. Ein Fünftel der Ueckermünder.

Im August 2004 verkündete das Landratsamt, der Umbau des Gebäudes, in das die Asylbewerber ziehen sollten, sei nicht zu bezahlen. Das erwecke den Eindruck, „Landkreis und Stadt sind aus Angst vor einem Konflikt mit den Rechtsextremen eingeknickt“, heißt es dazu in einer Studie der Universität Greifswald über Rechtsextremismus in Ueckermünde.

„Viele Bürger haben uns gesagt: Ihr habt unser Vertrauen“, sagt Müller, „aber wir können euch ja nicht wählen. Deshalb sind wir in die NPD eingetreten.“ Mit ihrem kommunalpolitischen Engagement, von der Bürgerinitiative bis zu Fußballturnieren, haben die Neonazis die Basis für einen Wahlerfolg der NPD geschaffen.

Im Landtag würde sich Müller mit „Jugend und Kultur“ befassen, „also mehr Jugendklubs und so“, sagt er. Wie wäre die Arbeitslosenquote von 30 Prozent im Kreis zu senken? „Wir müssen den Tourismus mehr fördern und die Landwirtschaft.“ Aber eigentlich müssten in Deutschland „grundlegende Sachen geändert werden“, denn die Bundesrepublik sei „erkrankt“. Ein neuer Staat müsste dem Ideal der „Volksgemeinschaft“ entsprechen. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, sagt Müller, „das ist meine Devise, das wird sie bleiben.“ Was er nicht sagt: Die Losung entspricht Punkt 24 des 25-Punkte-Programms der NSDAP.

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