Zeitung Heute : Masken und Machos

NORBERT TEFELSKI

Erstaufführung im "Stükke"-Theater: Deborah Lavins "The Body Trade"NORBERT TEFELSKIIllegaler Organhandel mitten in London? Kidnapping von Obdachlosen zwecks lukrativer Ausschlachtung? In "The Body Trade" spielt Deborah Lavin das spekulative Szenario gesellschaftlich glaubwürdig durch.Brillant be- und von Unbekannt übersetzt, erlebt es als "Stück für die Großstadt" nun seine deutschsprachige Erstaufführung. Geschäftsmann Sid (Nicolas Weidtmann), von Erfolgsdruck und Karrierewahn gebeutelt, engagiert die desillusionierte Hure Pam (Eva Mannschott), um das Menschenmaterial für die Organentnahme zu präparieren - was einen oberflächlichen Alkohol- beziehungsweise Drogenentzug einschließt.Als eine der "Kandidatinnen" in Pams Wohnung stirbt, kulminieren die Konflikte in einer Art kapitalistischer Übereinkunft.Um des eigenen Vorteils willen erklärt sich selbst Sids Schwägerin, die sentimentale Verdrängungskünstlerin Sylvia (Svea Timander), bereit, über die Einbrüche krimineller Menschenverachtung zu schweigen.Sie wird die Blümchentapete der heilen Welt darüber kleben - in dem Haus, das Sid für sie kaufte.Dessen Ehefrau Sheila (Ulrike Folkerts) kennt das wachsweiche Wesen hinter der Maske des Macher-Machos.Taktisch klug hält sie ihr Mittelklasse-Nest warm und sorgt für ein Pseudo-Happy-End. Ein deutlicher Subtext erzählt von den Hoffnungen, Ängsten und Neurosen der Hauptfiguren.Diese, aus früheren Zeiten miteinander verbandelt, leben heute mental oder sozial in verschiedenen Welten.Und dennoch: Solitär wie die einzelnen Fasern einer Lunte brennen sie gleichzeitig einer heißen Illusion entgegen - der wie auch immer gearteten Vorstellung von Glück.Solch eine zutiefst menschliche Aussage kann sich nur vermitteln, weil das Hauptaugenmerk der geschickten Inszenierung von Ulrich Simontowitz dem annähernd kaputtzitierten, aber eben real existierenden englischen Humor gilt: Das Groteske befreit aus tragischer Eindimensionalität.Meist kurz bevor der schon gefährlich zuckende Zeigefinger voll moralisch erigiert, darf auch der wirre Bösewicht - nicht nur fieses, sondern auch armes Schwein - einen zeitweiligen Sieg nach Pointen verzeichnen.Im übrigen tut es der moralischen Botschaft gut, wenn ihre Überbringerin nicht minder komisch daherkommt als ihr zynischer Gegenpart.Wie man diesen spannenden Stoff auch hätte versaubeuteln können, zeigt jener bedauernswerte dramaturgische Absturz nach der Pause, da Sheila mit teutonischer Tiefe in Sids Gewissen dringt.Pathetische Nazi-Vergleiche und den vollmundigen Anwurf, der Gatte sei "durch das Tal der Schatten des Todes" gewandelt - dergleichen muß man wegstecken, um sich am großen gelungenen Rest zu erfreuen. Stükke-Theater, bis 18.1., Mi-So 20.30 Uhr.

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