Massenmails : Unerwünschte Urlaubsgrüße
05.08.2012 00:00 UhrDie gleichen Leute schütteln arrogant den Kopf über das iPad und huschen im Schlafanzug zum Briefkasten, um eine regennasse Zeitung aus dem Schlitz zu ziehen und neunmalklug zu behaupten, sie bräuchten beim Lesen dieses Gefühl von Papier und umgeblätterten Seiten.
Doch in einem Fall steht man kurz davor, den Predigern Recht zu geben: die Sammelmail, die hässliche Nachgeburt der ansonsten zeitsparenden, höchst praktischen Mail. Betreff: „Yeeehaw aus Texas“, „Mumbai – Stadt voller Widersprüche“, „Off to Japan“. Ein Urlaubsgruß, verzerrt zu einem gehaltlosen Sermon subjektiver Eindrücke und persönlicher Einschätzungen. „P.S.: Julia, danke für deine süße Mail! Paul, herzlichen Glückwunsch zum Nachwuchs.
Holger, ich vermisse dich.“
Vor der Erfindung der E-Mail gab es als Urlaubsgruß die Postkarte. Und es hatte einen Grund, dass es die Urlaubskarte gab und nicht etwa den Urlaubsbrief, und dieser Grund lag nicht in den geschmackvollen Beach-Beauty-Motiven, sondern in der Platzbegrenzung.
Die Postkarte dient dazu, den Daheimgebliebenen zu sagen, dass man an sie denkt und dass alles in Ordnung ist. Man durfte sich dann entscheiden, ob man den spärlichen Platz ansonsten noch dafür nutzen will, die Unterkunft grob zu umreißen („Wir wohnen in einem winzigen Dorf gleich am Westufer des Gardasees“) oder den Tagesablauf („Danach hatte Gerd so einen Sonnenbrand, dass wir den nächsten Tag nur Rommé gespielt haben.“) Dann quetschte man eine Unterschrift daneben und Schluss. Gehörte man zur ganz disziplinierten Fraktion, schaffte man es sogar noch, die Karte auch abzuschicken.
Würde man sich auch auf dem Mailweg auf diese Informationen beschränken, hätte man auch die Zeit, jedem, an den man tatsächlich denkt, einen eigenen Urlaubsgruß zu schicken. Stattdessen grenzt die Schwemme, die einen in Haupturlaubszeiten im E-Mailfach erwartet, an Spam. Es ist eine verbreitete Methode, dass Reisende via Sammelmail einen detaillierten Reisebericht schreiben und den dann an ihr gesamtes E-Mailadressbuch versenden. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass man den Empfänger vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen hat oder dass man ihm lediglich vor Jahren mal bei Ebay was verkauft hat.
Die Urlaubsbeschreibungen ufern hier ins Grenzenlose aus. Sie beginnen meist mit historischen Abrissen über das Urlaubsland („Die Folgen des Vietnamkriegs sind hier von Norden nach Süden noch deutlich spürbar“), arbeiten sich vor zum Themenbereich „Land und Leute“ („Unglaublich, wie gastfreundlich die Kubaner sind, auch wenn sie selber nichts haben!“) und schließen bei persönlichen Erlebnissen („Surfen an der Playa mit Sam und Jorge ist echt der Hammer.“).
Verfassern von langen Sammelmails geht meist jedes Verständnis dafür ab, dass man keine Lust oder keine Zeit hat, sich durch wöchentliche seitenlange Abhandlungen zu quälen, nur um daraus die spärlichen, für einen selbst womöglich interessanten Informationen herauszudestillieren. Ganz im Gegenteil: Die Verfasser erwarten zumeist, dass ihr Konvolut aufmerksam gelesen wird. Sie haben sich schließlich große Mühe gegeben. Und eine Stunde lang den einzigen Computer der Insel okkupiert.












