Massschuhmacherei : Angemessener Luxus

Kerstin Hennemann fertigt Maßschuhe. Mehr als 1000 Euro kostet das Paar. Doch die Kundschaft wächst.

Katja Gartz
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Von vielen, die in meinen ersten Laden im Hinterhof kamen, hörte ich : Sie sind aber mutig. Da war ich völlig verblüfft, wahrscheinlich konnten sie sich nicht vorstellen, dass mit diesem Handwerk Geld zu verdienen ist.“
Kerstin Hennemann, Maßschuhmacherin


Unzählige Holzleisten baumeln unter der Decke, Rind- und Straußenleder in Rot-Braun-Tönen und Schwarz quillt aus dem Regal, schwere Nähmaschinen stehen auf Arbeitstischen – und Schuhe, natürlich, in verschiedensten Formen und Größen. Kerstin Hennemann betreibt ein altes Handwerk: die Fertigung von Maßschuhen.

Ihre Kunden kommen mit kaputten Lieblingsschuhen, die sie nachmachen lassen wollen, mit Fotos und Ideen für neue Kreationen. Gemeinsam mit ihnen legt sie Form, Material und Farbe fest. „Männer kommen meist mit einer Abbildung klassischer Schuhe und wollen genau die haben“, sagt Hennemann. Dann kann es losgehen: Ein Abdruck der Füße, Vermessen. Leisten aus Holz und einen Probeschuh aus Kunststoff muss sie anfertigen. Dann die erste Anprobe. Ist der Probeschuh zu weit oder zu flach, wird nachgebessert. Wenn alles sitzt, beginnt die Produktion: Das Leder wird über den Leisten gezogen.

Die Arbeitszeit für ein Paar Maßschuhe beträgt etwa eine Woche, die Lieferzeit vier bis sechs Monate. Damenmaßschuhe kosten ab 1200 Euro, für Herren ab 1500 Euro, die Leisten extra jeweils 400 Euro. Die Hälfte von Hennemanns Auftraggebern lebt in Berlin, der Rest kommt aus Deutschland und der ganzen Welt. „Eine New Yorkerin war in Berlin, um sich eine Oper anzuschauen und kam anschließend zu mir. “

Angefangen hat die 38-Jährige vor sieben Jahren in einem kleinen Laden in einem Hinterhof der Sophienstraße in Mitte. Von Leuten, die einen Blick hineinwarfen, hörte sie häufig: Sie sind aber mutig. „Da war ich völlig verblüfft, wahrscheinlich konnten sie sich nicht vorstellen, dass mit diesem Handwerk auch Geld zu verdienen ist.“ Die Liste ihrer Kunden wuchs, sie stellte drei Auszubildende ein, und als der Laden zu klein wurde, zog die Schuhmachermeisterin, die mit Mann und Pferd im brandenburgischen Kremmen wohnt, ins Vorderhaus. „Es gibt immer mehr Leute, die Wert auf Qualität und nicht auf Masse legen“, beschreibt sie ihre Kunden. Sie selbst besitzt drei Paar Maßschuhe – und trägt nichts anderes. Ihre Werke halten bis zu zehn Jahren. Ihre Klientel besteht aus qualitätsbewussten Menschen, Geschäftsleuten, Schauspielern und auch Geplagten, die unkonventionelle oder empfindliche Füße haben.

Das Handwerk entdeckte sie, als sie selber Schuhe kaufen wollte und keine passenden fand. Nach dem Deutsch- und Politikstudium hatte sie außerdem von der Schreibtischarbeit genug. „Ich wollte abends sehen können, was ich tagsüber gemacht habe.“ Nach Ausbildungsstationen in Frankfurt und Wiesbaden bei einem Theater-, Herrenmaß und Orthopädieschumacher eröffnete sie nach der Meisterprüfung ihr Geschäft mit Werkstatt in Berlin. „Auch München und Hamburg standen erst zur Wahl", sagt sie. Berlin aber sei weniger etabliert, günstiger und offener für neue Entwicklungen.

Sie fühlt sich wohl in Mitte, weil in den Seitenstraßen viele Manufakturen und Geschäfte kreativer Köpfe ihren Platz haben. Kerstin Hennemann wusste früh, dass sie sich selbständig machen will, dass sie auch der Typ dafür ist, hat sie erst in den vergangenen Jahren gelernt. „Es ist eine super Erfahrung, herauszufinden, dass Beruf und Persönlichkeit zusammenpassen“, sagt die Geschäftsführerin, die gerne junge Leute ausbildet und natürlich Buchhaltung und Handwerk im Griff hat. Im Sommer will sie einen Gesellen einstellen. Begeisterte Schumacher sind willkommen.

Sophienstraße 28/29 in Mitte. Mi. bis Fr. 12 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 16 Uhr. Telefon: 40 04 28 61, www.masschuhmacherei.de

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