Zeitung Heute : Mathematik als Lebensretter

Informatiker der Freien Universität entwickeln Sicherheitstechnik für Feuerwehrleute

Stephan Töpper

Die Flammen sind nicht das Gefährlichste, sondern der sich rasch ausbreitende giftige Rauch. „Ohne Schutzmaske reichen schon drei tiefe Atemzüge, bis man bewusstlos wird“, sagt Stephan Fleischer von der Berliner Feuerwehr. Wegen der vielen Kunststoffe, die bei einem Wohnungsbrand in Flammen aufgehen, entstehen giftige Gase, die schnell für die Bewohner lebensbedrohlich werden.

Rund 8000 Mal im Jahr rückt die Berliner Feuerwehr zur Brandbekämpfung aus. Der Rauch macht auch den Feuerwehrleuten das Leben schwer. Sie tragen zwar Atemschutzmasken, Helme und Schutzanzüge, die sogar bei 250 Grad noch der Hitze widerstehen – aber wenn der Qualm die Sicht vernebelt, müssen die Lebensretter ein Gebäude praktisch blind erkunden. „Es ist der Herzenswunsch jeder Feuerwehr zu wissen, wie es ihren Leuten während eines Einsatzes geht und wo sie sich im Gebäude befinden“, sagt Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Berliner Feuerwehr. Dieses Wissen kann Leben retten.

Zurzeit verlässt sich ein Einsatzleiter noch auf bruchstückhaft zusammengesetzte Informationen und die eigene Erfahrung. Es gibt ein Gerät, das wie eine Eieruhr herunterzählt und verrät, wie lange ein Feuerwehrtrupp bereits im Gebäude ist. „Dreißig Minuten, länger hält es ein Brandbekämpfer in dieser lebensfeindlichen Umgebung nicht aus“, sagt Fleischer. Zusätzlich kann der Einsatzleiter über Sprechfunk direkt mit den Einsatzkräften in Kontakt treten. Keine leichte Übung, da die Feuerwehrleute unter ungeheurem Stress stehen und Flammen, Rauch und Lärm die Kommunikation nicht besser machen. Eine Informationsübermittlung unter diesen widrigen Bedingungen ist ungefähr so verlässlich wie „Stille Post“ auf einem Rummelplatz.

Informatiker der Freien Universität arbeiten deshalb mit Industrieunternehmen, Wissenschaftlern von privaten Forschungseinrichtungen und der Berliner Feuerwehr an einem Lokalisierungssystem für Feuerwehrleute. Diese lebensrettende Technik soll es möglich machen, den körperlichen Zustand und die genaue Position von Feuerwehrleuten in einem Gebäude fortlaufend zu überwachen. Das Projekt FeuerWhere wird mit 2,4 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

„Für die Lokalisierung in Gebäuden gibt es nichts Vergleichbares, was unter Einsatzbedingungen zuverlässig funktioniert“, sagt Michael Baar, Projektkoordinator am Institut für Informatik der Freien Universität. Das satellitengestützte Global Positioning System (GPS), das in Auto-Navigationssystemen eingesetzt wird, hilft nicht weiter: Satellitenübertragung funktioniert in Gebäuden so gut wie gar nicht. Die Wissenschaftler planen ein drahtloses Sensor-Netzwerk, das sich selbst konfiguriert. Das Endprodukt, etwa so groß wie eine Streichholzschachtel, wird von den Feuerwehrleuten am Körper getragen. Die Signale laufen auch über mehrere Personen hinweg zum Einsatzleiter. Dabei wird jede Person innerhalb des Netzwerkes zum Sender und Empfänger. Derjenige, der sich am nächsten zur Einsatzleitung befindet, überträgt die gesammelten Vitaldaten nach außen. Neben der Position der einzelnen Feuerwehrleute sind das Pulsfrequenz und Temperaturen innerhalb und außerhalb der Schutzkleidung. Mit diesen aktuellen Angaben kann die Einsatzleitung entscheiden, wann es Zeit ist, einen Feuerwehrtrupp aus den Flammen herauszuholen. Da außerdem die zurückgelegten Wege aufgezeichnet werden, kann der Einsatzleiter verhindern, dass sich Feuerwehrleute im Gebäude verlaufen und in eine Falle geraten.

„So ein komplexes Lokalisierungsverfahren auf dem Reißbrett zu entwerfen ist das eine. Ob es auch im Einsatz funktioniert, wenn Hitze, Rauchgase, Wasserdampf und Stahlbeton die Funkübertragung erschweren, das andere“, erläutert Baar die größte Herausforderung für die Forscher. In zweieinhalb Jahren soll es einen Prototyp geben, auf den die Berliner Feuerwehr schon wartet. Besucher der Langen Nacht erfahren mehr am Institut für Informatik, Takustraße 9, SR 005

Weiteres im Internet:

www.feuerwhere.de

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