Matthies meint : Auf Geisterfahrt mit Angela und Kurt

In China stellen sie ihre Jahre turnusmäßig ins Zeichen eines Tiers – gegenwärtig ist wieder einmal die Erdratte dran. Wir erkennen an dieser Maßnahme die ewige und zeitlose Weisheit des fernen Ostens, denn wir selbst haben so etwas ja überhaupt nicht, oder wir vergeben unsere Jahre planlos spontan. Immerhin: 2008 wäre nach dem bisherigen Ablauf zweifellos das Jahr des Geisterfahrers, politisch gesehen. Wir sagen nicht mehr: Der große Vorsitzende Soundso macht Fehler, sondern: Er ist ein politischer Geisterfahrer.

Das Bild hat den großen Vorteil, dass es die wahrscheinlichen Folgen gleich mit heraufbeschwört, Krachen, Scheppern, blutige Nasen, Notarzt. Und den Nachteil, dass Geisterfahrer so schlecht zu definieren sind. Einer in der falschen Richtung, das ist klar. Aber wenn es alle tun? Kurt Beck, der vom Parteifreund Michael Naumann schon im Februar nach der vergurkten Hamburg-Wahl als „politischer Geisterfahrer“ angegriffen wurde, hat den Vorwurf jetzt erneut am Hals: Er sei einer, der nicht weiß, wohin er lenken soll, „und im Zweifelsfall lieber laut fluchend den Falschfahrern von der Linkspartei hinterherjagt“.

So schreibt es der Musikproduzent Paul van Dyk in einer Veröffentlichung der brandenburgischen Sozialdemokraten. Laut fluchend? Charakteristisch für den Geisterfahrer ist ja eher, dass er sich in völliger Sicherheit wiegt und gar nicht auf die Idee kommt, an seiner Richtung zu zweifeln. Darauf hat kürzlich der bekannte Geisterfahrerforscher Wolfgang Schäuble hingewiesen, als er formulierte, die deutschen Atomkraftgegner seien wie jener Irregeleitete, der im Radio von seinem Fehler hört und erbost protestiert: „Wieso ein Geisterfahrer? Hunderte!“

Nur wenige Politiker sind völlig geisterfahrtsicher, einfach, weil sie persönlich die Richtung definieren, in der gefahren werden darf. Angela Merkel beispielsweise, die am Sonntag in einem Interview kürzlich was mit der Stromkostenerstattung bei Hartz IV durcheinandergebracht hat. Geisterfahrt? Ach wo. „Es hat sich“, sagte Regierungssprecher Steg feinziseliert, „in der Interpretation eine gewisse Unschärfe eingeschlichen“. Geisterfahrer, das sind die anderen, die Linken beispielsweise, die die falsche Spur ja schon im Namen angelegt haben und sich nun wundern, weshalb ein fremder Parteivorsitzender ihnen laut fluchend hinterherrast.

Nächstes Jahr feiern sie in China übrigens das Jahr des Büffels. Es könnte natürlich sein, dass Kurt Beck deshalb schon mal gestartet ist.

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