Matthies meint : Besonders heimtückische Strategie

Um ganz ehrlich zu sein: Diese Kolumne wurde vor allem deshalb geschrieben, um ein kostbares Wort vor dem Übersehenwerden zu bewahren. Es lautet: Pfandschlupf. Bitte, das sollten wir zunächst etwas einwirken lassen im Stile von „Genial daneben“. Es könnte sich um ein warmes apfeltaschenartiges Backwerk handeln, das der Wiener zur Melange genießt, es könnte auch eine Art warmer Hausstrumpf sein, der übergezogen wird, um die Folgen der Energiepreisexplosion zu mildern, und der meist zu zweit auftritt: Pfandschlupfen. Oder handelt es sich um den Energieverlust einer Bratpfanne, die nicht mehr plan auf dem Herd aufliegt?

Das ist jetzt der Punkt, wo die Sache leider dröge wird, denn es tritt Jürgen Resch auf, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Er prangert Folgendes an: Seit Sommer verkaufen deutsche Brauereien ihr Bier zum Teil in Einwegflaschen, die Mehrwegflaschen stark ähneln. Sortiert nun der ahnungslose Verbraucher diese Flaschen nach Leerung in eine Mehrwegkiste und schiebt sie in den Automaten, dann prellt ihn dieser Automat um das höhere Einwegpfand.

Die Differenz von 17 Cent, die sich Handel und Brauer angeblich hohnlächelnd in die Tasche schieben – das ist der Pfandschlupf. Jedenfalls der positive. Es könnte allerdings auch einen negativen geben, der eintritt, wenn der Verbraucher die Mehrwegflasche in einer Einwegkiste ... Davon ist in der Erklärung seltsamerweise keine Rede, obwohl die verschiedenen Schlupfarten sich durchaus die Waage halten könnten.

Wir dürfen annehmen, dass ein offenbar so gewichtiges Phänomen von den Brauereien sorgfältig beobachtet wird. Dort arbeiten seit Frühsommer speziell ausgebildete Pfandschlupfcontroller, die dem Vorstand einmal wöchentlich den Erfolg der „besonders heimtückischen Strategie“ (Resch) vortragen. „Darf ich vorschlagen, den Schlupfkoeffizienten durch raffiniertere Gestaltung der Einwegflasche ein wenig zu erhöhen?“ fragt der Referent, und der Vorstandschef antwortet: „Bloß nicht, sonst haben wir wieder diesen Resch von der Umwelthilfe am Hals.“

Oder so ähnlich. Es könnte allerdings auch sein, dass hier nur ein wenig aufs Blech gehauen wird, um klarzumachen, dass es das Durcheinander um die Pfandflaschen und Pfandbüchsen immer noch gibt, und dass ein paar Profisammler auch durchblicken, ganz im Gegensatz zum Kunden, der einfach irgendwas kauft und es dann, entleert, wieder irgendwo reinsteckt. Immerhin verdanken wir diesem Durcheinander ein wirklich schönes Wort.

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