Matthies meint : Cineastischer Notwehrexzess

Nein, Gewalt ist keine Lösung. Sie zeigt den Menschen als Getriebenen seiner niederen Instinkte, verschärft jeglichen Konflikt, kurz: Sie ist komplett pfuibäh, jedenfalls unter uns guten Menschen der westlichen Zivilisationen.

Andererseits, manchmal …

Ende letzter Woche hat ein junger Mann in einem Kino in Philadelphia einem anderen Kinobesucher in den Arm geschossen, weil der sich während des Films „The Curious Case of Benjamin Button“ laut mit einem Nachbarn unterhalten hatte. Oh, diese Maßnahme ist brutal und unverhältnismäßig. Aber sie hat was, was uns denken lässt: Geschieht dem Quatschkopf recht.

Im Grunde handelte es sich um etwas überzogene Notwehr. Denn das Geschäftsmodell der Multiplex-Kinos basiert, wie uns der Friedensforscher Johan Galtung sicher gern bestätigen würde, auf struktureller Gewalt. Besucher, die nichts als den Film sehen wollen, werden mit Massen von knisterndem, stinkendem Popcorn und klebrigen Getränken drangsaliert, und wenn sie nach 55 Minuten Werbung endlich glauben, am Ziel zu sein, geht das Licht an, und die Eisverkäufer kommen.

Daraus folgt: Widerstand gegen diese Verhältnisse ist zwar nicht unbedingt Cineastenpflicht, verdient aber nach dem alten Prinzip „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ zumindest mildernde Umstände. Zumal, wenn dann auch noch einer ewig dazwischenquatscht.

Wer diese Erwägung brutal findet, kann gern mal bei Mark Twain nachschlagen, der sich über mitsingende Opernbesucher so erregte, dass sein Urteil sehr hart ausfiel: „Die Begräbnisse dieser Leute kommen nicht oft genug vor.“ Solche Sprüche würde ihm der Presserat heute allerdings verleiden, und deshalb sagen wir so was längst nicht mehr und schreiben es erst recht nicht, auch nicht, wenn in der U-Bahn die Player kreischen, wenn in der Oper die Partituren rascheln oder Mahlers Neunte im philharmonischen Hustenorkan verendet.

Was ist aber nun die Nutzanwendung des Notwehrexzesses aus Philadelphia? Sagen wir es so: Wenn demnächst ein paar Leute im Kino die Klappe halten und nicht mit Popcorn rascheln, weil ihnen einfällt, hey, das hat in Amerika kürzlich Ärger gegeben – dann war nicht alles völlig umsonst.

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