Matthies meint : Das Leben nach Schlawinchen

Wir brauchen neue Lebensentwürfe! Schule, Studium, Topberuf, Rente, schließlich später, schmerzfreier Tod in der Residenz am Rosenanger – das gibt unsere Gesellschaft bekanntlich einfach nicht mehr her.

Flexibilität ist gefragt, und die demonstriert zurzeit keiner vorbildlicher als Frank L., der erste erfolgreiche Hitler-Attentäter der Geschichte. Es sah ja lange nicht gut aus für ihn: Als Punker zu bürgerlich, als Polizist zu zartfühlend, für den Supermarkt auch irgendwie ungeeignet – ein Leben, das im neoliberalen Diskurs mehr oder weniger zwangsläufig an Prekariatsinseln wie dem Kreuzberger „Schlawinchen“ strandet. Wenn nicht … Henrico Frank, Deutschlands letzter großer Sozialaufsteiger, musste sich von Kurt Beck noch zum Rasieren und Haareschneiden auffordern lassen; Frank L. hat sein Schicksal lieber selbst in die Hand genommen. 200 000 Euro Sachschaden? Ein Klacks, wenn die Medienmaschinerie erst angelaufen ist.

Und zwar so: Stern-TV mit Günther Jauch („Was haben Sie gedacht, als Sie auf die Hitler-Figur losgingen?“ „Ja, äh …“). Couch-Opfer bei Anne Will („Was haben Sie gedacht, als Sie …“). Starrolle in Guido Knopps Doku „Hitlers willige Wachsabgießer“. Teilnahme am großen Promi-Kochduell zusammen mit Kader Loth und Bruce Darnell, dann Verfilmung seines Lebens bei Sat 1: „Terror bei Tussauds“ mit Heiner Lauterbach als Frank L., Veronica Ferres als Begleiterin und Bruno Ganz als Hitler; schließlich Aufnahme in die Linkspartei mit lebenslanger Ehrenmitgliedschaft und Ernennung zum antifaschistischen Schutzwall ehrenhalber.

Spätestens dann kommt Hollywood, und wir müssen uns um den weiteren Fortgang dieses einst so prekären Lebens keine Sorgen mehr machen. Die letzte, finale Stufe der Karriereleiter ist bereits so klar vorgezeichnet wie nur was: Frank L. wird einen Ehrenplatz als Wachsfigur bei Madame Tussaud bekommen, hübsch authentisch gestaltet mit Dreitagebart und MotörheadT-Shirt. Die große Frage: Sollte diese Figur im selben Raum wie Hitler aufgestellt werden, möglicherweise als komplette Kopfabreißszene? Das wäre jedenfalls ein fabelhafter Beitrag zur Entdämonisierung des Wachs-Führers.

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