Matthies meint : Das Magazin für den Terroristen

Falls es erlaubt ist, einmal eine Zeitschrift der Konkurrenz vorzustellen: Soeben ist die siebente Ausgabe von „Inspire“ erschienen. Das elegante Hochglanzmagazin ist für den AlQaida-Terroristen, was für das ADAC- Mitglied die „Motorwelt“ ist: Informations- und Meinungsbörse, Ausdruck eines Gemeinschaftsgefühls über Grenzen hinweg. Es wird allerdings nicht verschickt und nicht verkauft, steht aber im Internet zum Herunterladen bereit; man ahnt, warum.

Was lernen wir daraus? Erst einmal, dass die Leute von Al Qaida nicht die von Wüstenstaub bedeckten Höhlenbewohner sind, die wir in ihnen unwillkürlich immer noch vermuten. Denn die grafische Gestaltung sieht nicht nach Obdachlosenzeitung aus, sondern spricht eher Leser an, die im Flieger gern einmal das Airline-Magazin durchblättern – man sucht unwillkürlich nach einem Impressum mit dem Namen des Art-Directors, um ihn für einen Branchenpreis anzumelden.

Und auch die Autoren, unter ihnen der bekannte Terrorismusexperte Osama bin Laden, dürfen als Spitzenkräfte gelten, auch wenn ihnen der Pulitzer- Preis vermutlich vorenthalten bleiben wird. Es fehlt eigentlich nur die Werbung, vielleicht für Einkaufszentren in Riad und Bahrain, oder für deutsche Qualitäts-Düngemittel? Ach, und der Inhalt, na ja. Allerhand Beschimpfungen des Großen Satans, das sind wir ja gewohnt. Interessant ist allerdings ein Kommentar, der sich gegen den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad richtet. Der hatte ja gerade wieder vor den Vereinten Nationen mitgeteilt, die Amerikaner hätten ihr World Trade Center selbst in die Luft gesprengt; auch den Besuchern der Berliner „Urania“ beispielsweise sind solche Thesen ja nicht ganz unbekannt.

Das geht natürlich gegen die Berufsehre der Al-Qaida-Leute. „Lächerlich“ sei das, schimpft der Inspire-Kommentator, es widerspreche jeder Logik und allen Beweisen. Man selbst habe Erfolg gehabt, Teheran aber nicht, und nun wolle es den Ruhm der Gotteskrieger, na, und so weiter. Wo der Mann Recht hat, hat er Recht, das muss man einfach neidlos zugestehen.

Aus unserer Sicht ist dieser Zank ganz wohltätig. Das Pack schlägt sich, das ist immer gut, es lenkt von anderen, gefährlicheren Beschäftigungen ab. Möglicherweise sollte sich Al Qaida auf lange Sicht ganz im Verlagswesen etablieren und den alten Markenkern, das Töten, Sprengen und Schießen, aufgeben. Wäre ein Segen für die Welt.

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