Matthies meint : Der Wolf als Nachbar

Das bayerische Umweltministerium will die Bevölkerung auf Wölfe als Nachbarn vorbereiten. Die Zeit drängt, spätestens, seit jetzt im Fichtelgebirge die Raubtiere den Platz der verschwundenen Berliner Touristen einzunehmen beginnen. Mancher Pensionswirt beherbergt in seiner Verzweiflung bereits seltsam zottige Gäste, die zu Fuß durch den Wald anreisen, keine Kreditkarten besitzen und Jägerschnitzel vorzugsweise blutig essen, sehr gern auch ohne Schnitzel und so gut wie nie mit gemischtem Salat. „Wir können sehr gut mit denen leben“, sagte jetzt der Geschäftsführer des Naturparks Fichtelgebirge.

Ja, dann! Wölfe als Nachbarn sind leicht zu erkennen. Sie bekommen nie Post und stellen keine Kinderwagen in den Hausflur, neigen aber dazu, bei Vollmond nachts auf dem Balkon laut zu heulen. Während der Laie dann Hausbesitzer oder Mieterverein konsultiert, nutzt der Kenner die Ratschläge des Umweltministeriums: „Sprechen Sie laut, gestikulieren Sie oder machen sich anderweitig deutlich bemerkbar. Der Wolf wird sich daraufhin in der Regel entfernen.“

Anderweitig: Damit ist auf keinen Fall die Untersagungsverfügung des nächsten Amtsgerichts zu verstehen, denn so etwas macht Wölfe unnötig aggressiv. Es genügen knapp formulierte Kraftausdrücke wie „Sauwolf, preußischer!“ oder „Kraftdackel, gscherter!“

Dennoch, darauf weist die Einschränkung „in der Regel“ hin, wird der Wolf eventuell nicht sich entfernen, sondern seinem Gegenüber den Kopf und andere wertvolle Körperteile. Vermutlich liegt das daran, dass er aus der Lausitz eingewandert ist – dort reagiert man traditionell allergisch auf bayerische Kraftausdrücke. Sofern noch möglich, empfiehlt es sich dann, rasch ein rotkariertes Kleid sowie eine farblich passende Kopfbedeckung anzulegen und einen bewaffneten Jäger herbeizurufen. Die althergebrachte Methode, den Bauch des Tiers mit Wackersteinen aufzufüllen, gilt aber als nicht mehr artgerecht und ist auf jeden Fall zu vermeiden.

Das Ministerium plant nun eine Wanderausstellung. Touristen sollen nicht länger ahnungslos daherwandern, sondern permanent von einer rollenden Informationsschau begleitet werden. Die dabei im Rahmen des Wolfsmanagements eingesetzten Experten können verdächtige Kotspuren sofort analysieren und genetisch fundierte Wanderwege vorschlagen.

Der Wolf wird diese Sprache verstehen. Wenn nicht, bekommt er eine eigene TV-Show bei Vox und wird von Reiner Calmund aufgegessen. Gedünstet mit Kraut und böhmischen Knödeln.

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